3. Brühler Tagung junger Asienexperten, Mai 2001
"Geheimgesellschaften" in der VR China: Spirituell-religiöse
Bewegungen seit 1978 - Entstehung, Entwicklung und Interaktion mit dem Staat
von Kristin Kupfer, Zentrum für Ostasien-Pazifik-Studien, Universität
Trier
3. Religiöse Aktivitäten und administrative Gestaltung nach 1978
Im Zuge des Reformprogramms von 1978/79 entschloss sich die Partei zu
einer pragmatischeren Religionspolitik, da sich eine vollständige Unterbindung
sämtlicher religiöser Aktivitäten nicht als realisierbar und als kontraproduktiv
erwiesen hatte. Die KPCh belebte staatlich sanktionierte Religionsvereinigungen
und auch die alte "Einheitsfront-Strategie" aus den 50er-Jahren wieder.
Dennoch stellen Feucht-wang/Wang (1991: 264) für die Zeit Ende der 70er-
und Anfang der 80er-Jahre fest, dass "the ulimate objective of the CCP
on religion remained the total eradiction of it in association with the
full realization of socialism in mainland China".
Zu diesem Zweck hatte die Regierung einen großen bürokratischen Apparat
mit sehr allgemeinen bis vagen konzeptionellen und gesetzlichen Grundlagen
geschaffen. Durch die Priorität wirtschaftlicher Reformen und eine gleichzeitige
Stärkung ihrer Legitimationsgrundlage wollte die KPCh das Phänomen Religion
in den Hintergrund drängen und bis zu ihrem endgültigen Verschwinden kontrollierend
begleiten. Des-halb traf sie die Zunahme und Wiederbelebung religiöser
Aktivitäten (sprich)wörtlich wie "aus heiterem Himmel".
Drei Bereiche sind hierbei von besonderer Bedeutung:
3.1. Entwicklung des Protestantismus
Die evangelische Kirche verzeichnet in den 80er- und 90er-Jahren den
stärksten Anstieg im Vergleich zu den anderen Religionen, insbesondere
in privatem Kreis stattfindende Treffen ("Hauskirchen") erfreuen sich
großer Beliebtheit 11
.
Unter dem Einfluss der charismatischen Erneuerungs- und Pfingstbewegungen
entstanden bereits in den 20er-Jahren indigene christliche Traditionen
wie die True Jesus Church, die Jesus Familie oder das Little
Flock Assembly, welche bis heute in Nordostchina, Fujian und auch
unter den Überseechinesen zahlreiche Anhänger haben. Durch Aspekte wie
Glaubensheilung, meditative Erfahrungen, Eschantologie und persönliche
Bibelstudien (Wichtigkeit schriftlicher Autorität) knüpfen sie an traditionelle
Religiösität an und ergänzen diese durch eine gemeinschaftliche, identitätsstiftende
Glaubenserfahrung 12
.
3.2. Wiederbelebung volksreligiöser Elemente
Im Zuge der Öffnungs- und Reformpolitik ließ eine Atmosphäre der spirituellen
Leere und die wiedergewonnene Autonomie lokale Brauchtümer sowie eine
auf dem Land tief verwurzelte Volksreligiosität wieder ans Tageslicht
treten. Familien widmeten sich intensiv der Ahnenverehrung und arrangierten
"Geisterheiraten". Bauern bestellten Daoisten zur Dämonenaustreibung und
befragten Geomanten bei dem Bau neuer Häuser. Größte Sorge bereitete der
Partei, dass selbst Kader bei politischen Entscheidungen Wahrsager und
Zauberer konsultierten13
..
Gleichzeitig erfasste die Bevölkerung auch ein "Qigong-Fieber" (Qigongre).
Als Teil der chinesischen Medizin und aufgrund einer zunehmenden Popularität
im Ausland bewertet der Staat Qigong im Allgemeinen positiv14
.
Diese verschiedenen meditativen Körper- und Atemtechniken können jedoch
aufgrund ihrer Nähe zu teils daoistischen, teils ursprünglich kosmologischen
und anthropologischen Konzepten über den rein medizinischen Aspekt hinaus
durch ihre Anhänger in Verbindung mit religiösen Vorstellungen gebracht
werden. Offiziellen Schätzungen zufolge existieren rund 70 Qigong-Schulen
und 2000 Gruppen mit rund 50 Millionen Praktizierenden, inoffizielle Schätzungen
sprechen von rund 200 Millionen15
.
3.2. Wiederaufleben der Huidaomen16
Korrespondierend zur erneuten Popularität von volksreligiösen Aktivitäten
erlebten auch traditionelle Geheimgesellschaften, welche die Regierung
längst "ausgerottet" glaubte, einen Boom: Die reformbedingten Neuerungen,
damit einhergehende Unsicherheiten und das Zurückziehen von Staat und
Partei aus weiten Lebensbereichen brachten eine Rückbesinnung auf alte
Glaubens- und Organisationsformen mit sich17
.
Laut einem internen Polizeibericht ist die Anzahl der Fälle nur zwei Jahre
nach Reformbeginn um 78,9% im Vergleich zu 1981 gestiegen. Minuziös dokumentierte
Vorfälle, detaillierte Gruppenprofile zeugen von der Beunruhigung der
Regierung, die einen erneuten Kampf gegen "konterrevolutionäre Kräfte"
heraufziehen sieht. Die Ursachenforschung wird durch eine generelle Kriminalisierung
weitgehend ausgeblendet und beschränkt sich meist auf wirtschaftliche
Polaritäten sowie ein zugeschriebenes Verhaftetsein der Mitglieder in
"rückständigen und feudalistischen" Traditionen18
.
Reaktionen der Regierung gegenüber oben beschriebenen Entwicklungen sind
durch wenig Stringenz gekennzeichnet: Reaktive, restriktive Direktiven
und lokale Verwaltungsvorschriften sowie punktuelle strafgesetzliche Verfolgung
stehen einer zögerlichen Gesamthaltung und einer ambivalenten Implementation
je nach allgemeiner politischer Situation gegenüber. Im Zuge des obersten
Prinzips einer Eliminierung von autonom organisierten Gruppen und ideologischen
Vorbelastungen fehlt es der Regierung bis heute an einem wirkungsvollen
administrativen und inhaltlichen Konzept für Religionspolitik. Eine rein
restriktive, sprich destruktive Vorgehensweise und unterschiedlich etablierte
Arbeitsbeziehungen zwischen der lokalen staatlichen Administration und
religiösen Gemeinden könnten für die Zentralregierung zunehmend undurchschaubare
Formen von spirituell-religiösen Aktivitäten nach sich ziehen.

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