3. Brühler Tagung junger Asienexperten, Mai 2001
Das Women's International War Crimes Tribunal on Japanese Sexual Slavery, Dezember 2000:
Analyse der Medienberichterstattung in und außerhalb Japans
von Daniela Rechenberger, Universität Trier, Japanologie
Vom 08. bis 12. Dezember 2000 hat in Tokio ein Tribunal zur Verurteilung
japanischer Kriegsverbrechen an Frauen (den so genannten "Comfort Women")
im Asiatisch-Pazifischen Krieg 1937-45 stattgefunden.
In diesem Krieg sind zwischen 100.000 und 200.000 Frauen in Militärbordellen
(iansho, "Comfort Station") zu sexuellen Diensten gezwungen worden. Die
meisten (ca. 80%) wurden aus Korea für die Militärbordelle zwangsrekrutiert,
sei es durch Versprechen auf gut bezahlte Anstellungen als Kellnerinnen
bzw. Hauspersonal oder im Rahmen des Zwangsdienstes in den "Volunteer
Corp" (teishintai). Frauen aus Singapur, Taiwan, China, Vietnam, Indonesien,
Burma, Holland, Australien und den Philippinen mussten das gleiche Schicksal
erleiden. Sie wurden meist im Kriegsgebiet entführt und in die Militärbordelle
verschleppt. Zudem ist der Fall einiger japanischer "Comfort Women" bekannt.
Die meist sehr jungen (14-25 Jahre) und unverheirateten Frauen stammten
überwiegend aus armen Bauernfamilien und verfügten nur selten über eine
Ausbildung. Viele überlebten den Krieg nicht. Durch Krankheiten, Folter
und Hunger verstarben sie unter elenden Bedingungen noch vor seinem Ende.
Außerdem wurden in den letzten Kriegswochen Tausende "Comfort Women" von
japanischen Soldaten ermordet oder einfach im Kampfgebiet zurückgelassen.
Für die Überlebenden ist eine Rückkehr in das "normale" Leben unmöglich.
Einige kehren aus Scham nicht in ihre Heimat zurück, andere vertrauen
sich nicht einmal ihren nächsten Verwandten an. Aber nicht nur Erinnerungen
an diese schrecklichen Erlebnisse, sondern Krankheit, Armut und Einsamkeit
kennzeichnen den Alltag dieser Frauen bis heute.
Nach Kriegsende wurden die an ihnen verübten Verbrechen, obwohl bekannt
(viele ehemalige Soldaten veröffentlichen Kriegstagebücher und Memoiren),
nicht juristisch verfolgt. Auch die US-amerikanische Regierung half bei
der Vertuschung, um im einsetzenden Kalten Krieg die neuen Verbündeten
Korea und Japan nicht gegeneinander aufzubringen. Außerdem machten US-amerikanische
Militärangehörige von der ihnen (von japanischen Behörden) zur Verfügung
gestellten organisierten Prostitution regen Gebrauch. Deshalb gab es während
der Kriegsverbrecherprozesse in Tokio keine Anklageerhebungen wegen der
"Comfort Women".
In den 1970er-Jahren tauchte die "Comfort Women"-Problematik erstmals
in der japanischen Öffentlichkeit auf. Asiatische Feministinnen kritisierten
den Sextourismus japanischer Männer nach Asien. Sie wiesen darauf hin,
dass die Männer im Krieg sich Frauen mit Waffengewalt gefügig gemacht
hätten, es jetzt aber mit Geld versuchten. Die Kritik fand jedoch in Japan,
auch innerhalb der japanischen Frauenbewegung, kaum Beachtung.
Im Mai 1991 wurde das Problem erneut von koreanischen Frauengruppen aufgebracht.
Während des Japanbesuches des koreanischen Präsidenten No Tae Woo forderten
sie eine Lösung der "Volunteer Corp"-Problematik. Die japanische Regierung
stritt seinerzeit in einer Parlamentserklärung jede Beteiligung ab. Deshalb
wurde im November 1991 der "Korean Council for the Women Drafted
for Military Sexual Slavery by Japan" (fortan Korean Council) gegründet.
Auf das beständige Leugnen konservativer Kreise in Japan und die Parlamentserklärung
hin wurde im folgenden Jahr der Fall Kim vom Korean Council publik gemacht.
