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Projektgruppe Model United Nations, München 2000 |
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Das Verhältnis zwischen der VR China und der Republik
China auf Taiwan gestern und heute - Markus Höhne
III. Die "zwei Chinas" - Phase der Konfrontation
bis Anfang der 70er Jahre
C. Die Fronten verfestigen sich
1. Militärische Ebene
Die Insel Taiwan wurde in die amerikanische Verteidigungslinie
im Westpazifik eingebunden. Am 2. Dezember 1954 kam ein Verteidigungsvertrag
zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Republik China zustande,
in dem beide Partner sich gegenseitige Hilfe gegen einen "bewaffneten Angriff
und kommunistische Subversions-Tätigkeit" versprechen und sich verpflichten,
einen Angriff auf das Territorium des anderen (im Falle der Rep.Ch.: Taiwan
und die Pescadores-Inseln) als eine Gefährdung für den eigenen Frieden
und die eigene Sicherheit zu werten.24
In den 50er und 60er Jahren kam es immer wieder zu militärischen
Wiedereroberungsversuchen sowohl der Republik China als auch der Volksrepublik
China. Die Parteien propagierten die "Befreiung" Taiwans (KPCh) bzw.
die "Rückeroberung des Festlandes" (KMT); die gegnerischen Regierungen
wurden als sowjetische bzw. imperialistisch/amerikanische "Marionettenregime"
angesehen. Die Luftwaffe der Rep. China bombadierte 1950 Shanghai, Kanton und
andere Küstenstädte in Süd-China. Im August 1958 griff die VR
China die unter republikanischer Hoheit stehende Insel Jinmen (Quemoy) an; dieser
Angriff konnte mit Unterstützung der USA abgewehrt werden. Danach wurde
in Beijing die Hoffnung aufgegeben, Taiwan schnell zu "befreien".
Mao Zedong verlegte sich auf den Standpunkt, dass eine Wiedervereinigung des
Festlandes mit Taiwan nunmehr als langfristiges Ziel angestrebt werden sollte;
dieses Konzept bot Raum für die von Mao Ende der 50er Jahre eingeleiteten
Umstrukturierungsprozesse im Inneren der Volksrepublik; zudem musste sich die
VR China in den 60er Jahren sowohl mit Indien als auch mit der Sowjetunion in
Grenzkonflikten auseinandersetzen.25
Anfang der 60er Jahre kam es im Zusammenhang mit dem 1958 von
Mao initiierten Wirtschaftsreformprogramm ("Großer Sprung nach vorn")
zu innenpolitischen Instabilitäten auf dem Festland (Hungersnot etc.).
Diese Schwäche versuchte Chiang Kaishek auszunutzen, um endlich das Festland
zurückzuerobern. Allerdings bauten Kaisheks Pläne auf einer militärischen
Unterstützung durch die USA auf; Amerika sprach sich jedoch gegen eine
gewaltsame Lösung
des China-Problems aus. Die USA versuchten auf Taiwan mittels
wirtschaftlicher und militärischer Hilfeleistungen Einfluss zu gewinnen,
um so im Tausch "Einschränkung der Handlungsfreiheit der nationalchinesischen
Streitkräfte gegen amerikanische Unterstützung"26
eine gewaltsame Eskalation in der Taiwan-Straße zu verhindern. Auch die
in der zweiten Hälfte der 60er Jahre stattfindende "Große proletarische
Kulturrevolution" (von Mao eingeleiteter Reformprozess in der kommunistischen
Partei, um seine politischen Ziele und seinen Führungsanspruch durchzusetzen27 )
löste innenpolitisches Chaos in der VR China aus. Allerdings unterliess
Taipei jetzt Angriffsplanungen.28
Die Entwicklungen bis Mitte der 60er Jahre zeigen klar, dass die
militärische Option zur Wiedervereinigung Chinas auf beiden Seiten der
Taiwan-Straße in der Praxis relativ schnell aufgegeben wurde. Dabei spielte
die Taiwan-Politik der USA, neben den innenpolitischen Ereignissen auf dem Festland,
eine entscheidende Rolle.29
Um die Fortsetzung des Bürgerkrieges zu symbolisieren, beschoß
die Volksrepublik regelmäßig alle zwei Tage (bis 1979) die unter
Hoheit der Republik stehenden Inseln Jinmen und Matsu; auch verzichtete Beijing,
im Gegensatz zu der Regierung in Taipei, in offiziellen Erklärungen bis
heute nicht auf die Möglichkeit einer gewaltsamen Wiedervereinigung. Die
Auseinandersetzung zwischen der Rep. China und der VR China fand parallel zu
den erwähnten militärischen Konfrontationen von Beginn an auch auf
der Ebene der internationalen Politik statt.
