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3. Brühler Tagung junger Asienexperten, Mai 2001
Demokratisierungsdiskurse unter Intellektuellen in der
VR China 2000
von Dr. Nora Sausmikat, Gerhard Mercator Universität Duisburg, FB1
Politikwissenschaft/ Ostasien
2. Demokratisierungsdiskurse und Diskursstrategien unter Intellektuellen
Was sind die Inhalte des neuen Diskurses und in welchem Verhältnis steht
er zu vergangenen Diskursen um politische Reform, Demokratisierung und
Modernisierung? Hauptmerkmale und Grenzen des Diskurses lassen sich wie
folgt zusammenfassen:
Übereinstimmungen:
- Was in diesen Essays völlig in den Hintergrund tritt ist die offizielle
Lesart des "SOZIALISMUS IN SEINEM ANFANGSSTADIUM" (shehui zhuyi chuji
jiedu-an), die noch 1995 als inhaltliche Säule des "(DEMOKRATISCHEN)
SOZIALISMUS MIT CHINESISCHEN KENNZEICHEN" galt. Was aber die neue Diskursvielfalt
erst hervor befördern konnte, hängt eng mit dieser Doktrin zusammen
- denn seit China rhetorisch wieder "Entwicklungsland" geworden ist,
ist eine Diskussion um die politische, nicht nur die ökonomische Reform
sogar notwendig geworden.
- Reform der Verfassung und des
- Aufbaus einer "Rechtsgesellschaft"
- wirtschaftliche Privatisierung (Verfassungsänderung März 1999).
Tabus:
- Historische Themen zu sensiblen Geschichtsbereichen
- westliche ökonomische Theorien vorrangig des Liberalismus
- westliche politische und philosophische Theorien (Liberalismus) und
- das Taiwan-Problem (Demokratisierung in Taiwan, Wiedervereinigung)
insgesamt.
Diskursstrategien:
- Ablehnung oder Befürwortung spezifischer (westlicher) politischer
Theorien:
z.B.:
Edmund Burke: wurde in China zu einem Synonym der "Anti-Demokraten"
bzw. der Neo-Konservativen, da mit Hilfe seiner Theorie u.a. die Rechtfertigung
des Tiananmen-Massakers vorgenommen wurde, die Französische Revolution
verurteilen und die Reformierung der Elite anstreben.
Beispiel Hayek: Hayek wird sowohl von denjenigen zu Rate gezogen,
die für den sanften ökonomischen Wandel ohne politische Reform argumentieren,
als auch von denjenigen, die ökonomische und politische Freiheit verbinden
wollen (Wang Hui 2000: 488).
- Die Diskussionen unter den Intellektuellen in China kreisen um die
Bewertung der englischen oder französischen Revolution, waren diese
nun aristokratisch oder vom Volke ausgehend, erzeugten sie den gewaltsamen
Umsturz und danach autokratische Regime oder legten sie die Basis für
lang anhaltenden Frieden, Wohlstand und Demokratie? Damit einher geht
auch die Bewertung der eigenen Revolutionsgeschichte.
[Z.B. wurde in diesem Zusammenhang provokativ darauf hingewiesen, daß
die kommunistische Revolution 1949 aus der heutigen Perspektive im Grunde
eine bourgeoise Revolution gewesen sei, da sie die Basis für die dynamische
kapitalistische Entwicklung Chinas heute legte (In: current history Sept.
1999 (Nr. 243/ China's Communist Revolution: A Half-Century Perspective).]
- Auch die Bewertung der Frankfurter Schule und ihrer Kritik am Liberalismus/
Kapitalismus, die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus, die Interdependenz
von Liberalismus, Kapitalismus und Faschismus sind Themen, die heiß
diskutiert werden.
Der Umweg über die französische und englische Revolution kann nicht im
Sinne eines historischen Vergleichs gemeint sein. Dafür gibt es zu wenig
gesellschaftlich und politisch vergleichbare Voraussetzungen und historische
Bedingungen. (Bsp: Feudale Lehnstaaten/ Frankreich - Absolutismus/ England-Monarchie
- nicht vergleichbar mit Parteienherrschaft etc.)
Diskursstrategien. Es geht um
- die Suche nach geeigneten "diskursiven" Konzepten für einen politischen
Emanzipationskampf einer neuen Generation - einer Generation, die noch
zu Zeiten der KR angestrengt über die französische Revolution diskutierte
und heute die englische und amerikanische ins Zentrum der Auseinandersetzung
rückt, um gegen Gewaltherrschaft und für institutionellen Wandel und
einen Verfassungsstaat kämpft.
- einen politischen Emanzipationskampf gegen Neo-Konservative, der mit
einem Vokabular bestritten wird, welches sowohl an die Globalisierungsdebatte
als auch an die Neoliberalen Diskussionen in Europa anknüpft. Die Gegner
des rein ökonomischen Liberalismus berufen sich auf Autoren wie Tocquville,
Hayek, Habermas, Isaiah Berlin, u.a.
- Vermeidungsstrategie, um historische Tabubereiche wie die Kulturrevolution
zu umgehen.

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