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Tibet oder die Frage der Minoritäten in der VR China - Sabine Krause

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III. Tibet

D. Soziale Argumentation der Zugehörigkeit Tibets

Abgesehen von dem historischen, d.h. im chinesischen Sinne rechtmäßigen Anspruch der VR China auf Tibet, erhebt die VR auch getreu der kommunistischen Argumentationsweise den Anspruch, die Lebensumstände der meisten Tibeter mit der Zugehörigkeit zum chinesischen Mutterland immens gebessert zu haben. Dafür führt man in Peking zuallererst an, daß es sich bei der tibetischen Staatsform um eine feudalistische Aristokratie gehandelt habe, in der eine kleine Minderheit mithilfe mittelalterlicher Gesetze die große Mehrheit aller Güter sowie Sklaven und Leibeigene besessen habe.

"So sehr sich das reformerische vom Kulturrevolutionären China heute distanziert - in seiner Tibet-Propaganda sind die Methoden weitgehend gleichgeblieben: Das Schreckensbild vergangener Leiden wird von der modernen Propaganda nicht weniger liebevoll ausziseliert als von mittelalterlichen Malern das Innenleben der Hölle."17

China verweist auf diese früheren unmenschlichen Zustände, wenn es heute auf Menschenrechtsverletzungen in Tibet angesprochen wird. Auch die Exilregierung des Dalai Lama in Indien leugnet nicht, daß das alte Tibet "eine hierarchisch gegliederte Nomaden- und Bauerngesellschaft mit feudalen und hierokratischen Strukturmerkmalen"18 war, macht aber auf das folgende aufmerksam: zum einen sei das Volk offensichtlich nicht so unzufrieden gewesen, daß es von alleine gegen das System rebelliert habe - die VR China selbst sei gegen jede Art von Einmischung in die Innenpolitik eines Landes, um die dortigen Umstände zu ändern; dies entspräche offensichtlich nicht ihrer Linie gegenüber Tibet. Zum anderen wird darauf verwiesen, daß es unter dem Vorgänger des jetzigen Dalai Lama sowie insbesondere vom jetzigen Dalai Lama Ansätz zu sozialen Reformen gegeben habe bzw. noch gibt, die wegen der Invasion nie zur Ausführung kamen. Diese beinhalten u.a. das oben schon angesprochene Recht der Volksversammlung, den Dalai Lama von seinen politischen Ämtern zu entbinden aber auch die Aufhebung der Schuldknechtschaft. 1963 veröffentlichte der Dalai Lama eine moderne tibetische Verfassung, die buddhistische Grundsätze mit demokratischen Prinzipien verbindet.19

Ein weiteres soziales Argument, daß von Peking insbesondere in jüngerer Zeit angeführt wird, sind die Investitionen, die von China in seiner Autonomen Region Tibet getätigt werden. Hier wird auf eindrucksvolle Zahlen in den Bereichen Landwirtschaft, Infrastruktur, Kranken- und Schulwesen, sowie Kultur verwiesen, die teilweise sogar von außen bestätigt werden. Der Nachteil für Tibet besteht nur darin, so Exiltibeter, daß diese Investitionen nicht nur Tibetern sondern insbesondere auch den vielen mittlerweile in Tibet lebenden Hanchinesen zu gute kommen und außerdem auch nur im chinesischen Sinn angewandt werden, d.h. es werden chinesische Schulen und Krankenhäuser gebaut, die Straßen dienen zum Abtransport tibetischer Bodenschätze und Hölzer nach China und die auf die Renovation von tibetischen Kulturgütern verwendeten Gelder dienen in erster Linie der Förderung des Tourismus in die Region und machen in keinster Weise den durch den Verlust tausender von Klöstern entstandenen Schaden gut. Außerdem reichen Investitionen alleine nicht aus, um Besitzansprüche zu legitimieren, sonst befände sich Indien immer noch in britischen Händen.20

Des weiteren behauptet Peking, dem Autonomiegesetz, daß hohe Partizipation der Minderheit an der Verwaltung vorsieht, in Tibet in vollem Umfang gerecht zu werden. Hierzu muß bemerkt werden, daß viele tibetische Kinder zur Ausbildung in chinesische Provinzen gebracht werden und erst nach jahrelanger Abwesenheit nach Tibet zurückkehren. Trotz dieser Tatsache werden führende Positionen weiterhin so gut wie ausschließlich von Hanchinesen besetzt oder von weitgehend chinesisch assimilierten oder kontrollierten Tibetern. Ein weiterer Faktor, der diesen letzten Punkt Chinas relativiert, ist die ständige Anwesenheit der PLA, die einen großen hanchinesischen Block darstellt. Über die Stärke der Truppen in Tibet gibt es keine offiziellen Angaben, aber Schätzungen gehen von bis zu einer halben Million Soldaten aus.

 

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