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Projektgruppe Model United Nations, München 2000 |
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Mao und Stalin
Verriet Stalin 1945 die kommunistische Revolution in China? - Anja Jakob
III. Die chinesische Revolution (1930-1949): Mao oder Chiang
Kai-Shek?
E. Mao: Revolutionär der Bauern oder warum die KMT sich
nicht durchsetzte – eine analytische Betrachtung
"Wenn man sich der Analyse seiner (Maos) Lehre zuwendet...so muß
man vor allem eines beachten: Mao Tse-tung war in erster Linie Revolutionär,
und zwar ein Revolutionär, der – im Gegensatz zu Marx und Engels, K’ang
Yu-wie und Li Ta-chao – den größten Teil seines Lebens intensiv
an der Durchführung einer Revolution arbeitete.
...sein Interesse ist dabei vorwiegend auf strategische und organisatorische
Fragen von unmittelbarer und praktischer Bedeutung eingeschränkt."20
1919 trafen sich in einer Mädchenschule innerhalb der französischen
Konzession Shanghai zwölf Delegierte aus mehreren chinesischen Provinzen
und gründeten in Anwesenheit und vielleicht sogar auf Veranlassung des
soeben erst in China angekommenen holländischen Komintern-Agenten Maring
alias Henricus J. F. M. Sneevliet die Kommunistische Partei Chinas. Gleichzeitig
hielten sie den Ersten Nationalen Kongreß der KPCh ab, auf dem sie eine
Parteisatzung annahmen, ein Zentralbüro wählten, und sich in Ideologie
und Organisation für eine Politik entschieden, die sich – wie einer der
Teilnehmer später schrieb – weitgehend an den Erfahrungen der bolschewistischen
Partei Rußlands orientierte. Wenngleich jene zwölf Delegierten, die
sich in Shanghai trafen, nicht mehr als ungefähr sechzig kommunistische
Mitglieder repräsentierten, so bildeten diese dennoch den Kern einer Bewegung,
die im Laufe der nächsten Jahre beträchtlich wachsen und kaum drei
Jahrzehnte später die Macht in China übernehmen sollte. Warum gerade
diese Bewegung eine derart breite Zustimmung in der Bevölkerung erfahren
konnte und warum sie sich gegen die bereits etablierte und von den Großmächten
unterstützte Kuo-min tang ohne Hilfe von außen durchsetzten konnte,
gründet sich auf folgende Ursachen: 1. Die russische Oktoberrevolution
und die Chinapolitik der neuen bolschewistischen Regierung; 2. Die Haltung der
westlichen Großmächte China gegenüber und das Scheitern der
chinesischen Republik; 3. Die intellektuelle Entfremdung der jungen chinesischen
Intelligenz sowohl von der eigenen Ordnungstradition wie von den neuen westlichen
Ordnungsvorstellungen.
Ausgehend von diesen Ursachen zählten vor allem die neue
Strategie Maos, die Invasion Japans und die eigene Unfähigkeit und Inflexibilität
der KMT zu den Hauptgründen, die ihr Scheitern und den Sieg der Kommunisten
erklären. Die eigentliche Bedeutung der Invasion Japans besteht darin,
daß sie in China eine Situation schuf, die die allgemeine Atmosphäre
und damit die Positionen von KMT und KPCh grundlegend veränderte.21
Vielleicht wäre es eine Übertreibung zu behaupten, die japanische
Invasion vom Juli 1937 habe lediglich den Verfallsprozeß beschleunigt,
in dem sich die KMT, wie bereits erwähnt, schon seit einigen Jahren befand.
