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3. Brühler Tagung junger Asienexperten, Mai 2001
Demokratisierungsdiskurse unter Intellektuellen in der VR China 2000
von Dr. Nora Sausmikat, Gerhard Mercator Universität Duisburg, FB1 Politikwissenschaft/ Ostasien

  1.1. Einleitung
  1.2. Soziopolitische Ereignisse und Eckpunkte in der Diskussion um Demokratie
2. Demokratisierungsdiskurse und Diskursstrategien unter Intellektuellen
  2.1. Liberalismus
  2.2. Demokratisierungsdiskurs
  2.3. Partizipation: Der Weg steht im Zentrum
3. Schluß

2.1. Liberalismus

Zunächst einmal muß hervorgehoben werden, daß vieles, was heute unter dem Schlagwort "Liberalismus" diskutiert wird, früher Inhalt der neokonservativen, dann der neoautoritären Debatte war. Wir müssen darüber hinaus im gesamten Diskurs um Liberalismus deutlich zwischen den Verfechtern des ökonomischen und des philosophischen Liberalismus unterscheiden. Gan Yang, Philosoph und Lektor in Hongkong, kritisiert chinesische Intellektuelle für ihren Mißbrauch des Terminus Liberalismus (Gan Yang 2000: 2). Der größte Fehler der Intellektuellen sei der kollektive Glaube, Freiheit heiße marktwirtschaftliche Freiheit. Dieser Liberalismus habe nichts mit Demokratie und Gleichberechtigung zu tun. Es ist ihm wichtig, darauf hinzuweisen, daß es sowohl demokratischen als auch anti-demokratischen Liberalismus gäbe. 1997 verwies Gan schon auf die neokonservativen Züge innerhalb des Liberalismus. Daher müssen wir zwischen drei verschiedenen Liberalismusdiskursen in China unterscheiden: so gibt es den Freiheitsdiskurs, in dem Themen wie die Verfassungsänderung, die Ermächtigung der Intellektuellen und die Freie Presse angesprochen werden, den Diskurs über die schnelle ökonomische Liberalisierung und einen dritten Strang, der sich im weitesten Sinne der Modernisierung v.a. auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Fortentwicklung zu einer Gesellschaft von mündigen, aufgeklärten Individuen verschrieben hat.

Beispielhaft können für den ersten Diskussionsstrang Intellektuelle wie Li Shenzhi und Liu Junning, für den zweiten Mao Yushi (er ist einer der Gründer des think tanks "Unirule Institue of Economics"), für den dritten Xu Youyu und Dai Quing angeführt werden. Die beiden ersteren sollen hier näher besprochen werden.

Li Shenzhis Vorstellung von politischer Reform beginnt mit einer radikalen Verfassungsänderung. Li:
"Ich glaube, das politische System in China drückt sich am konzentriertesten in der Verfassung aus. Sie ist der Träger des politischen Systems. Wenn wir die Verfassung ändern wollen, so ist das Ziel, die Reform des politischen Systems voranzutreiben. Man kann nicht von Reform des politischen Systems reden, wenn man nicht die Verfassung reformiert. Wie soll man dann irgendetwas reformieren? Also muß die Reform der Verfassung zum Träger der politischen Reform werden. 1981 habe ich 10 Punkte aufgestellt, 1988 habe ich sie noch einmal vorgebracht." (Interview Juni 2000)

Für Li und Liu Junning stellt die Verankerung des Rechts auf Privateigentum in der Verfassung den Ausgangspunkt der politischen Reform dar. Die Verankerung privater Rechte wird als zentrales Movens identifiziert. Formuliertes Ziel ist der Schutz unabhängiger Organisationen wie z.B. Umweltschutzorganisationen, die Entideologisierung der Wissenschaft, die Enttabuisierung der chinesischen Geschichte, die Aufhebung des Parteienverbots und der Zensur, die Gewaltenteilung und die Übernahme einer parlamentarischen Demokratie. Der Liberalismusdiskurs ist zwar vielgestaltig, doch übereinstimmend ist die Hoffnung auf einen graduellen Wandel innerhalb eines Gesetzesrahmen, der erst noch zu schaffen ist.

