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Projektgruppe Model United Nations, München 2000 |
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Das Verhältnis zwischen der VR China und der Republik
China auf Taiwan gestern und heute - Markus Höhne
IV. Friedliche Annäherung der beiden Chinas
B. Die bewegten 80er Jahre
1. Wiedervereinigungskonzepte
Im April 1981 verabschiedete die KMT auf dem 12. Volkskongress
eine "Resolution zur Wiedervereinigung unter den’Drei Prinzipien des Volkes’".
Damit wurde das Ende des Kommunismus auf dem Festland und die Ersetzung der
sozialistischen Gesellschaftsordnung durch ein freiheitlich-demokratisches System
gemäß den Ideen Sun Yatsens zur Vorraussetzung für eine chinesische
Wiedervereinigung gemacht. Die Regierung in Beijing stellte den "Drei Prinzipien"
Taipeis die seit 1978 propagierten "Vier Grundprinzipien" (Festhalten
am Marxismus-Leninismus, an der Diktatur des Proletariats, an den Ideen Mao
Zedongs und an der führenden Rolle der KPCh) gegenüber.57
Diese sich unversönlich gegenüberstehenden Wiedervereinigungsprogramme
der beiden Chinas wurden im Herbst 1981 um den "Neun-Punkte-Vorschlag"
von Marshall Ye Jianying mit folgendem Inhalt erweitert: 1) Beginn der direkten
Zusammenarbeit zwischen KMT und KPCh; 2) Förderung von Handels- und anderen
Kontakten; 3) Wiedervereinigung unter Wahrung von Taiwans politischer und militärischer
Autonomie; 4) das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem bleibt unangetastet;
5) die "Zentralregierung" wird Taiwan im Notfall finanziellen Beistand
leisten; 6) Bewohner Taiwans können politische Funktionen in der VR China
übernehmen; 7) alle Bewohner Taiwans können sich auf dem Festland
niederlassen; 8) Taiwanesen ist es erlaubt, auf dem Festland zu investieren;
9) die Bevölkerung der Insel soll eigene Vorschläge zur Wiedervereinigung
einbringen.58
Taipei ging nicht auf dieses Angebot ein, da die Vorschläge
Beijings inhaltlich eine Unterordnung unter die Zentralregierung der VR China
bedeutet hätten; die Rep. China forderte jedoch Gleichberechtigung zwischen
Beijing und Taipei.
Im Dezember 1982 nahm die VR China eine neue, heute noch gültige
Verfassung an (die vierte seit Gründung der Volksrepublik). In deren Präambel
wurde der "Untergang" der Republik China erwähnt und Taiwan als
"Teil des geheiligten Territoriums der Volksrepublik China" bezeichnet.
Entscheidend für das zukünftige Verhältnis Chinas und Taiwans
zueinander war der neu hinzugefügte Artikel 31 dieser Verfassung, der die
Einrichtung von Sonderverwaltungsgebieten erlaubte. Dies war aus der Sicht Beijings
die rechtliche Basis für eine friedliche Wiedervereinigung und für
die Autonomie Taiwans.59
Anfang 1984 stellte Deng Xiaoping erstmals öffentlich das
Schlagwort "Ein Land, Zwei Systeme" vor. Auf Taiwan bezogen bedeutete
dieses Konzept, dass die Insel ihr wirtschaftliches, politisches und gesellschaftliches
System behalten sollte, dass die Wirtschafts- und Kulturbeziehungen Taipeis
zu Drittstaaten nicht verändert würden und dass Taiwan eine beschränkte
militärische Eigenständigkeit bewahren könnte. Zudem würden
Taiwan eine eigene Flagge, eigene Pässe und der Name "China-Taiwan"
zugestanden. Inselbewohner könnten politische Ämter in der KPCh bekleiden.
Die VR China würde weder Verwaltungspersonal noch Truppen nach Taiwan schicken.