Zutreffend ist auf jeden Fall, daß durch dieses Ereignis die Probleme,
mit denen sie zu kämpfen hatte, nicht nur verschärft wurden, sondern
daß zudem noch neue hinzukamen. Auch die Machtkonstellation innerhalb
der Partei hatte sich so grundlegend verändert, daß es für Chiang
Kai-Shek unmöglich geworden war, die von Sun versprochenen sozialen Reformen
durchzuführen. Anstelle der Einleitung jenes "land-to-the-tiller"-Programms,
das Sun angekündigt hatte, konzentrierte sich der Besitz des Bodens in
den Händen weniger Grundbesitzer und damit einhergehend verstärkte
sich die Verarmung und Verelendung immer größerer Bevölkerungsteile
auf dem Lande.22
Auch die Tatsache, daß die nationale Einigung nicht durch
die Zerschlagung der sogenannten "warlords" oder "Militärmachthaber"
erreicht worden war, sondern durch ihre Aufnahme in die KMT, untergrub das Ansehen
und die Akzeptanz der KMT in der ländlichen Bevölkerung. Bereits 1916
wurde das Land von den ein Jahrzehnt andauernden Generalskriegen dieser sogenannten
Militärmachthaber heimgesucht, die Bevölkerung wurde ausgepresst und
unterlag dem Willen ihres jeweiligen Machthabers. Anstatt dieses System von
Korruption, Gewalt, Willkür, eigenen Armeen und eigener Bürokratie
auszumerzen, kam es stattdessen zur Integration. Da diese Integration aber nicht
mit der Aufgabe der Herrschaftsgebiete der Machthaber und der Auflösung
ihrer Armeen verbunden gewesen war, hatte die Einigung Chinas nicht zu einer
realen, sondern nur zu einer formalen Beseitigung des warlord-Systems geführt.
Die Aufteilung des Landes blieb ebenso weiterbestehen wie die verschiedenen
Armeen, die sich gegenseitig in Schach hielten und eine effektive Modernisierung
des Landes verhinderten. Denn abgesehen davon, daß die warlords an einer
zentral geleiteten Modernisierung kein Interesse hatten, da diese ihre Machtbasis
geschwächt hätte, verschlang der Unterhalt von Armeen und die Finanzierung
der gegenseitigen Kriege gerade jene Mittel, die für eine Modernisierung
notwendig gewesen wären.23
Eben diese anarchischen Zustände, die das chinesische Denken
bis heute noch prägen, waren wohl mehr als ein Grund, der zum Sieg der
Kommunisten unter Mao führte. Die Kommunisten gaben die lange vermißte
Ordnung und Sicherheit zurück und beendeten die Jahre des Chaos und der
Unterdrückung.
Die Situation verschlechterte sich noch weiter, als im Herbst
1931 Japan die Mandschurei unter seine Kontrolle brachte. Statt die Chance zu
nutzen und die Bevölkerung zu einem nationalen Befreiungskrieg zu mobilisieren,
verzettelte sich die KMT in Kriegen untereinander und in Feldzügen gegen
die Kommunisten. Der Trend in die Isolierung nahm weiter zu, als Japan 1937
eine Großoffensive startete, im Verlauf weniger Monate große Teile
Chinas besetzte und Chiang zum Rückzug ins Innere des Landes zwang. Damit
aber verlor dieser nicht nur die finanzielle Unterstützung der Bourgeoisie
in den Küstenregionen, sondern geriet zudem noch tiefer in die Abhängigkeit
der konservativen "gentry" im Inneren des Landes, "die – wie
Fairbank schrieb – den Kriegszeit-Slogan <Widerstand und Wiederaufbau>
als <Widerstand gegen sozialen Wandel und Konsolidierung der eigenen Position>
auslegte."24
Die KMT isolierte sich auf diese Weise von immer größeren
Teilen der chinesischen Bevölkerung, wobei die wachsende Korruption innerhalb
der KMT und ihre evidente Inkompetenz wohl wesentlich zu ihrem Abstieg beitrugen.
