3. Brühler Tagung junger Asienexperten, Mai 2001
Die Bedeutung lokaler Partizipationsformen für den Prozess
der Demokratisierung - eine vergleichende Analyse (Dissertationsvorhaben)
von Anja-Désirée Senz, M.A., Gerhard-Mercator-Universität Duisburg, Institut
für Ostasienwissenschaft
Die Dissertation setzt sich zum Ziel, die Bedeutung von Dezentralisierungsmaßnahmen
bzw. der lokalen politischen Ebene im Transformationsprozess anhand eines
Vergleiches einzelner Länder in Asien zu untersuchen. Dabei liegt der
Schwerpunkt der Untersuchung auf den partizipativen Aspekten der lokalen
politischen Strukturen. Im Folgenden möchte ich zunächst den Forschungsgegenstand
und den theoretischen Rahmen kurz vorstellen und danach die Fragestellung
und Vorgehensweise darlegen.
Forschungsgegenstand
Moderne (insbesondere demokratische) politische Systeme stehen vor dem
Problem, die Notwendigkeit zu kleinen räumlichen Einheiten basierend auf
Vertrautheit und der Möglichkeit zu (politischer) Partizipation mit dem
Bedarf an Größe und Vielfalt der Ressourcenbasis zur Sicherung ökonomischer
Prosperität vereinbaren zu müssen. Als Lösung für dieses Dilemma bietet
sich die Untergliederung der Regierung in verschiedene Ebenen (z.B. lokale,
regionale und nationale) und eine Arbeitsteilung zwischen diesen an.
Jedes politische System hat unterhalb der nationalen Ebene weitere politische
Ebenen, unabhängig davon, ob es zentral oder föderal organisiert ist.
Aus politik-wissenschaftlicher Sicht kann die lokale Ebene als diejenige
räumliche und personelle Einheit definiert werden, die den sinnvollen
Rahmen politischer Entscheidungsstrukturen und Planungsmöglichkeiten auf
der untersten Ebene des politischen Systems darstellt. Idealerweise repräsentiert
sie natürliche Gemeinschaften, ist Zugangsmöglichkeit und Anlaufstelle
für die Bürger, kann politische Rekrutierungsbasis sein, leistet die Verteilung
der Ressourcen mit Blick auf lokale Gegebenheiten, ist der Ort, an dem
der Bürger in das politisch-administrative System integriert werden kann.
Andererseits hat sie auch charakteristische Schwächen: So sind lokale
Einheiten oftmals zu klein, um effizient Dienstleistungen zu erbringen,
finanziell nicht autonom von höheren Ebenen und dominierbar durch lokale
Eliten.
Mögen dezentrale Organisationsformen aus Sicht einer politischen Zentrale
auch einen Kontrollverlust bedeuten, so spricht doch insbesondere die
Effizienz ortsnaher und regionaldifferenzierter Entscheidungen, die für
die Bürger sichtbare Verbindung von Leistung und Gegenleistung, eine enge
Beziehung zwischen "Regierten" und Regierenden" sowie die Entlastung der
nationalen Ebene von Politikimplementation und Legitimationssicherung
grundsätzlich für eine Dezentralisierung des politischen Systems. Aus
demokratietheoretischer Sicht kommt den lokalen politischen Einheiten
die Funktion der Machtbegrenzung zu, denn durch die hohe Anzahl unabhängiger
Entscheidungs- und Handlungszentren wird die Staatsgewalt zergliedert
und die Macht verteilt.
Theoretischer Rahmen
Die moderne Transformationsforschung ist im Allgemeinen konzentriert
auf die politischen Entwicklungen im Bereich der nationalen Ebene. Sie
sieht in den städtischen Eliten die zentralen Akteure, die die "(ländlichen)
Massen" - interpretiert als eine abhängige soziale Kategorie - je nach
Machtkontext und Transformationsphase mobilisieren und instrumentalisieren.
Das Aushandeln einer Verfassung, die Etablierung politischer Institutionen
und die Entstehung neuer politischer Akteure (z.B. Parteien) stellen sich
als elitenzentrierter und in Bezug auf die breite Bevölkerungsmehrheit
exklusiver Prozess dar. Partizipationsakte breiterer gesellschaftlicher
Schichten werden in dem neu geschaffenen politischen System in Interessengruppen
kanalisiert, deren Herausbildung wiederum als ein Kernbestandteil einer
entstehenden civil society gesehen wird. In Bezug auf die verschiedenen
Ebenen des politischen Systems scheinen sich Demokratisierungsprozesse
als nicht genauer bestimmte Dezentralisierungsmaßnahmen von oben nach
unten fortzusetzen.
