Viertes Kapitel:
Typografische Signaturen
Der traditionelle chinesische Kunstbegriff ist anders definiert als bei uns: So ist ein Künstler gleichzeitig Dichter, Maler und Kalligraph. Ein klassisches chinesisches Landschaftsgemälde beinhaltet stets diese drei Elemente: Das eigentliche Bild sowie ein in besonders kunstfertigen Pinselstrichen geschriebenes Gedicht, das mit dem Bild eine Einheit ergeben soll. Doch noch etwas fehlt nicht: die roten Siegelstempel.
Auf ihnen steht meist der Name des Künstlers und oft auch Sprüche, meist kunstvoll graviert in Siegelschrift. Ein Europäer würde nun fragen: Warum unterzeichnet der Autor sein Werk nicht eigenhändig – gilt das überhaupt als Unterschrift?
Die Antwort ist: Es gilt und ist deshalb so, weil Kalligraphie bereits Teil des Werkes ist – eine Unterschrift im europäischen Sinne würde sich zu sehr in die schön geschriebenen Gedichtzeilen einmischen. Dann lieber mit einem ganz anderen Medium den Autor kennzeichen!
Im Westen gilt die Unterschrift als das Individuelle, rechtsgültige – dies ist in China nicht so. Oft wird auch heute noch ein Arbeitsvertrag "nur" mit dem Firmenstempel "unterzeichnet". Dies ist auch deshalb so, weil früher solche Verträge meist in sehr kunstvoller Kalligraphie ausgeführt waren. Der rote Stempel unterschied sich dann merklich von den mit schwarzer Tusche geschriebenen Zeilen. Verkehrte Welt: Bei uns wurde eher der Vertragstext gedruckt und die Signatur per Hand zugefügt! |