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Mao und Stalin
Verriet Stalin 1945 die kommunistische Revolution in China? - Anja Jakob

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III. Die chinesische Revolution (1930-1949): Mao oder Chiang Kai-Shek?

A. Hintergrund

Mit den europäischen Kaufleuten und vor allem mit den Missionaren kam mehr und mehr abendländisches Gedankengut nach China. Aus Kreisen der jungen chinesischen Intelligenz, die durch Auslandsstudium oder auf modernen Schulen mit westlichen Ideen vertraut wurden, bildeten sich in den 1890er Jahren revolutionäre Gesellschaften, die zum Sturz der Dynastie aufriefen. Sie waren der Auffassung, daß die Mandschus5 unfähig zu einer umfassenden Erneuerung seien.

Obwohl die Mandschu-Herrschaft große und bedeutende Herrscherpersönlichkeiten hervorgebracht hatte, machte der Verfall dieser Dynastie seit dem Ende des 18. Jahrhunderts rasche Fortschritte. Wie auch zu anderen Zeiten hatten Dekadenzerscheinungen bei Hofe und in der Zentrale Mißwirtschaft in den Provinzen zur Folge. Das Beamtentum war weitgehend korrupt und habgierig, der Verkauf von Ämtern zur Deckung der finanziellen Bedürfnisse war usus. Die große Menge der Bauern war der Ausbeutung durch Beamte und Gentry6 wehrlos preisgegeben.

Ein weiterer Faktor der Verelendung der Volksmassen unter der Mandschu-Dynastie war nur mittelbar auf diese zurückzuführen: In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Bevölkerungszahl mehr als verdoppelt, der Umfang des kultivierten Landes war aber bei weitem nicht in dem gleichen Maße gestiegen. Eine nennenswerte Industrie oder Auswanderungsgebiete, die den großen Menschenüberschuß hätten aufnehmen können, gab es damals nicht. Die später als Siedlungsland so bedeutende Mandschurei, das Stammland der regierenden Dynastie, war für die chinesischen Einwanderer noch gesperrt. So blieb nur weitere Aufteilung und intensivere Ausnutzung des bereits kultivierten Bodens übrig; Verarmung und Sinken des Lebensstandards der großen Massen waren die unausbleiblichen Folgen. Zwar hatten Unterdrückung und Diskriminierung der Chinesen bei weitem nicht das gleiche Ausmaß wie unter früheren Dynastien – die Mandschus wurden sogar zusehends mehr und mehr von den Chinesen assimiliert und sinisiert – sie hatten sich aber doch bedeutsame Vorrechte gegenüber den Chinesen bewahrt. Das Gefühl und das Bewußtsein der Fremdherrschaft wurde wachgehalten.

1898 konnte sich eine Gruppe junger Reformer beim Kaiser Gehör verschaffen. Sie war der Überzeugung, daß die Übernahme westlicher Technik allein nicht ausreiche, um die Situation innenpolitisch zu verbessern, sondern daß darüber hinaus die Institutionen und Gesetze geändert werden müßten. Nach kurzem Erfolg wurde die Reformbewegung durch die konservative Opposition am Hofe unterdrückt. Nach 1900 versuchte sich die Mandschu-Dynastie an der Macht zu halten, indem sie einige der Reformvorschläge realisierte (zum Beispiel Aufbau eines Außenministeriums und Abschaffung des traditionellen Prüfungssystems), aber ihren Untergang konnten diese Reformen nicht aufhalten.

Nach der blutigen Unterdrückung der Taiping-Rebellion (1851-1864), den Boxer-Unruhen von 1900 und kleineren revolutionären Bewegungen, wurde Sun Yat-sen immer mehr die führende Persönlichkeit der Revolutionsbewegung für die sogenannte "Revolution der Staatsverfassung von 1911". Das Programm für eine demokratische Revolution lieferte Sun Yat-sen mit seiner Ideologie der "Drei Grundlehren vom Volk", nämlich der "Nationalen Grundlehre" (Sturz der mandschurischen Fremddynastie, spätere Beseitigung der Vorrechte ausländischer Mächte in China), der "Grundlehre von den Rechten des Volkes" (Errichtung einer Demokratie) und der "Grundlehre von der Lebenserhaltung des Volkes" (Sicherung der materiellen Bedürfnisse des Volkes). Suns Programm stellte eine Mischung aus traditionellen, insbesondere konfuzianischen Wertvorstellungen und modernen gesellschaftspolitischen Ideen des Westens dar und zielte auf die Errichtung einer Republik nach westlichem Vorbild und Abdankung der Mandschu-Dynastie ab.7

Die Bedeutung der Revolution von 1911 unter Sun Yat-sen und die ihr folgende Errichtung einer Republik hatten eine ganz außerordentliche Bedeutung, die in ihrem Ausmaß weit über die des Sturzes der Monarchien in den europäischen Ländern, wie in Frankreich (1870) oder in Deutschland (1918), hinausging. In China setzte das Jahr 1911 den Schlußstrich unter eine zweitausendjährige oder gar noch längere, im wesentlichen kontinuierliche Entwicklung. Die konfuzianische Staatsauffassung hatte dort in Anlehnung an älteres Gedankengut etwa seit Beginn unserer Zeitrechnung ohne ernstliche Anfechtung geherrscht. Im Laufe der Jahrhunderte war diese universalistische Staats- und Weltanschauung in ihren Einzelheiten zwar modifiziert und weiterentwickelt worden, ohne jedoch in ihren wesentlichen Grundlagen, wie der Stellung und der Herrschaftslegitimation des Kaisers als Sohn des Himmels, jemals ernstlich erschüttert worden zu sein. Auch die fremdstämmigen Dynastien, die China vorübergehend beherrschten, haben sich die chinesische Staatsauffassung weitgehend zu eigen gemacht. Erst im 19. Jahrhundert wurde durch die neuen Verhältnisse die Unhaltbarkeit dieser traditionellen Auffassung bewiesen, und es zeigte sich, daß die konfuzianische Idee des Weltstaates schlechthin eine Utopie gewesen war. So bedeutete die Revolution von 1911 den endgültigen Zusammensturz des von außen durch den abendländischen Imperialismus8 erschütterten und im Inneren seit der Taiping-Revolution nach und nach immer mehr unterhöhlten und morsch gewordenen Baus.

Die Revolution von 1911 war der Abschluß einer zweitausendjährigen Epoche, das unwiderrufliche Ende des konfuzianischen Weltstaates sowie des Konfuzianismus überhaupt. Der konfuzianische Staat und der Konfuzianismus sind seit 1911 tot.

Seit Beginn dieses Jahrhunderts und explizit seit 1911 befindet sich China in einer ungeheuren Krise, wie sie in solchem Ausmaß und in solcher Tragweite bisher nur selten in der Weltgeschichte aufgetreten ist.

Vor diesem Hintergrund und als Folge dieser revolutionären Bewegungen sind die Entstehung der Kuo-min tang und der Kommunistischen Partei Chinas zu sehen.

 

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