2.2. Demokratisierungsdiskurs

Zum Demokratisierungsdiskurs lassen sich Diskussionen zur Demokratie mit chinesischen Charakteristiken (Wang Lixiong, Wang Xiaodong), zur Dorfwahlthematik, zum Nationalismus und zur Auseinandersetzung mit der Legitimität der Kommunisten Partei Chinas zählen. Vorrangig geht es hier um Methoden und weniger um die Ziele politischer Reform. So wird z.B. auf die Notwendigkeit der Anpassung westlicher Modelle an die chinesischen Gegebenheiten hingewiesen. Der Aufsatz von Wang Lixiong mit dem Titel "Indirektes Repräsentativsystem versus Demokratisches System: Relative Vorteile um das Tibetprolem zu lösen" (Zhonguo sheui kexue jikan Dez. 2000) zeigt z.B. deutlich, daß ein demokratisches System als Gefahr für die innere Stabilität und die Einheit der Nation empfunden wird. Besser sei ein Schritt für Schritt aufgebautes Repräsentativsystem, welches im Entwurf von Wang das Wahlsystem des Volkskongresses beschreibt, welches über die Wahl von Repräsentanten der Dörfer, der Regionalkongresse, der Provinzabgeordneten zur Wahl der Abgeordneten des VK führt.

Andere wie Wang Xiaodong haben sich der Mobilisierung gegen Westmächte verschrieben und glauben an die Verschwörungstheorie einer durch die USA lancierten "friedlichen Evolution". Er verweist darauf, daß zukünftige Zusammenstöße nicht aufgrund kultureller (Reaktion auf Huntington), sondern militärischer und wirtschaftlicher Unterschiede ausgelöst würden. Daher weist er wie auch andere z.B. He xin) auf die Notwendigkeit der Stärkung des Militärs, der Stärkung Chinas insgesamt durch wirtschaftliche Prosperität u.a., der Bewahrung der Stabilität durch eine charismatische Führerschaft und durch eine gut ausgebildete Führungsschicht.

2.3 Partizipation - Der Weg steht im Zentrum

Kennzeichnend für diesen Diskurs ist die beidseitige Orientierung an Vorteilen des maoistischen Systems und an Partizipationsformen und Institutionen der "Checks and Balances" aus westlichen Demokratien. Schwerpunkt der Kritik sind soziale Ungerechtigkeiten im bestehenden System. Lobbyismus und Mobilisierung der Bevölkerung werden als Weg beschrieben, um eine breite politische Partizipation und Interessenwahrnehmung aller Bevölkerungschichten zu erreichen

In diesem Diskurs steht das Verhältnis zwischen Staat und Bürger im Zentrum und der Weg einer Demokratisierung führt über die gezielte Einrichtung von Institutionen der Partizipation. Eine kulturabhängige Demokratiedefinition wird in diesem Diskurs übereinstimmend abgelehnt, nur der Weg zur Mobilisierung der Bürger wird auf unterschiedliche Weise diskutiert (unterschiedliche Interessengruppen).

Ausgangspunkt bildet die spezifische Verteilung bzw. Enteignung von Eigentum im Laufe der Geschichte der VR China. Intellektuelle wie Qin Hui, der sich für unabhängige Gewerkschaften einsetzt, oder He Qinglian, eine Ökonomin, die vorrangig auf ethische Defizite in der chinesischen Marktwirtschaft hinweist, rücken soziale Interessen und Partizipationsformen in den Mittelpunkt. Die Besonderheiten der chinesischen Geschichte im Modernisierungsprozess, so z.B. der Hinweis darauf, dass China Agrarland war und ist, geben diesem Diskurs seine eigenwillige, nationalistische Note. Qin Hui verweist auch auf den "angeborenen Patriotismus", der den chinesischen Liberalismus leiten sollte. Er betont, dass die Verteilung von Eigentum in China nicht unter demokratischen Verhältnissen stattgefunden habe und damit die Bürger um ihr Eigentum betrogen worden seien. Eine politische Aussöhnung wie sie z.B. in Einrichtungen wie der des Runden Tisches in anderen Ländern möglich war, hält Qin in China für illusorisch. Qin Hui bezeichnet daher seine Vorschläge zur Bildung von unabhängigen Gewerkschaften und der Einrichtung von Interessenvertretungen als den "chinesischen Dritten Weg".

: Gan Yang (1997). "Fan minzhu de ziyou zhuyi haishi minzhu de ziyou zhuyi? (Ist ein antidemokratischer Liberalismus noch ein demokratischer Liberalismus?)", in: Ershiyi shiji Nr. 39: 4-17, aus Schubert (1997): 68.
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