Im Unterschied zu autoritären Systemen sind demokratische Staaten auf
der lokalen Ebene institutionell unabhängig von höheren Ebenen und es
besteht die Möglichkeit, den politischen Interessen der lokalen Ebene
innerhalb des politischen Systems Ausdruck zu verleihen; außerdem sind
lokale Beamte nicht einfach mittels Berufung durch höhere Regierungsebenen
installierbar. Man kann folglich sagen, dass sich die Transformation eines
Systems auf allen politischen Ebenen manifestiert und die Herausbildung
demokratischer Strukturen unterhalb der nationalen Ebenen einen wesentlichen
Faktor in Bezug auf die Konsolidierung von Demokratien darstellt. So unterstreichen
z.B. Forschungsergebnisse aus den post-kommunistischen, aber demokratisch
noch nicht gefestigten Staaten Osteuropas die Bedeutung, die der lokalen
Ebene für die Stärkung der jeweiligen Demokratie von der eigenen Bevölkerung
zugemessen wird.
Allerdings können Staaten, die wie z.B. Indien im Hinblick auf die Makroebene
stabile Demokratien sind, auf der lokalen Ebene von Kastenhierarchie und
der Dominanz von Großgrundbesitzern charakterisiert sein, die durch Allianzen
mit der wichtigsten auf der nationalen Ebene agierenden politischen Partei
verfestigt werden und die lokale Ebene auf die Funktion der Mehrheitsbeschaffung
reduzieren. Die Demokratie hat sich demnach nicht auf die Subeinheiten
des politischen Systems übertragen; die Partizipationsmöglichkeiten derjenigen
Bevölkerungsteile, die mehrheitlich auf dem Land leben, sind nicht nur
auf der nationalen Ebene gering, sondern ein großer Teil der Menschen
hat auch im direkten lokalen Umfeld kaum Möglichkeiten zur Einflussnahme
auf politische Entscheidungen. Auch die Möglichkeiten oppositioneller
Kräfte, auf der nationalen Ebene politische Erfolge zu erringen, sind
in diesen von einer Partei dominierten Systemen gering. Indien hat daher
zu Beginn der 90er-Jahre politische Reformen in Gang gesetzt, die insbesondere
den Bereich der Selbstorganisation der untersten politischen Einheiten
durch lokale Wahlen stärken sollen. Auch Nepal z.B. hat seit Ende der
80er-Jahre die Demokratisierung auf allen Ebenen des politischen Systems
vorangetrieben und demokratisch gewählte, lokale politische Institutionen
etabliert.
Auch in der VR China, die als autoritäres Einparteiensystem klassifiziert
werden kann, kam es in den 90er-Jahren zur Einführung von Dorfwahlen,
die als ein Teil lokaler Selbstverwaltung nach Einschätzung mancher Beobachter
politische Freiräume für die ländliche Bevölkerung eröffneten und sogar
Ansätze zu einer langsamen Demokratisierung sein könnten.
Aus dem Dargestellten lässt sich schlussfolgern, dass ein demokratischer
nationaler Rahmen nicht automatisch auch die demokratische Qualität des
Systems bis auf die lokale Ebene impliziert oder umgekehrt. Die hier nur
kurz dargestellten Entwicklungen verleihen jedoch insbesondere der Tatsache
Ausdruck, dass politische Systeme - vor allem in bevölkerungsreichen und
gesellschaftlich heterogenen Staaten - effiziente Organisationsformen
zur Aufrechterhaltung politischer Stabilität errichten müssen und die
Zentrale bestimmte Aufgaben an untere politische Einheiten delegieren
können muss.