Die Anklageerhebung von Kim Hak Seng machte das Schicksal der "Comfort
Women" nicht nur bekannt, sondern löste eine öffentliche Debatte darüber
in Japan aus. Seitdem ist die Diskussion keineswegs verstummt oder gar
zu einer Lösung gelangt. Inzwischen ist zwar vieles dokumentiert, sogar
in den japanischen Schulbüchern gibt es seit 1994 einen Hinweis auf das
Schicksal dieser Frauen. Aber noch immer hat sich die japanische Regierung
zu keiner einheitlichen Aussage, geschweige denn zu einer Einzelentschädigung
entschließen können. Dabei gaben die Vereinten Nationen (UNO) 1996 ebenso
wie die Internationale Arbeitsorganisation (International Labor Organization,
ILO) und die Internationale Juristenkommission (International Commission
of Jurists, ICJ) im April 1993 in Untersuchungen und Empfehlungen übereinstimmend
bekannt, dass das Vorgehen des japanischen Militärs als Kriegsverbrechen
zu bewerten sei. Auf dieser Grundlage besteht für die japanische Regierung
eine Verpflichtung zur Einzelentschädigung.
Am 15. April 1995 entschuldigte sich der japanische Premierminister Murayama
Tomiichi erstmals öffentlich für die vom japanischen Militär begangenen
Verbrechen. Gleichzeitig lehnte er jedoch eine Einzelentschädigungslösung
ab. Statt dessen wurde unter seiner Regierung der Asian Women Fund im
Juli 1995 ins Leben gerufen. Der Fond sammelt seine Geldmittel auf Grundlage
privater Spenden von japanischen Bürgern und Bürgerinnen und vergibt einen
geringen Geldbetrag an die ehemaligen "Comfort Women".
Gleichzeitig werden in den letzten Jahren revisionistische Stimmen in
Japan lauter, die insbesondere die Einträge in den Schulbüchern bekämpfen,
aber auch sonst den Frauen schlichte Geldgier und Lügen unterstellen.
Schließlich seien sie schon damals für ihre "Arbeit" bezahlt worden .
Als Ergebnis einer fast zehnjährigen innerasiatischen Auseinandersetzung
(hauptsächlich von Frauen) mit der "Comfort Women"-Problematik ist das
Tribunal vom Dezember 2000 zu sehen. Es ist seit 1997 von verschiedenen
asiatischen Organisationen wie "Violence Against Women in War Network,
Japan" (VAWW-NET Japan), "The Korean Council" und "Asian Centre for Women's
Human Rights" (ASCENT) vorbereitet worden. Dabei ist diese enge Zusammenarbeit
keinesfalls selbstverständlich, wie am Beispiel Japan ausführlicher erläutert
werden soll.
Die feministische Bewegung Japans existiert nicht losgelöst von allgemeinen
Tendenzen in der japanischen Gesellschaft. Als in den 1980er-Jahren auf
breiter Basis Japan als "Number One" gehandelt wurde, haben sich auch
innerhalb der feministischen Bewegung Tendenzen eines "Japanism" verbreitet:
Traditionelle japanische Werte sind herbeigesehnt und das Europäisch-Amerikanische
Modernisierungsmodell in Frage gestellt worden.
Seit Mitte der 1990er-Jahre gibt es neue Entwicklungen. Das vordringliche
Ziel besteht im Überkommen eines nationalen Feminismus. Dies ist insbesondere
auf die verstärkte Präsenz von zainichi (koreanische Minderheit in Japan)
in der feministischen Bewegung seit Beginn der 1990er-Jahre zurückzuführen.
Durch sie ist auch die "Comfort Women"-Problematik erstmals in das Interesse
der japanischen Frauenbewegung gerückt. Seitdem ist die Thematik zu einem
Hauptanliegen avanciert, wie das bisher einzigartige internationale Tribunal
verdeutlicht. Hauptbeschuldigte sind verschiedene höhere Militärs und
Politiker wie General Tôjô (insgesamt zehn Personen) und erstmals auch
der japanische Kaiser Hirohito (Shôwa Tennô). Da keiner von ihnen noch
am Leben ist, musste die Verteidigung auf ein "Amicas Curie" beschränkt
werden. Eine offizielle Einladung an die japanische Regierung, teilzunehmen
oder eine Verteidigung einzureichen, ist in jeder Form unbeantwortet geblieben.
