 |
|
Projektgruppe Model United Nations, München 2000 |
 |
Mao und Stalin
Verriet Stalin 1945 die kommunistische Revolution in China? - Anja Jakob
V. Fazit
Daß Mao sich innerhalb der Partei gegen alle Rivalen und
vor allem die Moskauer Führung durchsetzen konnte, war nicht zuletzt eine
Folge der sowjetischen Zurückhaltung in China. Um die Beziehungen zu Chiang
und den Westmächten nicht zu belasten, hatte Moskau nur der Zentralregierung,
nicht aber den Kommunisten Hilfe geleistet und verfügte deshalb bei der
KPCh kaum über Einfluß. Anders als bei den "bolschewistischen"
Parteien in Europa, deren Apparat von der Sowjetunion finanziell ausgehalten
wurde, konnte Moskau die Personalpolitik der KPCh nicht bestimmen – anders zum
Beispiel als in Spanien, wo man von den sowjetischen Waffenlieferungen abhängig
war. Während die europäischen Entwicklungen jedoch bei den westlichen
Regierungen erhebliche Besorgnisse hervorriefen, war dies bei den fernöstlichen
kaum der Fall, nach dem Sprichwort: Das Hemd ist näher als der Rock.
Gerade der geringe direkte Einfluß Moskaus und die Eigenständigkeit
der chinesischen Kommunisten zeigten hier entsprechende Wirkungen. Vor allem
aber hatte sich das Bild, das man sich von den Revolutionären in China
machte, im Westen deutlich gewandelt. In den Jahren nach 1937 galten sie nicht
mehr als Banditen, sondern als dynamische, nationalrevolutionäre Kraft
– eher Agrarreformer denn orthodoxe Anhänger Moskaus. Die Verharmlosung
der Kommunisten als Agrarreformer und patriotische Widerstandskämpfer sollte
vor allem in den USA von großer Wirkung sein. Obwohl Briten wie Amerikaner
die Politik der KPCh und deren Pressestimmen aufmerksam verfolgten, sahen sie
keinen Grund zu Besorgnis. Zwar fiel ihnen auf, daß die chinesischen Kommunisten
jede Kursschwenkung der Moskauer Propaganda sofort nachvollzogen, doch es gab
niemals irgendwelche Anzeichen für eine sowjetische Unterstützung.
Auch hielt man bis in den Krieg hinein die Berichte über
die Stärke der chinesischen Kommunisten für ebenso übertrieben
wie die über ihren Puritanismus, ihren Kampfgeist und ihre Effizienz. Selbst
wenn die Kommunisten in einem eventuellen Bürgerkrieg, der allenfalls nach
dem Kampf gegen Japan beginnen würde, siegen sollten, war dies kaum eine
Katastrophe. Die Entwicklung werde anders als in der Sowjetunion verlaufen und
nicht zu einer Diktatur führen. Die rassischen und zivilisatorischen Kräfte
Chinas würden auf Dauer siegen.
Die leichte Lebenseinstellung der Chinesen, ihre Toleranz und
Kompromißbereitschaft, ihre Abneigung gegenüber Extremen und vor
allem ihr Individualismus und ihre Händlermentalität würden jede
kommunistische Entwicklung verhindern.
Moskau hingegen sah in Mao mehr einen Feind, denn einen Verbündeten:
Maos Unabhängigkeitsstreben, sein Beharren auf einer eigenwilligen Revolutionsstrategie
und die Beanspruchung der Äußeren Mongolei für China machten
jedenfalls deutlich, daß man es nicht mit einem echten Kommunisten, einem
internationalem Bolschewiken im Sinne Stalins, zu tun hatte. Die chinesischen
Kommunisten wurden deshalb nicht als wahre Kommunisten empfunden, sondern vielmehr
als Bauernrevolutionäre, um "Radieschen": außen rot aber
innen weiß.
Der spätere Sieg der Kommunisten war von Moskau keineswegs
so beabsichtigt und wurde auch nicht erwartet, sondern war ein Ergebnis des
langjährigen chinesisch-japanischen Krieges und der sich daraus ergebenden
wirtschaftlichen und politischen Zerrüttung Chinas.
Die Eingangs aufgeworfene Frage kann folglich nur mit nein beantwortet
werden. Stalin verriet die chinesische Revolution keinesfalls. Vielmehr trug
er sogar indirekt durch seine Sicherheitspolitik zum Erfolg der Kommunisten
in China bei. Auch die Frage nach der Befürwortung einer kollektiven Sicherheit
muß definitiv bejaht werden, denn Stalin konnte es sich nicht leisten,
auf die Kooperation mit den westlichen Alliierten während des 2. Weltkrieges
zu verzichten.
Der entscheidende Faktor in der Beurteilung der chinesischen Kommunisten
war wohl die Unkenntnis ihres Potentials. Hätte es eine tatsächliche
und objektive Beurteilung der innenpolitischen Lage Chinas gegeben, wären
die Interessen aller Alliierten während des 2. Weltkrieges in China anders
ausgefallen.
So legten die Ereignisse dieser Zeit die Keime zum sowjetisch-chinesischen
Konflikt und zur vorläufigen Abschottung Chinas nach außen für
die nächsten Jahrzehnte.
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
|
 |