Votum für eigenständigen Kurs
Regierungswechsel in Taiwan
Albträume in China
Der Ausgang der Parlamentswahl in Taiwan sorgt in Peking für neue Albträume.
Ausgerechnet die beiden meist gehassten Politiker, der heutige Präsident
Chen Shui-bian (50) und der frühere Präsident Lee Teng-hui (78), gingen
als Sieger aus der Wahl hervor. Die beiden gebürtigen Taiwanesen machen
keinen Hehl daraus, dass ihnen ein unabhängiges Taiwan am liebsten wäre.
Chen Shui-bian ist aus der Unabhängigkeitsbewegung hervorgegangen, gibt
sich aber jetzt als Präsident gemäßigt und realistisch, während Lee Teng-hui
die Kommunisten mit seiner Theorie von den Beziehungen zwischen Taipeh
und Peking wie zwischen "zwei Staaten" zutiefst verärgert hatte. Den heutigen
Präsidenten hat Peking bislang völlig gemieden, den früheren als "Separatisten"
abgeurteilt.
Doch der Sieg der Fortschrittspartei des Präsidenten und die Gewinne
der Solidaritätsunion mit ihrem geistigen Vater Lee Teng-hui sind ein
klares Votum für die Kräfte, die ein eigenständiges Taiwan wollen. Dagegen
hatte Peking gehofft, den ungeliebten Präsidenten aussitzen zu können,
und stattdessen die nationalistische Kuomintang hofiert, die zumindest
in der Zukunft eine Wiedervereinigung will.
Doch mit dem Niedergang und der Aufsplitterung der Kuomintang muss Peking
eine neue Taktik wählen. Dass sie nicht völlig lernunfähig sind, haben
die kommunistischen Strategen bei dieser Wahl bewiesen. Erstmals hielten
sie sich demonstrativ zurück. Wurden frühere Wahlen mit Säbelrasseln und
Manövern begleitet, gestanden sie ein, dass die Drohungen nur die Unabhängigkeitskräfte
gestärkt hätten.
Doch dass Chen Shui-bian und Lee Teng-hui dessen ungeachtet starken Zulauf
haben, beweist Peking nur einmal mehr, dass sein eigentlicher Feind die
Demokratie in Taiwan ist. Niemand kann die Taiwanesen zu etwas zwingen,
was sie nicht wollen - und das gilt zu allererst für die Wiedervereinigung.
Doch eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit und Integration wollen
sie gleichwohl.
Mehr als 60 Milliarden US-Dollar haben die Taiwanesen in den letzten
zehn Jahren in China investiert. Chen Shui-bian hat Jahrzehnte alte Beschränkungen
für die wirtschaftliche Kooperation aus Kuomintang-Zeiten aufgehoben.
Erst am Donnerstag erlaubte er die Produktion von Notebooks und 121 anderen
Hi-Tech-Produkten auf dem Festland. Im November hatte er alte Investitionsgrenzen
aufgehoben.
Auch geht er vorsichtig daran, bislang nur über Hongkong erlaubte Verbindungen
künftig auch direkt über die Taiwan-Straße zuzulassen. Damit kommt er
Peking entgegen, das die Aufnahme direkter Handels- und Transportverbindungen
schon lange fordert. Auch für die Welthandelsorganisation (WTO), der China
und Taiwan beigetreten sind, sind freie Handelswege unerlässlich.
Doch würdigt Peking diese Fortschritte keineswegs, ist politisch wenig
flexibel. Vor einer Wiederaufnahme des 1995 abgebrochenen Dialogs wird
der Kotau Chen Shui-bians gefordert. Er soll den "Ein- China-Grundsatz"
anerkennen, wonach die kommunistische Führung die alleinige Regierung
Chinas und damit auch Taiwans ist. Doch der Ausgang der Wahl hat bewiesen,
dass nicht Chen Shui-bian der Wiedervereinigung im Weg steht, sondern
die Mehrheit der Taiwanesen.
Direkt nach der Wahl äußerte sich China zurückhaltend. Man sieht die
Unabhängigkeitskräfte in Taiwan durch den Ausgang der Parlamentswahl gestärkt,
erwartet aber keine "dramatische" Veränderung im Verhältnis. Die Chance,
dass die Fortschrittspartei (DPP) von Präsident Chen Shui-bian nach ihrem
Wahlsieg "den extremen Schritt auf eine volle Unabhängigkeit hin machen
werde, der potenziell einen Krieg in der Taiwanstraße auslösen würde,
ist gering", zitierte die Tageszeitung "China Daily" den Direktor der
Taiwan Instituts der Xiamen Universität, Fan Xizhou.
Er fürchtet aber, dass Taiwans Präsident nur noch entschlossener sein
werde, den Ein-China-Grundsatz, wonach Peking die alleinige Regierung
Chinas ist, zurückzuweisen. Li Jiaquan, Forscher des Taiwan-Instituts
der Akademie der Sozialwissenschaften, warnte, dass die Unabhängigkeitskräfte
sich jetzt ermutigt fühlen könnten, ihren Einfluss geltend zu machen.
Das Wahlergebnis könne die Beziehungen vorübergehend überschatten. "Doch
wird keine dramatische Veränderung in der grundlegenden Gestaltung der
Beziehungen erwartet."
Die Fortschrittspartei des Präsidenten könne es sich nicht leisten, gegen
Peking vorzugehen, indem der Status Quo verändert werde. Es sei "völlig
unmöglich für Taiwan, den bestehenden Ein-China-Rahmen zu verlassen",
sagte Li Jiaquan.
Auffällig war in den ersten Reaktionen, dass der frühere Präsident Lee
Teng-hui, den Peking scharf wegen seiner Theorie von den "zwei Staaten"
Taiwan und China scharf kritisiert hatte, mit keinem Wort erwähnt wurde.

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