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3. Brühler Tagung junger Asienexperten, Mai 2001
Demokratisierungsdiskurse unter Intellektuellen in der
VR China 2000
von Dr. Nora Sausmikat, Gerhard Mercator Universität Duisburg, FB1
Politikwissenschaft/ Ostasien
Die Autorin dankt an dieser Stelle dem China Center for Comparative Politics
(CCPE) für die Kooperation und allen Interviewpartnerinnen und -partner
aus der VR China/ Beijing für ihre Auskunftsbereitschaft.
1.1. Einleitung
Diese Ausführungen basieren zum großen Teil auf einer Interviewreihe
vom Sommer 2000, Zeitungsartikeln und Monographien zur Diskussion um politische
Reform. Diese Arbeit ist ein Teilprojekt einer DFG geförderten Vierländerstudie,
die die politischen Auswirkungen und Demokratisierungsdiskurse in Vietnam,
Japan, Malaysia und China untersucht. Eine ausführliche Version dieses
Beitrages wurde in der Orangen Reihe der Universität Duisburg als Discussion
Paper No. 11/2001 im Februar dieses Jahrs veröffentlicht (im Internet
unter URL:http://www.uniduisburg.de/Institute /OAWISS/Publikationen/orangereihe.
html).
Die Untersuchung zu politischen Demokratisierungsdiskursen muß meiner
Meinung nach in Zusammenhang mit den soziopolitischen und globalen Bewegungen
gesetzt werden. Daher möchte ich zu Anfang nur grob und vereinfacht die
Hauptentwicklungslinien der 90er Jahre aufzeigen, um dann auf Gemeinsamkeiten
und Unterschiede der einzelnen Diskurse einzugehen. Schließen möchte ich
meinen Beitrag mit einer kurzen Vorstellung von drei Diskurstypen, die
sich während meines Aufenthaltes im Sommer 2000 als besonders dominant
im Sinne einer starken Repräsentation in Publikationen, im Internet und/
oder in informellen Diskussionsrunden wie z.B. Kongressen oder Tagungen
herausgestellt haben.
1.2. Soziopolitische Ereignisse und Eckpunkte in der Diskussion um
Demokratie
Nach Abklingen der erhitzten Debatte um "Asiatische Werte" scheint sich
am Horizont der politischen Diskurse in der VR China eine neues Bündel
diskursiver Stränge zu formieren, welches um die Themenblöcke Politische
Theorie, Demokratisierungsmodelle, nationale Selbstbehauptung und politische
Reform kreist.
Seit dem sog. Zweiten "Beijinger Frühling" 1998 im Anschluß an die 100-Jahr-Feier
der renommiertesten Universität Chinas, der Beida, gibt es erstmals seit
der Niederschlagung der 1989er Proteste wieder eine offene Diskussion
über politische Reformen . Die Übersetzung einiger politischer Klassiker
1997 und 1998 vornehmlich aus dem Bereich des Liberalismus trug zu einer
breiten Debatte bei.1
Es lassen sich äußerst kontroverse Positionen ausmachen. So wird einerseits
(um einführend nur zwei Beispiele zu nennen) ein starkes China mit einer
schlagkräftigen Armee bei gleichzeitiger Einführung demokratischen Strukturen
und Pressefreiheit als Königsweg einer Demokratisierung anvisiert, andererseits
sieht man in der konsequenten Liberalisierung, Dezentralisierung und Privatisierung
den einzigen Weg zu einer politischen Transformation mit dem Ziel eines
Mehrparteienstaates.