Die Insel erhielte den Status einer politischen Sonderverwaltungszone mit eigener
Legislative, Exekutive und Judikative sowie Gerichtsbarkeit in letzter Instanz.
Dieses Konzept war lediglich an die Anerkennung der Zentralregierung in Beijing
und der VR China als legitime Vertretung Gesamtchinas sowie an die Zustimmung,
dass die Verteidigungspolitik von Beijing bestimmt werde, gebunden.60
Im September 1984 fand dieses Konzept erstmals (allerdings mit
weniger weitreichenden Autonomie-Zugeständnissen) in Bezug auf die Vereinbarungen
zwischen London und Beijing "on the question of Hongkong" Anwendung;
am 1. Juli 1997 wurde die Stadt unter dem Modell "Ein Land, Zwei Systeme"
an die VR China übergeben. Nach Hongkong ist am 20. Dezember 1999 die ehemalige
portugisische Kolonie Macao als zweites Gebiet, dem die Wahrung relativer Autonomie
zugestanden wird, ein Teil der VR China geworden.61
Obwohl Taiwan weitergehende Autonomiezusagen als Hongkong und
Macao gegeben wurden, betrachtete die Regierung der Rep. Taiwan das Modell "Ein
Land, Zwei Systeme" als Falle. Die Rep. China würde nach diesem Modell
ihre internationale Persönlichkeit und Souveränität verlieren.
Zudem befürchtete man in Taipei, dass die zugesagte Autonomie mit der Zeit
unterlaufen würde. Auch war nach Auffassung der KMT-Regierung die Situation
der beiden ehemaligen Kolonien Hongkong und Macao nicht vergleichbar mit der
Situation in Taiwan, das sich in den letzten 50 Jahren zu einer selbstatändigen
Demokratie verwandelt hat. Die Regierung der Rep China orientierte sich auch
an dem mahnenden Beispiel Tibet; dort hatte Beijing das 1951 gegebene Autonomieversprechen
Ende der 50er Jahre mit brutalster Gewalt gebrochen. Ein letzter gravierender
Kritikpunkt war, dass die Zusagen der VR China für die Wiedervereinigung
in wesentlichen Punkten der Verfassung der VR China widersprachen und somit
wertlos wurden.62
Die oben dargestellten Wiedervereinigungskonzepte konnten sich
nicht durchsetzen. Dennoch kam es in den 80er Jahren zu einer weitgehenden innenpolitischen
Entspannung auf Taiwan, die sich auch positiv auf das chinesisch-chinesische
Verhältnis auswirkte.
2. Entspannung auf Taiwan
Seit Anfang der 80er Jahre unternahm die Regierung auf Taiwan
verstärkt Versuche, sich aus der aussenpolitischen Isolation zu befreien.
Die Propaganda gegen die "kommunistischen Banditen" wurde eingestellt
und Taipei versuchte, auf internationaler Ebene wieder einen Platz neben der
VR China zu erlangen. Im Jahr 1981 gelang es der Rep. China unter dem Namen
"Chinese Taipei" Mitglied im internationalen Olympischen Komitee werden.
