3. Brühler Tagung junger Asienexperten, Mai 2001
Faktoren für den "Durchbruch" bei den bilateralen WTO-Verhandlungen der
VR China mit den USA und der EU aus chinesischer Perspektive
von Andreas Blume
Chinas Beitritt zur WTO, zur letzten Key International Organization
neben Weltbank und IWF, denen China bereits 1980 beigetreten ist, gestaltet
sich besonders schwierig. Über 14 Jahre zieht sich dieser Beitrittsprozess
nun schon hin. Trotz optimistischer Prognosen scheint die Mitgliedschaft
aufgrund jüngster Probleme (Nachverhandlungen im Versicherungsbereich
[EU], Auseinandersetzungen über Agrarsubventionen zwischen der VR China
und den USA sowie Uneinigkeit über Ausgestaltung von Umsetzungen der WTO-Verpflichtungen
in der chinesischen Ministerialbürokratie) nicht mehr in diesem Jahr vonstatten
zu gehen.
Der vorliegende Beitrag ist ein Auszug aus meiner Magisterarbeit1 ,
die sich damit beschäftigte, welchen Einfluss "Protektionisten" im Beitrittsprozess
gegenüber der politischen Führungsspitze geltend machen konnten. Neben
der Identifizierung von Protektionisten in China wurde u.a. untersucht,
was die Gründe waren, dass der Beitrittsprozess so außerordentlich lange
dauert(e), und welche Faktoren den Durchbruch für die Unterzeichnung der
beiden bilateralen Verträge mit den USA und der EU - die zwei Meilensteine
in der Beitrittsgeschichte Chinas - ermöglichten. Auf den letzten Punkt
wird nun näher eingegangen.
Vor dem Hintergrund des starken politischen Einflusses der Protektionisten auf allen Ebenen der chinesischen Gesellschaft sowie der eklatanten Koordinierungsprobleme der Regierung müsste man annehmen, dass es nicht zu einem Durchbruch bezüglich des WTO-Beitritts hätte kommen können. Doch wie konnten diese Widerstände überwunden werden?
Aufgrund der Veränderung einer Vielzahl politischer und ökonomischer
Umstände beschloss die chinesische Führung, den WTO-Beitrittsprozess zu
beschleunigen und marktorientierte Reformen einzuführen, die wiederum
den Beitritt erleichtern würden. Neben außenpolitischem Druck spielte
auch eine veränderte Prioritätensetzung der Führungsspitze eine Rolle,
da die Notwendigkeit bestand, Exporte zu fördern und ausländische Investitionen,
die im Abflauen begriffen waren, zu stabilisieren.
Wang Yong geht davon aus, dass, obwohl Zhu Rongji der sichtbare WTO-Förderfaktor
war, die Entscheidung zur Beschleunigung des Beitrittsprozesses von der
gesamten Führungsspitze mitgetragen wurde (vgl. Wang 1999, S. 44). Acht
wesentliche Punkte sind in diesem Zusammenhang zu nennen: Erstens drohte
China durch die WTO-Runde in Seattle eine Verschiebung des Beitritts auf
einen ungewissen Zeitpunkt in der Zukunft. China musste damit rechnen,
dass die WTO-Auflagen durch diesen Gipfel sich weiter verschärfen würden
und es China deutlich erschwert werden würde, der WTO beizutreten. Da
die "Milleniums-Runde" jedoch als Desaster endete, stellte sich heraus,
dass diese Befürchtungen unbegründet waren. Zweitens trugen die bevorstehenden
Präsidentschaftswahlen in den USA im Jahre 2000 schon 1999 zu einer Straffung
des chinesischen Verhandlungskalenders bei. Die Befürchtungen gingen dahin,
dass weitere Verzögerungen in den bilateralen Verhandlungen ein Abkommen
unmöglich gemacht hätten. Da ein großer Anteil der amerikanischen Kongressabgeordneten
eine Politik der Einbindung Chinas ablehnt und vom Beitritt negative Auswirkungen
für den amerikanischen Arbeitsmarkt befürchtet, bedeutete das für das
chinesische Kalkül, dass eine bilaterale Einigung um so schwieriger würde,
je näher die Verhandlungstermine an den Wahltermin heranrückten (vgl.
Fischer 2000, S. 14).
