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Tibet oder die Frage der Minoritäten in der VR China - Sabine Krause

  I     II     III     IV     V     VI     Inhaltsverzeichnis des Artikels

III. Tibet

B. Historische Argumentation der Zugehörigkeit Tibets

4. 1911-1950 Die Jahre der Unabhängigkeit

Mit dem Ausbruch der Revolution in China 1911 war für die Oberhäupter Tibets das alte Bündnisverhältnis beendet, da eine der beteiligten Parteien, das chinesische Kaiserhaus, nicht mehr existierte. Durch den Umgang mit den Briten in den vorhergehenden Jahren für "moderne" politische Vorgehensweisen offen geworden, rief der aus dem Exil zurückgekehrte 13. Dalai Lama 1912/13 in einem Staatsakt in Lhasa die Unabhängigkeit Tibets aus. Die völkerrechtlichen Voraussetzungen für einen souveränen Staat, wie sie der Konvention über die Rechte und Pflichten von Staaten des Völkerbundes von 1933 zugrundeliegen, ein fest umrissenes Territorium, eine Regierung sowie die Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Staaten aufzunehmen, waren somit erfüllt. Bis heute sind Experten einig, daß Tibet in dem Zeitraum von der Unabhängigkeitserklärung bis zur Besetzung durch China ein unabhängiger Staat war. Dazu aus einer Expertise des Deutschen Bundestages 12:

"Die Staatengemeinschaft geht zwar davon aus, daß Tibet Teil des chinesischen Staatsverbandes ist, doch wurde der Status Tibets nicht geklärt. Zum Zeitpunkt der gewaltsamen Einverleibung in den chinesischen Staatsverband war es ein eigenständiger Staat. China hat keinen wirksamen Gebietstitel erworben, weil es dem Grundprinzip des aus dem Gewaltverbot hervorgehenden Annexionsverbot entgegensteht. Die Effektivität tatsächlicher Herrschaftsgewalt über ein Gebiet vermag keinen Gebietserwerb zu bewirken (...)."

Ein weiteres Indiz für die Unabhängigkeit Tibets in diesem Zeitraum ist die Konferenz von Simla im Jahre 1914. Teilnehmerstaaten waren Tibet, China und Großbritannien und Ziel war die Festlegung einer sino-tibetischen Grenze, um die Streitigkeiten beizulegen. In der "Konvention von Simla" wäre China die Suzeränität über ganz Tibet zugesprochen worden im Gegenzug zu einer Verpflichtung, Tibet nicht als chinesische Provinz zu annektieren. Außerdem wäre Britisch-Indien um 90 000 qkm ursprünglich tibetischen Gebiets vergrößert worden, was das Interesse Großbritanniens und die Weigerung Chinas zusätzlich verdeutlicht. Nichtsdestotrotz hat China mit der Konferenz von Simla Tibet als gleichberechtigten Verhandlungspartner anerkannt. Da die chinesische Seite die Konvention wegen der zweiten Klausel (Nichtannexion als chinesische Provinz) nicht ratifizierte, unterzeichneten Großbritannien und Tibet einen separaten Vertrag, in dem unter anderem festgehalten wurde, daß Chinas Rechte über Tibet erst mit der Ratifizierung der Konvention in Kraft treten sollten.

Im Zuge weiterer sino-tibetischer Grenzstreitigkeiten kam es 1918 zu einer Vermittlung durch den britischen Konsul von Sichuan, Teichmann, die zu der Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens zwischen beiden Ländern führte. In diesem Abkommen wird sogar eine provisorische Grenze festgelegt. Somit kann Tibet von 1912 bis zu seiner Besetzung durch China im Jahr 1950 sowohl de jure als auch de facto als unabhängig angesehen werden. 13

 

Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG

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