Jiang Zemin tolerierte diese Diskussionen bis es nach 1998 zu einer bis
heute andauernden Abkühlung der Atmosphäre kam. Durch das Aufleben nationalistischer
Agitation nach der Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad
und nach den parteiinternen Querelen zum WTO-Beitritt Chinas (Zhu Rongji
bot in den darauffolgenden Monaten 2mal seinen Rücktritt deswegen an)
kam es zu einer diktatorischen Eingrenzung der Diskurse. Seit Spätsommer
1999 werden unter der neuen Leitlinie der "Drei Repräsentationen" (sange
daibiao) Partei- und Institutssäuberungen vorgenommen, die eine Verschlankung
der Partei und eine Homogenisierung der politischen Landschaft zum Ziel
haben. Zum 50. Jahrestag der VR China im Oktober 1999 wurde diese neue
ideologische Leitlinie von Jiang Zemin ausgegeben, der man nachsagt, Jiang
wolle damit auch nach seinen Rücktritt ein ideologisches Vermächtnis gleich
dem von Deng und Maos setzen. Diese Leitlinie symbolisiert eine Reform
und Modernisierung der Partei durch einen "definitorischen Kunstgriff".
Gemäß der drei Repräsentationen (sange daibiao) soll die KP China
in Zukunft nicht mehr die Interessen nur der "Arbeiter, Bauern und Soldaten",
sondern auch der "fortschrittlichen Produktivkräfte", der fortschrittlichen
Kräfte in der Kultur und der Mehrheit der chinesischen Bevölkerung vertreten
(FEER 21.9.2000). Die "fortschrittlichen Produktivkräfte" befinden sich
aber zu 50 Prozent in privater Hand, und viele der führenden chinesischen
Unternehmer sind nicht Parteimitglieder (Vgl.: Jie Chen 1999). Mit der
Kampagne sollen nun diese Kräfte, die für die Partei und ihre Legitimität
eine große Gefahr darstellen könnten, per definitionem zur Basis
der Partei erklärt werden.
Ab Frühjahr 2000 begann schließlich im Gefolge der vorangegangenen Kampagnen
die Entlassungswelle von sog. "verwestlichten" Akademikern und Kadern.
Ein anonym im Internet veröffentlichter Artikel zum 50. Jahrestag der
Volksrepublik im Dezember 19992
war einer der Auslöser für eine neue Kritikwelle der Parteiführer an führenden
Intellektuellen. In diesem Artikel nimmt Li Shenzhi, ehemals stellvertretender
Sekretär unter Zhou Enlai, Deng Xiaoping und Zhao Ziyang und bis vor kurzem
stellvertretender Leiter des wichtigsten Think Tanks der Regierung, des
Chinesischen Institutes für Sozialwissenschaften (CASS) in Beijing, Bezug
auf die Triumphfeiern der Partei und bemerkt sarkastisch, daß nur Nordkorea
neidisch auf die Legionen des im Gänsemarsch marschierenden Militärs und
die säuberlich aufgereihten Schulkinder am Tiananmen-Platz werden könne.
Li rechnet in diesem Artikel schonungslos mit dem Regime ab und hinterfragt
die Legitimation der Kommunistischen Partei Chinas.
Fortan waren Abweichungen von Parteiinterpretationen zur Kulturrevolution,
zum Koreakrieg, zu den wichtigsten Ereignissen zur Geschichte des Kommunismus
in Chinas und zum Verhältnis Chinas zum Westen Grund genug, um den Vorwurf
"bourgeoisliberalen Gedankengutes" zu provozieren (SCMP 19.4.2000). Genauso
gefährlich war und ist eine positive Stellungnahme zu den Wahlen in Taiwan,
für viele Intellektuelle der vorbildliche Weg einer chinesischen Demokratisierung.
Vor allem auch Persönlichkeiten des sog. "liberalen Flügels" wie Li Shenzhi,
Liu Junning oder sog. "verwestlichte Ökonomen" wie Fan Gang und Mao Yushi
(Gründer eines ökonomischen Think tanks und Mitübersetzer von Hayek)
wurden heftig kritisiert.