Dennoch sollen die anfänglichen Erfolge der KMT hier nicht
vergessen werden: Nach dem bereits erwähnte Bruch mit den Kommunisten gelang
der KMT durch ein behutsames Vorgehen gegen den Imperialismus sich die Anerkennung
der meisten fremden Mächte zu sichern und Verträge auf grundsätzlich
gleichberechtigter Basis abzuschließen. Die USA, England und Frankreich
erkannten im Prinzip die Zollautonomie an, deren Beschränkung man in China
stets als eine besonders diskriminierende und der wirtschaftlichen Entwicklung
des Landes abträgliche Bestimmung der "Ungleichen Verträge"25
empfunden hatte. Mehrere Länder, wie Belgien, Italien, Dänemark und
Spanien, erklärten sich bereit, vom 1. Januar 1930 ab auf die Exterritorialität
ihrer Staatsangehörigen in China zu verzichten, wenn auch die Mehrheit
der übrigen Mächte sich diesem Vorgehen anschlösse. Auch gelang
es der Nanking-Regierung unter Chiang eine Reihe fremder Konzessionen zurückzubekommen.26
Doch diese Erfolge der KMT konnten sich gegen ihr innenpolitisches
Versagen nicht durchsetzten. Ihrem Anspruch, in den beiden Jahrzehnten ihrer
Herrschaft, eine notwendige "Vormundschaftsregierung" zu führen,
konsequenterweise mit allen autoritären Mitteln, wurde die Kuo-min tang
nie gerecht. Chiang beherrschte China de facto als ein Diktator, es existierten
keinerlei demokratische Strukturen und Chiangs Autorität gestaltete sich
nie als überzeugend, da sich seine Macht nur auf den Militärs begründete.
Vor allem aber die neue Strategie Mao Tse-tungs fungierte als
entscheidender Faktor für den Sieg der Kommunisten: Durch die kommunistische
Bewegung wurde den Bauern und Soldaten das erste Mal in der chinesischen Geschichte
die Möglichkeit gegeben, durch die Wahl von Sprechern am politischen Leben
teilzunehmen und es aktiv mit zu gestalten:
"Unser China ist eine ländliche Nation, und der größte
Teil der arbeitenden Klasse besteht aus Bauern. Solange sie nicht befreit
sind, wird unsere ganze Nation nicht befreit sein; ihre Ignoranz ist die Ignoranz
unserer ganzen Nation, die Vorteile und Mängel ihres Lebens sind die
Vorteile und Mängel unserer gesamten Politik."27
Der Miteinbeziehung der Bauern in seine Überlegungen und
die Umdeutung des europäischen Marxismus-Leninismus in eine adäquate
chinesische Form, sicherten Mao Tse-tung den erfolgreichen Abschluß der
Revolution 1949.
Es mag vielleicht in Zweifel gezogen werden, daß Mao die
Bedeutung der chinesischen Bauern als erster erkannt hat – daß die Errichtung
revolutionärer "Basen" auf dem Lande auf seine Initiative zurückgeht,
wird allgemein anerkannt. Stützend für diese These zeichnen sich auch
folgende Aussagen Maos: "Erstens ist das Dorf das Zentrum der Revolution,
und zweitens sind die armen Bauern ihre Avantgarde."28
Daß diese beiden Thesen, betrachtet man sie als theoretische Aussagen,
mit den Auffassungen kollidierten, die Marx, Engels und Lenin in Hinblick auf
die revolutionäre Bedeutung der Bauern für die Revolution vertreten
hatten, ist evident. Mao beweist hier einmal mehr die Gültigkeit der Behauptung,
er habe dem Marxismus-Leninismus eine chinesische Prägung gegeben.
Mao gelang es in dieser Hinsicht aus der Not eine Tugend zu machen,
denn durch das jahrelange Wirken der KPCh im Untergrund und der Provinz war
es ihm nur möglich, Bauern und einfache Leute als Adressaten für seine
Vorstellungen eines neuen Chinas zu finden. Nichtsdestotrotz birgt diese Strategie
– Orientierung an den objektiven Bedingungen Chinas und nicht an der Direktive
Moskaus – eine gewisse Originalität und Orthodoxie und es ist Maos Verdienst
und sein persönlicher Einsatz gewesen, der der kommunistischen Revolution
zum Sieg verhalf. Anders als die Nationalisten, die sich nach dem Bruch mit
den Kommunisten in einen Hort konservativer Ideen, namentlich des Konfuzianismus
zurückgezogen hatten und dadurch eine weitgehende Entfremdung der Intellektuellen
von der Partei bewirkten.
Angesichts der mangelnden Erfolge der KMT, wie bereits erwähnt,
gelang es den Kommunisten, sich in breiten Kreisen der Bevölkerung als
überzeugendere Alternative darzustellen.
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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