Außerdem ist festzustellen, dass infolge einer Konzentration der Forschung
auf national agierende Eliten (bzw. die nationale/zentrale politische
Ebene) die Frage, ob Transformationsimpulse auch von der lokalen Ebene
- und damit aus handlungstheoretischer Sicht von der "Masse" - ausgehen
könnten, kaum thematisiert wird. Es können aber Beispiele dafür gefunden
werden, dass es in einigen sich demokratisierenden Staaten
zunächst zu einer schrittweisen Umformung der Legitimationsbasis der unteren
politischen Ebenen kam; am Ende dieser Transformation standen nationale
Wahlen mit der Chance des Regierungswechsels. Diese Einführung lokaler
Wahlen vor der Durchführung nationaler Wahlen findet eine plausible Begründung
darin, dass auf diese Art breite Bevölkerungsteile demokratische Spielregeln
erlernen können - die lokale Ebene fungiert in diesem Sinne als die in
der Literatur zitierte "Schule der Demokratie" und dient so der politischen
Sozialisation Zu prüfen ist, ob sich dieser Weg der Transformation des
politischen Systems z.B. in heterogenen Gesellschaften, in denen die Gefahr
der Fragmentierung besteht, positiv auf die Erhaltung der politischen
Einheit des Gesamtstaates auswirken könnte.
Erkenntnisinteresse
Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Rolle der ländlichen Bevölkerung
im Prozess der Demokratisierung in der Literatur bisher unterschätzt wird.
Daher soll die Beteiligung dieser Bevölkerungsteile an politischen Prozessen
im Rahmen der Herausbildung bzw. Konsolidierung junger Demokratien den
thematischen Schwerpunkt des Dissertationsvorhabens bilden.
Insofern ist das etablierte Paradigma der zur Demokratisierung erforderlichen
urbanen, ökonomisch erfolgreichen Mittelschichten kritisch zu hinterfragen
und der Beitrag, den die ländliche Bevölkerung zur Demokratisierung leisten
kann, einer eingehenden Untersuchung zuzuführen. Demnach können insbesondere
dort, wo die ländliche Bevölkerung wie in den meisten so genannten Entwicklungsländern
die Mehrheit darstellt, politische Veränderungen hin zu demokratischen
Strukturen nur dauerhaft durchgesetzt werden, wenn es gelingt, die Mehrheit
der Bevölkerung für den Demokratisierungsprozess einzunehmen und sie als
wertvollen Verbündeten einer Mittelschicht zu begreifen, welche aus sich
heraus nicht stark genug ist, politische Veränderungen durchzusetzen.
Aber für die in relativer Armut lebende Bevölkerungsmehrheit in den agrarisch
strukturierten Staaten Afrikas, Lateinamerikas und Asiens sind Autoritäten
in ihren Dörfern, Gemeinden oder ethnischen Gruppen bedeutsamer und einflussreicher
als eine 'entfernte' nationale Regierung, die keine Wurzeln auf dem Land
hat; alltägliche Probleme 'vor Ort' sind drängender als politische Probleme
von nationaler oder sogar internationaler Tragweite. Insofern besteht
eine Kommunikationslücke zwischen den Wenigen, also jener westlich orientierten
urbanen Elite einerseits, und der in Bezug auf die Lebensführung in 'modernen
(westlichen) Demokratien' relativ ungebildeten ländlichen Bevölkerung
andererseits. Aus Sicht dieser ländlichen Bevölkerung muss der globale
Trend der Demokratisierung letztlich als eine neue Form des Imperialismus
erscheinen, solange keine Möglichkeit der Mitsprache in eigenen Belangen
besteht. Folglich sind Maßnahmen, die sich gezielt um die Einbeziehung
dieser Bevölkerungsteile bemühen von großer Bedeutung für die Herausbildung
stabiler demokratischer Verhältnisse.
Die Versuche in ethnisch heterogenen Gesellschaften, die darüber hinaus
auch durch Armut und Ungleichheit gekennzeichnet sind, stabile demokratische
Systeme aufzubauen, scheinen oftmals in jene semidemokratischen Systeme
zu münden, die letztlich nur einen stillschweigenden Kompromiss zwischen
den jeweiligen dominanten (und nicht selten korrupten) Eliten und internationalen
Organisationen bzw. Investoren darstellen und eben nicht nur als Durchgangsstadium
auf dem Weg zu einer konsolidierten Demokratie nach westlichem Maßstab
interpretiert werden können.