In China steht ein Machtwechsel bevor. Jiang Zemin wird nächstes Jahr
zum XVI. Parteikongreß seinen Posten als Generalsekretär der Partei und
2003 seinen Posten als Staatspräsident niederlegen. Als Nachfolger steht
Hu Jintao, einer der ersten Vertreter der sog. "Vierten Führungsgeneration",
fest (Li Cheng 2000). Jiang hatte in seiner Ansprache zum 80. Jahrestag
der Gründung der KP am 1. Juli 2000 eine Blaupause für den XVI. Parteikongreß
und die nächste Führungsgeneration präsentiert (vom Central Policy Research
Office vorbereitet). Die ideologische Erziehung einer parteiloyal marxistisch
ausgerichteten Führungsriege soll fortan im Vordergrund stehen. Auf einer
nationalen Arbeitssitzung der KP im Dezember 2000 betonte Jiang die Notwendigkeit,
innerhalb der Partei eine einheitliche Linie in der Führung der Intellektuellen,
in der Nationalitäten- und Religionsfrage und in der Taiwanfrage zu verfolgen.
Unter dem Titel "Mit aller Kraft die Arbeit an einer einheitlichen Kampfeslinie
der Partei stärken, um die Aufgaben eines neuen Zeitaltes zu erfüllen"
(RMRB 5.12.2000) forderte er die Intellektuellen dazu auf, nur solche
westlichen Konzepte und Erkenntnisse zu rezipieren, die zur "Erhöhung
des moralischen Bewußtseins des Volkes" beitragen, sprich die Einheit
und Stabilität der Nation unterstützen. Zhu Rongji hat erst im März 2001
anläßlich der Ankündigung des Besuches des amerikanischen Präsidenten
deutlich gemacht, daß es in China kein Mehrparteiensystem, kein Parlamentarisches
System und auch kein Zwei-Kammernsystem geben wird.
Während im letzten Jahr mehrere chinesische Wissenschaftler starken Repressionen
ausgesetzt waren, gehen in letzter Zeit die Nachrichten über die Verhaftungen
chinesischer Gastwissenschaftler aus den USA um die Welt. Die Herrschaft
der Willkür in der VR China scheint die angeregte Diskussion über Rule-of-Law,
Umsetzung der in der Verfassung garantierten Rechte etc. zu konterkarieren.
Die Spannungen, besonders zwischen den USA und der VR China, haben auch
zu einem veränderten Diskursumfeld beigetragen. Während die Diskussion
in der Zwischenperiode 1993-1997 noch durch die Debatten um den Neo-Konservatismus
und die Kopplung von politischer Reform an die wirtschaftliche Reform
geprägt war, vollzog sich im Diskurs um politische Reformen in der Zeit
von 1998-2000 eine Polarisierung zwischen Verfechtern des Liberalismus
und denen des Nationalismus, bzw. zwischen Befürwortern und Gegnern westlicher
Konzepte. Das heißt, es ging nun nicht mehr um die grundsätzliche Frage
einer politischen Reform, sondern um das wie dieser Reform. Die Polarisierung
wurde durch die oben geschilderte restriktive politische Atmosphäre hervorgerufen.
Der Kampf für demokratische Freiheiten hat zwar hohen moralischen Wert,
doch auch nationalistisch-autoritäre Strömungen nehmen für sich den Kampf
um Demokratie in Anspruch. Im Folgenden sollen die Ziel und Zukunftsvorstellungen
und die Wege zur politischen Reform, wie sie unter Intellektuellen in
der VR China, Beijing diskutiert werden, vorgestellt werden.
1 :
Schon in den 50er Jahren prägte die Einführung und Vorstellung
westlicher "bürgerlicher Ökonomen" wie Adam Smith, Ricardo oder Keynes
in den Jahren nach dem Großen Sprung einen kleinen Kreis Intellektueller,
die Maos Konzept des Großen Sprunges kritisierten und dafür Argumente
und Mittel suchten. Vgl.: Petra Krüger 1991: 106
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2 :
"50 years of Panic,Trials and Tribulations: Lonely Nighttime
Thoughts on National Day." (chin. Titel: Zhongguo wenhua fengyü canhuang
wushinian). Auch in China Perspectives nr. 32, Dez. 2000: 512 unter dem
Titel "Fifty Years of Storms and Disturbances" erschienen.
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