3. Brühler Tagung junger Asienexperten, Mai 2001 "Geheimgesellschaften" in der VR China: Spirituell-religiöse
Bewegungen seit 1978 - Entstehung, Entwicklung und Interaktion mit dem Staat von Kristin Kupfer, Zentrum für Ostasien-Pazifik-Studien, Universität
Trier
Die Religionspolitik der Regierung erweist sich als anachronistisch
und verdeutlicht die Ausmaße ihres strukturellen Dilemmas: Unterdrückt
sie solche Gruppierungen, riskiert sie eine weitere Entfremdung der
Bevölkerung. Eine tolerante Politik birgt jedoch das Erwachsen von autonomen
und die Position der Regierung in Frage stellenden Gruppen in sich.
Zwei Dimensionen stehen hinter einer repressiven Regierungspolitik:
Einerseits wirkt ein historisches Trauma (verstärktes Auftreten von
Geheimgesellschaften am Ende einer Regierungsperiode) und eine "Besessenheit"
in Bezug auf ausländische Infiltration und "Spaltung" des Landes. Auf
der anderen Seite steht die reale Sorge vor wachsenden sozialen Problemen
und Defiziten.
Spirituell-religiöse Bewegungen sind nur eine Ausprägung
des vielschichtigen Nährbodens von traditionellen Geheimgesellschaften.
Dieser reicht von politisch motivierten Bruderschaften, religiösen Gemeinschaften,
sozio-ökonomischen Netzwerken bis hin zu Bandenkriminalität. Berichte
über kriminelle Vereinigungen, offiziell als "Schwarze Gesellschaft"
(heishehui) bezeichnet, beherrschen seit Monaten die Zeitungsmeldungen
und wurden auch auf der jüngsten nationalen Sicherheitskonferenz im
Zuge der "Schlagt das Schwarze und rottet das Böse aus" (da hei chu
e) von der Regierung heftig attackiert.25.
Mitgetragen und geschützt von Kadern und Staatsbeamten, sind sie längst
Teil eines Systems der nahezu "unbegrenzten Möglichkeiten". Den Charakter
eines sozialen Netzwerkes von Geheimgesellschaften greifen Migrantenvereinigungen
und -gemeinden in großen Städten wieder auf. Das Beijinger Netzwerk
"Kleine Vögel" (xiaoniaoniao), gegründet von drei jungen Wanderarbeitern
aus Anhui, beschäftigt mittlerweile rund 100 Mitarbeiter, berät und
unterstützt Neuankömmlinge26.
Im Zuge des bis dato mangelnden Sozialsystems, der steigenden Zahl von
Arbeitslosen und Wanderarbeitern könnten beträchtliche, außerhalb der
Staats- und Parteistrukturen organisierte Interessengruppen entstehen.
Die Regierung unterstützt diese zaghaft, weil sie zunehmend auf soziales
Engagement, beispielsweise im Bereich Umwelt oder Gesundheitspflege
der Bürger angewiesen ist.
In China gilt Volksreligiosität und Tradition im allgemeinen, auch
wenn man sie in Bezug auf Artefakte und Folkloristik (Tänze, Lieder
etc.) insbesondere der nationalen Minoritäten als touristisches und
nationales Aushängeschild betrachtet, als rückständig und fortschrittshemmend,
den Bauern zugeordnet. Gleichzeitig verbindet man mit ländlichen Gemeinschaftssinn
und Ehrlichkeit die Erinnerung an eine verlorene, aber auch die Hoffnung
auf eine wiederzugewinnende chinesische Authentizität.