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Mao und Stalin
Verriet Stalin 1945 die kommunistische Revolution in China? - Anja Jakob

  I     II     III     IV     V     VI     Inhaltsverzeichnis des Artikels

IV. Die chinesische Revolution und die Großmächte: Wer unterstützt wen?

B. Stalin und die chinesische Revolution

"Soviet influence was reasserted in China following the communist revolution in 1949. Moscow, which had supported Mao Tse-tung and his comrades, suddenly became China´s only real ally."31

Daß die Rolle Moskaus während der chinesischen Revolution keineswegs derart eindimensional gesehen und beurteilt werden kann, soll im folgenden dargelegt werden.

1. Zielkonflikte zwischen Moskau und der KP Chinas

Moskaus Agitation in China muß von Anfang an als zweischneidiges Schwert angesehen werden. Zwar bestimmte Stalin seit 1922 die sowjetische Chinapolitik, er betrachtete dennoch zunächst die KMT als den wichtigsten Verbündeten der UdSSR. Er ging dabei von der Vorstellung aus, sie sei als stärkste politische Kraft am ehesten in der Lage, China zu einigen, es jedem – nichtsowjetischen – ausländischen Einfluß zu entziehen und es damit, wenn auch ungewollt, für die unter sowjetischer Regie durchzuführende kommunistische Machtübernahme vorzubereiten.

Der Konflikt zwischen Moskau und den chinesischen Kommunisten ergab sich vor allem daraus, daß die Führung der KPCh die Revolution und damit die Erringung der Macht in China als Hauptziel verfolgte, und zwar im Kampf gegen den stärksten Rivalen, die KMT – Moskaus Vorzugspartner. Während des 2. Weltkrieges prägte sich dieser Zielkonflikt in spezifischer Weise aus. Stalin fürchtete einen Angriff Japans auf die Sowjetunion und war im Hinblick auf China hauptsächlich daran interessiert, die japanischen Truppen auf dem chinesischen Schauplatz zu binden. Stalins Forderung einer Zusammenarbeit zwischen KMT und KPCh in einer nationalen Einheitsfront gegen Japan sicherte ihm auch die Kooperation der Großmächte Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten bezüglich der kollektiven Sicherheit. Mit dem Herannahen des Kriegsendes keimte dennoch in der Führung der KP Chinas die Hoffnung, nunmehr mit Hilfe der Sowjetunion die Revolution in China zum Sieg führen zu können. Im Mai und Juni 1945 betonte Mao auf dem siebten Parteitag der KPCh, die Sowjetunion sei der einzige und wahre Freund der KP Chinas. Sie werde daher auch in der Lage sein, nach dem Kriege den Kampf gegen die KMT mit der Unterstützung der Sowjetunion zu führen. Sie werde von Moskau materielle und technische Unterstützung erhalten und in der Mandschurei eine feste Basis für die chinesische Revolution errichten.32

2. Jalta und der sowjetisch-chinesische Bündnisvertrag: Geschäfte auf Kosten der KPCh

In Moskau hingegen dachte man in anderen Kategorien: Stalin neigte angesichts der Zusammenarbeit im Sinne der kollektiven Sicherheit dazu, China generell als Teil der amerikanischen Interessensphäre anzuerkennen und die Herrschaft Chiang Kai-Sheks zu akzeptieren. Stalin wollte einem großen Konflikt mit den Vereinigten Staaten in Ostasien aus dem Weg gehen, von dem er befürchtete, er könne sich zu einem 3. Weltkrieg ausweiten. Eine Ausnahme machte er nur im Hinblick auf die Äußere Mongolei und die Mandschurei. Er war fest entschlossen, dort den traditionellen Einfluß Rußlands aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzustellen; das bereits bestehende sowjetische Protektorat in der Äußeren Mongolei ließ er sich in Jalta in einem Geheimabkommen von den USA und Großbritannien bestätigen. Das Entgegenkommen in der mongolischen und mandschurischen Frage war der Preis, den die USA und Großbritannien für Stalins Bereitschaft zahlten, binnen zwei bis drei Monaten nach der deutschen Kapitulation in den Krieg gegen Japan einzutreten und China bei der Befreiung von den japanischen Okkupanten zu helfen.

China war in Jalta nicht vertreten. Die drei Signatarmächte stimmten sich offenbar weder mit der KMT noch mit der KPCh ab. Als Chiang Wochen später über seinen Botschafter in Washington davon erfuhr, wollte er die Nachricht zunächst kaum glauben und fragte sich, ob "China in Jalta wirklich verkauft" worden sei33. In Jalta verpflichtete sich Roosevelt gegenüber Stalin dazu, Chiang Kai-Shek zum Einverständnis mit der Regelung der mongolischen und mandschurischen Frage34 zu bewegen, wie sie zwischen den Großmächten getroffen wurde. Stalin erklärte sich seinerseits bereit, mit der KMT-Regierung eine Freundschaftsvertrag zu schließen, wodurch implizit die Anerkennung der Nationalregierung als die einzige chinesische Regierung erfolgte.

