Die Welt der chinesischen Zeichen ist schon verwirrend. Nicht nur, dass die Chinesen sich einfach nicht mit einer Basis von 26+x Buchstaben begnügen mögen – sie schufen zehntausende Zeichen, von denen über 3000 in alltäglichem Gebrauch sind. Es kommt noch schlimmer: wenn sich ein Europäer aus zwei verschiedenen Quellen einen bestimmten Begriff wie z.B. "Drache" besorgt, kann es leicht passieren, dass die Zeichen völlig unterschiedlich aussehen – und trotzdem richtig sind.
Dafür gibt es zwei Gründe:
– die so sehr verschiedenen Schriftstile und
– die Unterscheidung sogenannter "Kurzzeichen" und "Langzeichen"
Schriftstile
Bekanntermaßen schreiben die Chinesen mit dem Pinsel. Das stimmt in Zeiten des Computers und des Kugelschreibers natürlich nicht mehr uneingeschränkt, aber das Schreiben mit dem Pinsel ist doch die Grundlage für alle wichtigen Schriftstile, die heute in China gebräuchlich sind. Das Schreiben von Zeichen ist in China immer schon mehr gewesen als eine reine Fertigkeit – es war uns ist eine Kunst. Die Kalligrafie, also die Schönschreibkunst, unterscheidet den Gebildeten vom Ungebildeten. Während sich die Politiker im alten Rom oder bei den Griechen über ihre Redekunst – die Rhetorik – Ansehen erwarben, muss ein chinesischer Politiker auch heute noch möglichst kunstvoll geschriebene Schriftzeichen zu Papier bringen können, um sich Respekt zu verschaffen.
Die chinesische Kalligrafie hat in den letzten 2000 Jahren fünf Hauptstile entwickelt, die auch für moderne Computerfonts als Grundlage dienen:

1. Die Siegelschrift [zuan shu
]
Wie der Name schon sagt, wurde sie für Gravur von Bronze und Stein, damit für Siegel und Stempel entwickelt. Stempel waren durch die chinesische Geschichte hindurch in China fast immer wichtiger als eine persönliche Unterschrift – das gilt vielfach sogar noch heute, wenn Unternehmen in China ihre offiziellen Dokumente mit einem Unternehmensstempel "unterschreiben" müssen. Die in diesem Buch aufgeführten Amtsstempel bedienen sich freilich moderner Schrifttypen, denn heute kann kaum jemand die Siegelschriftzeichen problemlos lesen.

2. Die Kanzleischrift [li shu
]
Sie wurde entwickelt, um in den Kanzleien der Verwaltung zu Kaiserzeiten Texte schneller schreiben zu können.

3. Die Normalschrift [kai shu
]
Auch für die chinesischen Zeichen in diesem Buch ist dies die Normalschrift.

4. Die Halbkursivschrift [xing shu
]
Sie ist für unsere Augen schon sehr frei gehalten, richtet sich aber größtenteils noch nach den in der Normalschrift festgelegten Strichfolgen.

5. Die Gras- oder Kursivschrift [cao shu
]
Diese Schreibschrift ist viel dynamischer als die anderen Schriftstile, vielfach werden einzelne Striche eines Zeichens miteinander verbunden, teilweise können so auch komplexe Zeichen mit einem einzigen Pinselstrich zu Papiuer gebracht werden.
Schon vor dem Computerzeitalter hat es, begonnen mit den chinesischen Pionieren der Druckkunst wie z.B. Bi Sheng (1200–1270) aber noch andere Schrifttypen gegeben, die heute in chinesischen Druckpublikationen und auf Internetseiten dominieren. Diese Schriften kommen auch auf den Schildern und Stempeln in diesem Buch vor:

6. Der Song-Stil [song ti
]
Sie wurde anfänglich im Holzschnitt hergestellt, ähnelt zufällig der lateinischen Antiqua (z.B. Times New Roman) und ist heute die am meisten gebräuchliche Buchschrift.

7. Der imitierte Song-Stil [fang song ti
]
Wie der Name schon sagt, ist sie eine Abwandlung des Song-Stils. Sie wird heute gerne für kurze Einführungstexte, Sprüche oder Zitate verwendet, um diese vom normalen Buchtext abzusetzen.

8. Der schwarze Stil [hei ti
]
So bedrohlich dieser Name klingt: Ungewohnt "Schwarz" kam den Chinesen Anfang des 20. Jahrhunderts dieser Schriftstil vor, da er auf unterschiedliche Strichstärken und Serifen verzichtet. So ging es im 19. Jahrhundert übrigens auch den Europäern, die den damals neuen Stil als "Grotesk" bezeichneten. Der "schwarze" Trend kam damals von Europa nach Asien und ist heute in China auf Plakaten, Schildern und den großen Bannern der Propaganda verbreitet.
Klar gibt es heute unzählige chinesische Computerfonts in allen möglichen Variationen, die jedoch den Rahmen dieses Buches sprengen würden!