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Ein Ausweg aus der Dunkelheit für blinde Kinder in Tibet

Von Andreas Landwehr für dpa, April 2002

«Ich bin blind, ja und?» sagt Sabriye Tenberken. «Ich kann eine Menge Dinge tun.» Die energische 31-jährige Deutsche ist nicht nur der lebende Beweis, ihre Philosophie hat auch die erste Blindenschule in Tibet entstehen lassen. Immer schon hatte sie Entwicklungsarbeit leisten wollen, wurde aber als Blinde abgewiesen. Da machte sich die selbstbewusste Tibetologin aus Bonn selbst auf den Weg. Auf dem Pferd ritt sie 1997 in entlegene Dörfer 170 Kilometer von Lhasa, um zu erfahren, wie Blinde in Tibet leben.

Ihr bot sich ein erschreckendes Bild. Vierjährige Kinder, die nicht laufen konnten, weil ihre Eltern sie an Pfosten gebunden hatten, während sie auf dem Feld arbeiteten. Oder 18-Jährige, die nie das Haus verlassen hatten. Der Aberglaube, dass Blinde in ihrem früheren Leben etwas Schlimmes getan haben müssen, lässt sie als Ausgestoßene leben und selbst in Scham versinken. Normale Schulen nehmen sie nicht auf. Niemand glaubt, dass sie mit ihrem Leben etwas anfangen können.

Die Zahl der Blinden im 2,5 Millionen Einwohner zählenden größten Hochland der Erde ist extrem hoch. Offiziell sind es 15 000, Experten schätzen die Zahl auf bis zu 25 000. Ursachen sind das starke ultraviolette Licht, Entzündungen durch Ruß von Kohle und Yak-Dung, der als Brennmaterial dient, Vitaminmangel und fehlende medizinische Versorgung. Tenberken, die selbst mit zwölf Jahren erblindet war, beschloss, in Lhasa eine Blindenschule aufzubauen. Ihr niederländischer Freund Paul Kronenberg (33), den sie in einem Hotel für Rucksacktouristen in Lhasa kennen gelernt hatte, war der einzige, der an sie glaubte und mitzog.

«Wir sind blind, aber wir können viel tun», paukt sie heute ihren 26 Schülern zwischen 7 und 13 Jahren ein. «Die Integration ist nur möglich, wenn sie Selbstbewusstsein bekommen.» Sie lernen, sich um sich selbst zu kümmern, mit einem Blindenstock zu gehen, und vor allem Lesen und Schreiben - Tibetisch, Chinesisch und Englisch. Dabei hilft ihnen die Braille-Blindenschrift, die Tenberken selbst für das tibetische Alphabet entwickelt hat. Wie ein «ausgetrockneter Schwamm» saugen die Kinder das Wissen auf. «Die Eltern erkennen ihre Kinder nicht wieder», sagt Tenberken, die ihre Erlebnisse in zwei Büchern «Tashis neue Welt» und «Mein Weg führt nach Tibet» geschildert hat.

Jedes Jahr sollen künftig 30 Blinde die Schule durchlaufen. «Das schlimmste ist, Kinder abzuweisen», sagt Kronenberg. Beruflich wird die Ausbildung zu Masseuren oder Musikern angeboten. Eine hauseigene Käsefabrik produziert ab Herbst statt Mozzarella einen «Lhasarella». Ein Braille-Verlag soll Bücher drucken. Nach erstem Zögern stehen die tibetischen Behörden heute voll hinter dem Projekt, das mit Spenden finanziert und in Partnerschaft mit der Behindertenvereinigung Tibets entstanden ist. Nächstes Jahr soll die Schule in Eigenregie durch das Lehrpersonal in Lhasa und die Vereinigung übernommen werden.

Tenberken und Kronenberg wollen eine Organisation «Braille ohne Grenzen» aufbauen, die weltweit Textbücher, Software und bezahlbare einfache Hilfsgeräte für Blinde entwickeln soll. «Die Organisation kann überall in der Welt tätig sein, auch sollen die Grenzen für Blinde beseitigt werden», sagt Kronenberg. Der Schwerpunkt liegt zunächst in der Himalaya-Region, wo jährlich schätzungsweise 150 000 Menschen erblinden. Im Hochland von Ladhak in Indien soll die nächste Schule entstehen. Nach den Erfahrungen in Tibet schreckt die beiden nichts mehr. Ohnehin gilt für Tenberken: «Immer wenn jemand sagt, das kannst Du nicht tun, gibt mir das Energie.»

 

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