Drittens hat Taiwan seine bilateralen Verhandlungen über die Aufnahme in die WTO fast abgeschlossen und die Gefahr, dass Taiwan vor der VR China beitreten könnte, erhöhte sich zunehmend.
Viertens belastete das massive Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber China die sino-amerikanischen Beziehungen weiter. Eine baldige Mitgliedschaft würde dies mit hoher Wahr-scheinlichkeit verhindern.
Fünftens hat China in den letzten zwei Jahren einen deutlichen Konjunkturabschwung
hinnehmen müssen, der mit sinkenden ausländischen Direktinvestitionen
(in den ersten sieben Monaten des Jahres 1999 mehr als 20 % weniger als
im Vergleichszeitraum des Vorjahres; vgl. Business Week Online, 22.11.1999,
S. 2), abnehmenden Exporten und einer geschwächten Inlandsnachfrage einherging.
Ein WTO-Beitritt könnte zur Stabilisierung der Konjuktur beitragen.
Sechstens war es durch die umfassende Restrukturierung der Zentralregierung
möglich gewesen, institutionelle Opposition gegen eine weitere Handelsliberalisierung
weitgehend zu reduzieren (vgl. Wang 1999, S. 45). Die Hälfte der Zentralregierungsfunktionäre
war entlassen worden und die "glücklichen Überlebenden" mussten einen
Großteil ihrer regulatorischen Macht abgeben. Die Anzahl der Ministerien,
die dem Staatsrat unterstellt sind, wurde von 41 auf 29 reduziert und
fast alle Branchenministerien wurden der Staatlichen Kommission für Wirtschaft
und Handel (SETC) unterstellt. Die Staatliche Kommission für Entwicklungsplanung
(SDPC) wurde auf das Management von mittel- und langfristigen makroökonomischen
Entscheidungen "reprogrammiert" und zeichnet nicht mehr für Handelsquoten
verantwortlich (vgl. Wang 1999, S. 45).
Siebtens erfuhren durch die Beitrittsverhandlungen mit den USA und der
EU die liberalen Wirtschaftswissenschaftler einen Bedeutungszuwachs: "Information
wurde ein begehrtes knappes Gut" (Heike Holbig, 27.11.2000, mündliche
Mitteilung). Es musste um Verständnis für das WTO-System und der damit
verbundenen Verpflichtungen sowie deren volkswirtschaftliche Konsequenzen
geworben werden. Diejenigen Wirtschaftswissenschaftler, die zu diesen
Verhandlungs- und Vorbereitungsmaßnahmen zu Rate gezogen wurden, so zum
Beispiel Li Ning, ein Ökonom der Beijing Daxue2 ,
konnten durch die Beratung der Führungsspitze positive spill-over-Effekte
für den Beitritt erzeugen.
Ein weiterer Punkt ist in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung:
Ein Artikel der gemäßigten Hongkonger Monatszeitschrift Mingbao geht darauf
ein, wie der Ruf nach dem "Schutz der nationalen Industrien" (baohu minzu
chanye), der in der Vergangenheit vor allem auf lokaler Ebene laut erschollen
war, inzwischen in den staatlichen Führungskreisen kaum mehr Gehör findet
(vgl. Holbig 1999, S. 1256)3 .
Es habe sich hier in den letzten Jahren die Überzeugung durchgesetzt,
dass die Protektion lokaler Staatsunternehmen nichts anderes als einen
Schutz von Sonderprivilegien derjenigen Unternehmen darstellte, die bereits
endgültig aus dem Wettbewerb ausgeschieden und ohnehin nicht mehr sanierungswürdig
seien. War die Führung vor wenigen Jahren noch bestrebt gewesen, die maroden
Staatsunternehmen aus beschäftigungspolitischen und sozialpolitischen
Erwägungen am Leben zu erhalten, so habe sie diese inzwischen weitgehend
aufgegeben. Die Reformunfähigkeit vieler Staatsunternehmen zeige sich
auch an ihrem zunehmend "janusköpfigen Verhalten": Sie täuschten einerseits
der Öffentlichkeit eine nicht vorhandene Wettbewerbsfähigkeit vor, um
ihre Marktchancen zu verbessern, andererseits betonten sie den zuständigen
Finanzinstitutionen gegenüber ihre hohe Verschuldung, um als Verlustunternehmen
in den Genuss einer Umstrukturierung ihrer Schulden zu gelangen, die jüngst
zur Liquidisierung der umfänglichen faulen Kredite im staatlichen Unternehmenssektor
gegründet worden sind (vgl. Holbig 1999, S. 1256). Die Führung habe dieses
zweifelhafte Verhalten erkannt und verfolge nunmehr konsequent eine Strategie,
den staatlichen Unternehmenssektor durch außenwirtschaftliche Öffnung
zur Stärkung seiner Wettbewerbsfähigkeit zu zwingen. "Use the open-door
policy to give reform a big push", sei die Strategie Zhu Rongjis für den
Rest seiner Amtszeit als Premierminister4 .