Formen partizipativer, dörflicher und gemeindlicher Selbstorganisation
und -verwaltung, die auch eine Lösung für den Umgang mit lokalen Traditionen
beinhalten müssen, könnten helfen, die bisher ausgeschlossene Bevölkerungsmehrheit
an der politischen Entscheidungsfindung zu beteiligen und ihre Bedürfnisse
effektiver auf der lokalen, aber letztlich auch der nationalen Ebene zu
repräsentieren. Die lokale Ebene kann in Zeiten des einsetzenden sozio-ökonomischen
Wandels zu einer Quelle demokratischer Stabilisierung werden, wenn es
gelingt, die Bürger von der Qualität des demokratischen Prozesses auf
der lokalen Ebene zu überzeugen, und sich das Gefühl entwickelt, im Bedarfsfall
selbst politisch erfolgreich aktiv werden zu können. Sie kann dann legitimatorische
Kompensationsleistungen für die übergeordneten Ebenen erbringen und als
Legitimationsressource für das politische System interpretiert werden.
Aus diesen Überlegungen ergibt sich die folgende Arbeitsthese:
Arbeitsthese
Die Stabilität politischer Systeme - insbesondere demokratischer Systeme
- wird beeinflusst durch die Form und das Ausmaß der Partizipation der
ländlichen BeBevölkerung und der Verbindung von lokalen mit nationalen
Strukturen im Sinne einer Gewährleistung größtmöglicher Responsivität
des politischen Systems auf der lokalen Ebene.
Vorgehensweise
Die Untersuchung ist explorativ angelegt. Auf Basis von Sekundärdaten,
einer Literaturanalyse und verschiedenen Experteninterviews ist ein Vergleich
von Fallbeispielen aus der geographischen Großregion Asien angestrebt.
Dabei soll durch die Bearbeitung verschiedener Länderbeispiele (wobei
der Umfang von der Datenlage abhängen wird) versucht werden, Aussagen
zu treffen über die Rolle der lokalen Ebene für den Prozess der Demokratisierung,
und nicht zuletzt im Hinblick auf die VR China auch versucht werden, die
von Teilen der chinesischen Elite behauptete Einzigartigkeit der neueren
Entwicklung kritisch zu bewerten. Als konkrete Länderbeispiele sollen
nach augenblicklichem Stand die VR China, Taiwan, Indien, Nepal und die
Philippinen vergleichend untersucht werden. Sie weisen als gemeinsame
strukturelle Merkmale heterogene Gesellschaften auf, wobei die Bevölkerungsmehrheit
in ländlichen Gebieten unter schwierigen ökonomischen Bedingungen lebt.
In allen Staaten sind Bemühungen um eine Neugestaltung der lokalen Strukturen
in den 90er-Jahren zu erkennen. Taiwan stellt angesichts der rapiden wirtschaftlichen
und aktuellen politischen Entwicklung einen Sonderfall unter den ausgewählten
Fallbeispielen dar. Anhand der Entwicklung Taiwans soll exemplarisch untersucht
werden, welche Bedeutung die Einführung lokaler vor nationalen Wahlen
für die Stabilität des politischen Systems und die demokratische Konsolidierung
hat.
Daraus folgend können einige vorläufige Leitfragen der Untersuchung formuliert
werden:
- Wie ist die jeweilige lokale Selbstverwaltung gestaltet, wie ist ihr
Entstehungs- und Funktionszusammenhang?
- Welchen Stellenwert hat die lokale Selbstverwaltung innerhalb des
jeweiligen politischen Systems? Wie ist die Verbindung zwischen nationaler
und lokaler Ebene gestaltet?
- Welche Bedeutung haben lokale und nationale Wahlen für die ländliche
Bevölkerung und welche Auswirkungen ergeben sich für den Prozess der
Demokratisierung aus einer Einführung lokaler Wahlen?
- Welche Rolle spielen traditionelle gesellschaftliche Organisationsformen
im Verhältnis zu den neuen Strukturen lokaler Verwaltung?
- Beschleunigen oder verlangsamen Dezentralisierungsmaßnahmen den Demokratisierungsprozess
insgesamt? Wie können Dezentralisierungsmaßnahmen differenziert werden,
um zu einer Unterscheidung von erfolgversprechenden und weniger ertragreichen
Bemühungen zu gelangen?
Dazu
zählen einige afrikanischen Staaten und z.B. Taiwan.
zurück
Literatur:
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Baltimore et al.: Johns Hopkins Univ. Press
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Diamond, Larry; Plattner, Marc F. (eds.), Democracy in East Asia.
Baltimore et al.: Johns Hopkins Univ. Press, pp. 57-79
Przeworski, Adam (1992), "The Games of Transition". In: Mainwaring, Scott
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Notre Dame Press, pp. 105-152
Sorensen, Georg (1993), Democracy and Democratization. Process and
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