Die verschiedenen Gremien des Tribunal wurden nach Geschlechter- und
Kontinentparitäten besetzt. Das heißt, da die Ankläger hauptsächlich asiatischer
Herkunft waren, wurden die Hauptanklagevertreter und Richter aus den USA,
Kenia, Australien und Argentinien berufen. Die Anklagevertretung hat sich
in einzelne Länderpräsentationen und Expertenanhörungen gegliedert. Die
Länderberichte sind jeweils nach einem gleichem Schema verlaufen: Verlesen
der Anklage, Opferanhörung (teilweise per Video), Vorstellung von anderen
Beweismitteln (Dokumente, Bildmaterial etc.) und Befragung durch die Richter.
Eine Ausnahme bildete die Präsentation Japans. Weil keine überlebenden
"Comfort Women" bekannt sind, erfolgte in diesem Rahmen die Aussage von
zwei ehemaligen Soldaten, die über ihre Beteiligung an Vergewaltigungen
berichteten.
Am letzten Tag des Tribunals ist das vorläufige Urteil der Richter bekannt
gegeben worden. Der japanische Kaiser Hirohito ist als oberster Befehlshaber
des Militärs erstmals wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit (crimes
against humanity) schuldig gesprochen worden. Das vollständige Urteil
steht jedoch noch aus (Bekanntgabe wahrscheinlich Ende Juli 2001).
In Japan sind während des Veranstaltungszeitraumes kaum Berichte in Zeitungen
und Zeitschriften erschienen. Eine überregionale Tageszeitung (Yomiuri)
hat das Thema vollständig ignoriert. In den Zeitungen Mainichi, Asahi
und Tokio Shinbun ist jeweils ein Artikel erschienen, die englischsprachige
Japan Times hat zweimal berichtet. Allerdings ist die Sonderstellung der
Japan Times zu beachten. Sie vermittelt nicht hundertprozentig die innerjapanischen
Debatten, sondern eher ein Bild, das Japan dem Ausland bieten möchte.
Die Artikel beschränken sich mehrheitlich auf die Ankündigung des Tribunals,
die Gremienbesetzung (der Richter aus Kenia wird in keinem der Artikel
erwähnt) und einzelne Äußerungen der "Comfort Women" während ihrer Anhörungen.
Die am 13.12.2000 erschienenen Artikel berichten über den Urteilsspruch.
Allerdings werden die Verurteilungen sofort relativiert, mit Hinweisen
auf andere Expertenmeinungen in Japan, die nicht vorhandene juristische
Legitimation des Tribunals oder die Betonung der US-amerikanischen Herkunft
der Richterin. In diesem Zusammenhang wird besonders darauf hingewiesen,
dass die Frauen freiwillig als "Comfort Women" tätig waren: "However,
some historians - as well as politicians - argue that the women were recruited
on a voluntary basis, claiming no concrete evidence has been found to
prove that the Japanese soldiers systematically forced them into sexual
servitude" (Japan Times, 13.12.2000).
Der Artikel in der Asahi beginnt sogar mit einem Hinweis auf den Zusammenhang
zwischen dem Beginn des Tribunals und dem Kriegsausbruch (Angriff auf
Pearl Harbor), als hätte die japanische Invasion in China davor keine
Bedeutung. Insgesamt ist die japanische Zeitungsberichterstattung als
wenig umfangreich und als einseitig einzuschätzen.
In allen anderen asiatischen Ländern (und in Australien, Europa, USA)
ist das Tribunal dagegen auf großes Medieninteresse gestoßen. Tageszeitungen
in Singapur, Indonesien und Südkorea haben nach bisheriger Recherche mehrmals
in umfangreichen Artikeln berichtet. In der Berichterstattung sind dabei
andere Schwerpunkte gelegt worden. Nach bisheriger Auswertung kann festgehalten
werden, dass mehrheitlich über die japanische Kriegsverantwortung debattiert
worden ist. Insbesondere dem Urteilsspruch gegen Hirohito ist große Bedeutung
zugemessen und er ist ausführlich kommentiert worden. Japan müsse seine
daraus resultierende Verantwortung übernehmen und sich endlich entschuldigen.