Dabei solle der Zugriff der zentralen Behörden auf die lokalen Verwaltungen
in Zukunft verstärkt werden, um lokalen Protektionismus zu unterbinden.
Das chinesische Development Research Institute schlägt in die gleiche
Kerbe und warnt vor einem übermäßigen Schutz international nicht wettbewerbsfähiger
Branchen. Das Konzept der "Nationalen Industrie" sei überholt5 .
Holbig konstatiert, dass der Artikel zu Recht Hinweise darauf gibt,
dass eine kollektive Formulierung lokaler protektionistischer Interessen
sich zunehmend schwierig gestaltet (vgl. Holbig 1999, S. 1256), da ein
zumindest seit 1999 eindeutiges Bekenntnis der zentralen Führung zur konsequenten
außenwirtschaftlichen Öffnung die Widerstandskraft gegen lokale protektionistische
Interessengeflechte erhöht hat.
Vor diesem Hintergrund musste die Führungsspitze den WTO-Beitritt jedoch
auch organisatorisch bewältigen. Sie bediente sich dabei eines "Tricks":
Durch Überantwortung der maßgeblichen Verhandlungskompetenz an das MOFTEC,
dem generell das stärkste Interesse an einer weitreichenden außenwirtschaftlichen
Liberalisierung zuzuschreiben ist, konnte das weitere Vorgehen in "progressive
Kanäle" geleitet werden. Der Einfluss protektionistischer Widerstände
aus den Kreisen der ehemaligen Branchenministerien und der Planungsbürokratie
auf den internationalen Verhandlungsprozess konnte damit größtenteils
ausgeschaltet werden (vgl. Holbig 1999, S. 1257). Zwar gerieten Zhu Rongji
und der Minister des MOFTEC Shi Guangsheng nach der unglücklichen verfrühten
Veröffentlichung des MOFTEC-Angebots an die amerikanische Seite vom April
1999 innenpolitisch stark unter Druck, trotzdem konnte sich die Führungsspitze
gegenüber dem "Anti-WTO-Klüngel", der sich u.a. aus Vertretern des SDPC,
SETC sowie "think tanks" in Schlüsselpositionen zusammensetzte (vgl. Wang
1999, S. 60), durchsetzen. Dass die ökonomischen Nationalisten jedoch
Einfluss geltend machen konnten, ist daran zu sehen, dass der Beitrittsprozess
nicht ohne Zugeständisse, d.h. Kompensationen oder "side-payments" an
die Verlierer des WTO-Beitritts möglich war (vgl. Holbig 1999, S. 1257).
Long Yongtu, der Chefunterhändler des MOFTEC, betonte in einem ausführlichen
Interview im staatlichen Fernsehen am 16. November 1999, dass die chinesische
Seite in hitzigen Debatten über Grad und Geschwindigkeit der Marktöffnung
insbesondere in sensiblen Sektoren wie Telekommunikation und Finanzen
darauf bestanden habe, die nationale Souveränität zu wahren und dass man
sich erfolgreich Forderungen der amerikanischen Seite widersetzt habe,
ausländische Beteiligungen in diesen Sektoren von mehr als 50% zuzulassen.
Die führende Rolle in diesen vitalen Bereichen bleibe damit auch zukünftig
heimischen Unternehmen vorbehalten6 .
Ferner wurde in zahlreichen offiziellen Pressedarstellungen hervor-gehoben,
dass China energisch darauf bestanden habe, der WTO mit dem Status als
Entwick-lungsland beizutreten, mit der Folge, dass die Durchschnittssätze
der auferlegten Zollsenkungen insgesamt geringer ausfielen und sensible
Sektoren langjährige Übergangsphasen beim Abbau der Zölle und anderer
Handelshemmnisse eingeräumt werden (vgl. Holbig 1999, S. 1258).