Als die VR China 1986 in die Asiatische Entwicklungsbank aufgenommen wurde,
blieb die Rep. China Mitglied, war allerdings gezwungen, die Bezeichnung "Taipei
China" anzunehmen.63
Entscheidend für die weitere innen-, aber auch aussenpolitische Entwicklung
auf Taiwan war die Aufhebung des Kriegsrechts im Juli 1987.64
In demselben Jahr wurden auch neue Parteigründungen zugelassen; somit wurde
die 1986 gegründete und den weiteren Verlauf der politischen Entwicklung
auf Taiwan stark beeinflussende "Demokratische Fortschritts Partei"
(Minjindang) legalisiert.65
"Der Wille zu innenpolitischen Reformen übertrug sich auch auf die
für Taiwan besonders prekäre Aussenpolitik."66
Im September 1987 erklärte der Generalsekretär der KMT, dass nicht
mehr die Ersetzung des kommunistischen Regimes auf dem Festland, sondern die
schrittweise Demokratisierung und Liberalisierung der dortigen Verhältnisse
das Ziel sei. Im Zuge dieser neuen Offenheit gegenüber der VR China wurden
am 10. Oktober offiziell Verwandtenbesuche auf dem Festland (allerdings nur
auf "indirektem" Weg, z.B. über Hongkong) erlaubt. Ebenfals im
Jahr 1987 öffnete man auf Taiwan offizell die Grenzen für den Handel
mit dem Festland, wiederum nur über Drittstaaten.67
Eine wirkliche Wende in der taiwanischen Innen- und Aussenplitik
trat jedoch erst mit dem Amtsantritt des Präsidenten Lee Denghui ein. Mit
Lee übernahm zum erstenmal in der Geschichte der Insel ein gebürtiger
Taiwanese das höchste Amt im Staat. Aussenpolitisch führte Lee Denghui
auf dem KTM-Parteitag 1988 das Konzept der "flexiblen Diplomatie"
ein. Dies beinhaltet, dass Taipei bei der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen
zu Drittstaaten von diesen nicht mehr den Abbruch der Beziehungen zu Beijing
fordert und darüberhinaus versucht, die Beziehungen zu Ländern, die
schon in Kontakt mit der VR China stehen, zu verbessern. Faktisch wurde damit
auf den Alleinvertretungsanspruch der Rep. China und auf Anwandung der chinesischen
Hallstein-Doktrin verzichtet. Dem Modell "Ein Land, Zwei Systeme"
setzte Lee Denghui die Parole "Ein Land, Zwei Regierungen" entgegen.
Damit wurde der offizielle "Ein-China-Standpunkt" gewahrt, aber gleichzeitig
die Gleichberechtigung von Beijing und Taipei betont.68
Diese Politik, die nicht zuletzt durch innenpolitischen Druck auf die Regierung
Taiwans zustande kam69 ,
war geeignet, die aussenpolitische Isolation Chinas zu durchbrechen und die
Errungenschaften der chinesischen Demokratie auf Taiwan gegen die im Juni 1989
wieder in blutigste Barbarei zurückfallende VR China zu verteidigen.70
Auch innenpolitisch stellte Lee bald nach seinem Amtsantritt Weichen. So wurde
für Dezember 1991 die Auflösung des "alten" Parlaments festgelegt.
Im Zuge einer Verfassungsreform sollte das gesamte Parlament der Republik zwischen
1991und1993 unter Beteiligung von Oppositionsparteien neu gewählt werden.
Somit befreite sich Taiwan endgültig von der letztlich haltlosen Legitimationsgrunglage
des Kaishek-Regimes für den Anspruch auf die Alleinvertretung Gesamtchinas.
Die Politik der Rep.China wurde somit auf eine realistische Basis gestellt,
deren Grundannahme war, dass China 1949 geteilt wurde und seither von zwei gleichberechtigten
politischen "Entitäten" regiert werde, deren eine Regierungsgewalt
über die Inseln Taiwan, Penghu, Quemoy und Matsu ausübe, während
die andere das chinesische Festland regiere. Weder die Regierung in Taipei noch
die in Beijing regiere Ganz-China.71
Eine Wiedervereinigung Chinas war nach dieser Auffassung nur unter gleichberechtigten
Partnern möglich. Dieser Ansatz war in den Augen Beijings, das bisher weder
seinen Alleinvertretungsanspruch, noch die Option einer gewaltsamen Wiedervereinigung
aufgegeben hatte, höchst problematisch. Die Unruhe der KPCh-Regierung steigerte
sich Ende der 80er und in den 90er Jahren noch, da sich im Zusammenhang mit
der Demokratisierung der Rep. China ernstzunehmende separatistische, nach einer
unabhängigen "Republik Taiwan" strebende Strömungen Bahn
brachen.
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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