3. Brühler Tagung junger Asienexperten, Mai 2001
"Geheimgesellschaften" in der VR China: Spirituell-religiöse
Bewegungen seit 1978 - Entstehung, Entwicklung und Interaktion mit dem Staat
von Kristin Kupfer, Zentrum für Ostasien-Pazifik-Studien, Universität
Trier
4. Spirituell-religiöse, christlich inspirierte Bewegungen der 90er-Jahre
Aufgrund der bis dato von der Verfasserin ausgewerteten Materialien lässt
sich an dieser Stelle erst ein sehr allgemeines Bild von neueren spirituell-religiösen
Grup-pierungen geben19
:
Gründerfiguren sind oft Mitglieder in einer indigenen christlichen Gemeinde
oder sogar einer anderen Sekte. Im Falle der "Lehre des höchsten Geistes"
(zhushenjiao) lässt sich eine erstaunliche und selbst propagierte
Transmission von der "Little Flock"-Gemeinde über die "Rufer" (huhanpai)
bis zur "Lehre des gesalbten Königs" (beiliwang) erkennen, von
der sich die "Lehre des höchsten Geistes" abgespalten hat. Autonome, christliche
Gemeinden klagen aufgrund eines mangelnden Verständnisses der christlichen
Lehre in Folge von unzureichend und schlecht ausgebildetem geistlichen
Personal über zahlreiche Abwerbungen (la yang) durch solche Gruppierungen20
.
Größere Gruppen wie die "Rufer" oder die "Apostelgemeinschaft" (mentuhui)
verzeichnen bis zu 200.000 Mitglieder in einem sich über mehrere Provinzen
erstreckenden, streng hierarchischen Organisationsnetz. Um die Identität
der Gruppe zu schützen, nehmen die Mitglieder "Seelennamen" (lingming)
an und kennen jeweils nur Teile der Organisation und Unterschlüpfe; zur
Kommunikation dienen Pager oder Handys21
.
Zentrale Bestandteile der Lehre sind die Verehrung des Anführers als
Reinkarnationen Jesu, Heilung durch Austreiben von dämonischen Kräften
(mogui ganzou), die Verbreitung einer Endzeitstimmung und Erlösungsvision.
Rituale beinhalten gemeinsames Beten und die Huldigung des Führers, welcher
sich nach offiziellen Berichten unter dem Deckmantel einer "göttlichen
Initiation" (mengzhao) Frauen und Minderjährige gefügig machen
kann22
.
Glaubensheilung als innere und äußere Kultivierung scheint ein zentrales
Beitrittsmotiv für Mitglieder zu sein und ist sowohl in der Tradition
der Volksreligion als auch in der Moderne (mangelndes Gesundheitssystem
und Verfallserscheinungen der Gesellschaft) verankert.
Diese Gruppen sind ohne Zweifel bizarr und beeinflussen den psychischen
und physischen Zustand ihrer Anhänger. Jedoch verurteilt der Staat sie
nicht primär wegen ihrer religiösen Lehre, sondern meist aufgrund von
Verbrechen (Geldbetrug, Vergewaltigung) oder wegen Gefährdung der öffentlichen
Sicherheit23
.Im
Zuge dessen werden auch "harmlose" Vereinigungen (katholische Untergrundkirche,
Hauskirchen, daoistische Klöster) immer wieder Opfer von Repressionen.
Die willkürlich anmutende Trennung zwischen "Aberglaube" und "Religion"
zeigt die Unsicherheit und die Unfähigkeit der Regierung, die sich letztlich
jeder rationalen Erklärung und Kontrolle entziehenden religiöser Aktivitäten
zu akzeptieren. Unabhängig von inhaltlichen Aspekten fungiert die Ausschaltung
organisierter, potenziell gefährlicher Gruppen als letzter und einziger
Regulierungsmechanismus24
.

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