Stalin hatte mit geringen Opfern, nämlich durch eine nur zehn Tage währende Beteiligung am Krieg gegen Japan, einen großen Teil der ehemaligen zaristischen Privilegien in der Mandschurei wiedererrungen. In Washington und in Chungking erhoffte man sich von dem Vertrag, er werde der Führung der KP Chinas endgültig klar machen, daß die Sowjetunion nicht sie, sondern die Nationalregierung unterstütze.

3. Stalin stellt sich gegen die kommunistische Revolution in China

In der Tat kam der Vertrag vom 14. August 1945 für die chinesischen Kommunisten wie ein Schock. Die Führung der KPCh war allem Anschein nach über das China betreffende Abkommen in Jalta wie auch über die sowjetischen Vertragsverhandlungen mit der Nationalregierung von Stalin weder informiert noch konsultiert worden. Noch kurz zuvor waren sie davon überzeugt gewesen, die Sowjetunion werde für ihren Einmarsch in die Mandschurei keine Konzessionen und Sonderrechte fordern, denn die Tage des russischen Imperialismus seien vorbei.

Anfang Juni hatte die Sowjetführung Yenan über die Absicht informiert, in den Krieg gegen Japan einzutreten. Am 8. August hatte Moskau Tokyo den Krieg erklärt. Am Folgetag war die Sowjetarmee, ohne vorher die chinesischen Genossen zu unterrichten, in China eingedrungen. Ungeachtet des Kapitulationsangebots vom 10. August, das am Folgetag von den Alliierten – auch von Moskau – angenommen wurde, war die Sowjetarmee weiter vorgestoßen. Nach dem Waffenstillstand, der von ihr am 23./24. August verkündet wurde, hatte die Sowjetunion schließlich rund 300.000 Soldaten in der Mandschurei stehen. Die Führung der KPCh reagierte darauf enthusiastisch und wertete die neue Entwicklung allem Anschein nach als Signal für den Beginn ihres Endkampfes gegen die KMT, bei dem ihnen die UdSSR zur Seite stehen würde. Doch auch diese Hoffnungen der KPCh auf Unterstützung Moskaus im Kampf um die Revolution wurde durch den Vertrag vom 14. August und das nachfolgende sowjetische Verhalten zunichte gemacht. Stalin sprach sich in Telegrammen vom 20. und 22. August sogar eindeutig gegen eine Revolution aus. Die Beziehungen zwischen der KPCh und Moskau waren auf einem Tiefpunkt angelangt. Alle Umstände deuteten darauf hin, daß der Abschluß des sino-sowjetischen Vertrages vom 14. August und die anschließenden Empfehlungen aus Moskau in der Parteispitze als Verrat an der chinesischen Revolution empfunden wurden.

4. Die KP Chinas fügt sich Stalins Weisungen

Dennoch unterwarf sich die KPCh den Empfehlungen aus Moskau, die sie als Weisungen im Stil der Komintern empfand, und änderte sofort ihre Strategie. Hierzu gehörte vor allem der Verzicht auf die Eroberung von Großstädten. Zuvor schon, unmittelbar nach dem Abschluß des sino-sowjetischen Vertrages, hatte die KPCh ihre gegen USA und die KMT gerichtete Propaganda eingestellt und wieder freundlichere Töne angeschlagen. Auch Mao Tse-tung ließ in seinen offiziellen Äußerungen keinen Groll gegenüber Moskau erkennen und gab die sowjetischen Begründungen als seine eigenen wieder.

Ob und in welchem Maße Mao sich durch Stalins Argumente wirklich überzeugen ließ, ist nicht klar. Mao dürfte aber immerhin verstanden haben, daß seine Erwartung, das Ende der Zusammenarbeit der Alliierten des 2. Weltkrieges sei gekommen, verfrüht war.

5. Maos Blick zurück – im Zorn?

Die in der Überschrift aufgeworfene Frage kann auf jeden Fall bejaht werden. Es kann inzwischen kein Zweifel mehr daran bestehen, daß Stalins Absage an die kommunistische Revolution in China vom August 1945 zu den stärksten Belastungen des Verhältnisses zwischen sowjetischen und chinesischen Kommunisten in der Stalin-Zeit gehört. Dieses Urteil wird später durch Äußerungen Maos bestätigt.35

Im Jahre 1945 opferte Stalin den Wunsch der chinesischen Genossen nach Revolution auf dem Altar der Interessen der Sowjetunion und der anderen drei Alliierten. Er perzipierte diese Interessen auf zweierlei Weise. Zum einen ging es ihm darum, die Zustimmung aus Washington und London zur Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung der traditionellen russischen Privilegien in der Äußeren Mongolei und in der Mandschurei zu bekommen. Zum anderen wollte er die Vereinigten Staaten beschwichtigen und zu einer Kooperation im ostasiatischen Raum veranlassen. Der chinesische Partner der beiden Westmächte, mit dem Stalin hier kooperieren mußte, konnte daher nur die Nationalregierung der KMT sein.36

 
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