Außerdem war es für den Durchbruch wesentlich, dass die staatliche Führung
im Prozess der Implementierung des WTO-Regelwerks in einem gewissen Ausmaß
dulden wird, wenn einzelne Sektoren auf "weiche" protektionistische Barrieren
zurückgreifen, wie sie in Gestalt versteckter Subventionen an heimische
Unternehmen, Exportsubventionen oder die Auferlegung ökologischer und
technologischer Normen für ausländische Produzenten üblich sind. "Grauzonenmaßnahmen",
bzw. "invisible trade barriers", wie sie westliche Staaten zum Schutz
ihrer eigenen Wirtschaft ergreifen, sollen auch in China geduldet werden.
Charakteristisch für diese Haltung ist die Aussage eines chinesischen
Außenwirtschaftsexperten gegenüber Regierungs- und Unternehmensvertretern:
"There's a lot of misconception about the pact. People think WTO means
pure free competition, but we're trying to show them that this isn't the
case" (zitiert nach Holbig 1999, S. 1258).
Es ist demnach festzuhalten, dass aufgrund einer neuen Konstellation
von innen- und außenpolitischen Faktoren der Beitrittsprozess seit Beginn
des Jahres 1999 von der chinesischen Führungsspitze stark beschleunigt
wurde. Zwar behielten dabei die "Liberalen", zu denen vor allen Dingen
Jiang Zemin und Zhu Rongji sowie führende Vertreter des MOFTEC gehören,
die Oberhand auch in kritischen innenpolitischen Situationen. Ohne Zugeständisse
an die ökonomischen Nationalisten, die trotz eines breiten, vor allem
in den Reihen der Regierungsbürokratie zu findenden Anti-WTO-Klüngels
relativ gering ausfielen, wären die Beitrittsbemühungen jedoch zum Scheitern
verurteilt gewesen.
Versucht man diesen 'Durchbruch' zu werten, kommt man zum Schluss, dass
die Autorität der leitenden Führungsspitze (nach Deng Xiaoping nun Jiang
Zemin) in grundsätzlichen strategischen politischen Richtungsfragen in
China ungebrochen ist. Die Ausformulierung des von oben gegebenen Rahmens
wird dabei in einem System kollektiven "bargainings" auf den mittleren
und unteren Ebenen der Partei- und Regierungsbürokratie durchgeführt;
eine positive Grundsatzentscheidung von Jiang Zemin für einen WTO-Beitritt
wird von der staatlichen Führung kollektiv getragen (vgl. Holbig 1999,
S. 1259). Aber die Autorität der chinesischen Führungsspitze würde überschätzt
werden, wenn man sie als von gesellschaftlichen Interessen und Widerständen
vollkommen unabhängige Akteure sehen würde (s.o.). Dies wird unter anderem
durch Folgendes belegt: Wäre die Führungsspitze vollkommen autonom und
unanfechtbar, so wäre die groß angelegte zentralstaatlich gelenkte "Pro-WTO-Propaganda",
wie sie vor allem seit März 1999 intensiv betrieben wird, nicht nötig.
Die Aufrechterhaltung von protektionistischen Barrieren bzw. deren langsamer
Abbau nach dem WTO-Beitritt wie beispielweise in der Automobilindustrie,
der Landwirtschaft oder dem Banksektor zeigen, dass innerchinesische Akteursgruppen
tatsächlich in der Lage sind, die politische Führung des Landes in der
Ausgestaltung ihrer Außenhandelspolitik zu beeinflussen. Die neuerlichen
Verzögerungen im Beitrittsprozess könnten auf deren Einfluss zumindest
teilweise zurückzuführen sein.
Literatur
Fischer, Doris: Kalkuliertes Risiko?, China und die WTO (Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien 13-2000), Köln 2000, S.1-40
Holbig, Heike: "Chinas WTO-Beitritt in politischer Perspektive - Wechselspiel zwischen nationalen und internationalen Verhandlungsprozessen", in: China aktuell, Dezember 1999, S. 1251-1265
Wang Yong: "Why China went for WTO", in: The China Business Review, Juli/August
1999, S. 42-52
Fussnoten
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