Ebenso sind die Demonstrationen rechter Gruppen erwähnt worden. Insgesamt
ist der Ablauf des Tribunals detaillierter wiedergegeben worden.
Im Fall von Südkorea ist bemerkenswert, dass fast alle Zeitungen über
das Tribunal berichtet haben, auch die konservativen. Letztere versuchen,
seit das Thema in Korea öffentlich diskutiert wird, eher die Frauen zum
Schweigen zu bringen, da die ganze Angelegenheit zu schamvoll für ihr
Land sei. Auffallend ist, dass die Frauen auch hier kaum selbst zu Wort
kommen. Es werden höchstens besonders grausame Passagen zitiert, um zu
zeigen, wie "aggressiv" die Japaner waren.
Ende Januar diesen Jahres (2001) ist im japanischen Fernsehsender NHK
außerdem eine Dokumentation über das Tribunal ausgestrahlt worden. Sie
weist ähnliche Eigenschaften wie schon die japanische Zeitungsberichterstattung
auf: Zum einen werden Verbrechen an Frauen anderer Staaten betont (beispielsweise
durch besonders grausame Bilder). Zum anderen wird dargestellt, dass auch
anderswo diese Art Verbrechen nicht verurteilt werden. Die Aussagen der
ehemaligen Soldaten werden nicht erwähnt. Zusätzlich wird die Glaubhaftigkeit
der Frauen in Frage gestellt, indem man den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen
anzweifelt.
Die NHK-Dokumentation ist inzwischen aus einem weiteren Grund in die
Kritik geraten. Offensichtlich ist der Sendebeitrag zensiert worden. Wie
eine der Kommentatoren (Lisa Yoneyama, University of California, San Diego)
berichtet, wurde das Programm folgendermaßen verändert: Kritische Kommentare
sind gekürzt oder in sinnenstellender Weise widergegeben worden. Außerdem
ist die Legalität des Tribunals und die Glaubwürdigkeit der "Comfort Women"
angezweifelt worden. Lisa Yoneyama sieht diese Veränderungen als Folge
politischen Druckes, den rechte Gruppen auf Verantwortliche von NHK ausgeübt
haben. Bereits während des Tribunals haben außerhalb der Veranstaltungsorte
Demonstrationen rechter Gruppierungen stattgefunden, die die Frauen als
Lügnerinnen beschimpften und einige Teilnehmerinnen tätlich angriffen.
Insgesamt geben die asiatischen Medien (und damit die veröffentlichte
Meinung) nicht alle Intentionen der Organisatorinnen und den vollen Umfang
des Tribunals wieder. Die asiatische Medienberichterstattung hat zudem
gemeinsam, dass die Frauen nicht selbst zu Wort kommen und die an ihnen
verübten Verbrechen von den jeweiligen Staaten für ihre politischen Interessen
benutzt werden. Denn die Problematik spielt auch in der allgemeinen Debatte
um japanische Kriegsverantwortung eine wichtige Rolle. Seit ihrem Bekanntwerden
wird sie oft als Argument für die Uneinsichtigkeit der japanischen Regierung,
ihre Kriegsschuld einzugestehen, benutzt. Während des Tribunals ist dieser
Punkt besonders von der chinesischen Präsentation untermauert worden,
die nicht nur die "Comfort Women" erwähnt hat, sondern auch Opfer des
Nanking Massakers angehört hat.
Obwohl die japanische Kriegsverantwortung ein wichtiges Thema des Tribunals
war, betont es doch gleichfalls, dass gleichberechtigte innerasiatische
Zusammenarbeit funktionieren kann (bislang jedoch fast nur von Frauen
geleistet wird). Weitere Informationen über das Tribunal sind unter folgender
Adresse zu finden: http://www1.jca.apc.org/vaww-net-japan/e_new/index.html
: Das
Thema wird im Rahmen des DFG-Projektes "Die ‚Hin- bzw. Rückwendung nach
Asien' in Literatur, Medien und Populärkultur Japans. Ein Faktor zur Herausbildung
einer ‚asiatischen Identität'?" im Fach Japanologie an der Universität
Trier behandelt.

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