2. Politische Ebene - Alleinvertretungsanspruch
a) In der UNO
Die UNO war ab 1949 "einer der wichtigsten Kampfplätze"30
für die Auseinandersetzung beider Chinas. Die 1912 gegründete Republik
China war Miglied der "Erklärung der Vereinten Nationen zum gemeinsamen
Kampf gegen die Achsenmächte" vom 1. Januar 1942, hatte an der Gründungskonferenz
der Vereinten Nationen in San Fransisco 1945 teilgenommen und die UN-Charter
im August 1945 ratifiziert.31
Als Mao Zedong am 1. Oktober 1949, trotz des Fortbestehens der Republik China
die Volksrepublik China ausrief, war ein Konflikt über die legitime Vertretung
Gesamtchinas auf internationaler Ebene vorprogrammiert. Die Sowjetunion erkannte
die VR China schon am 2. Oktober völkerrechtlich an und unterstützte
Beijings Bemühungen, die UNO-Sitze der "Kuomintang-Gruppe" zu
übernehmen. Allerdings konnte ein diesbezüglicher Antrag der Sowjet-Delegation
im Januar 1950 keine Mehrheit im UN-Sicherheitsrat finden. Aus Protest über
dieses Abstimmungsergebnis verließ die Sowjet-Delegation den Rat und erklärte,
an der Arbeit des Gremiums nicht mehr teilzunehmen, solange die Vertreter Taipeis
"illegal" den chinesischen Sitz im Sicherheitsrat innehätten.
Dies war der Beginn des sechseinhalbmonatigen SR-Boykotts der Sowjetunion, der
dem Sicherheitsrat den Eintritt in den Koreakrieg ermöglichte.32
Mit Beginn des Korea-Krieges konnte sich Taipei auch der massiven Unterstützung
seines Anspruchs auf die UN-Vertretung Chinas durch die USA sicher sein. Da
die Bemühungen der kommunistischen Kräfte im SR somit aussichtslos
waren, verlagerte sich der Streit in die Generalversammlung. Dort wurden zwar
der Antrag der Sowjetunion und Indiens, die Deligierten Taipeis durch Abgesandte
der VR China zu ersetzen, wieder abgelehnt, doch wurde mit der von Kanada und
Australien ausgearbeiteten RA/Res/490 (V) 1950 die Einrichtung eines Sonderkomitees
zur Untersuchung der Vertretungsfrage Chinas eingerichtet. Bis zu einer Entscheidung
der GV auf Basis eines Berichts dieses Komitees sollte die Delegation der Rep.
China Mitglied der Generalversammlung bleiben. Die internationale Stellung der
VR China verschlechterte sich jedoch mit der zunehmenden Verwicklung des Landes
in den Korea-Krieg (Angriff gegen UN-Truppe in Korea). Im Oktober 1951 gab das
Sonderkomitee bekannt, dass es in der Vertretungsfrage Chinas keine Empfehlung
werde geben können. Bis 1960 wurden (als Resultat der Spannungen zwischen
den Supermächten im "Kalten Krieg") alle Versuche der UdSSR und/oder
Indiens, über den Einzug der Deligierten aus Beijing in die UNO zu debattieren,
von Amerika und seinen Verbündeten abgeblockt.33
In den 60er Jahrenentwickelte sich die Stimmung in der Generalbversammlung immer
mehr in Richtung einer Aufnahme der VR China in die UNO. Allerdings lehnten
viele Staaten, darunter auch die USA, nach wie vor einen Ersatz der einen durch
die andere Delegation ab, sondern strebten eine "Doppelvertretung"
beider Chinas an. Eine "zwei-Staaten-Politik" wurde jedoch weder von
der Rep. China noch von der V.R. China akzeptiert34 ;
vielmehr versuchten beide Chinas, ihr Selbstverständnis als die einzig
legitime Vertretung Gesamtchinas in den multilateralen und bilateralen Beziehungen
rigoros durchzusetzen.
b) Die "chinesische Hallstein-Doktrin"
Das Mittel beider Seiten im Kampf um Anerkennung war die chinesische
Variante der deutschen Hallstein-Doktrin. Diese besagt, dass diplomatische Beziehungen
mit Drittstaaten nur zu der jeweils eigenen Regierung geduldet werden und somit
offizielle Kontakte zwischen Drittstaaten und der "Gegenseite" (Taipei
bzw Beijing) ausgeschlossen sind.35
Nach 1949 galt auf Taiwan die im Jahre 1947 nach westlichem Vorbild kozipierte
republikanisch-chinesische Verfassung, deren Artikel 4 festlegte, dass das Territorium
der Republik China gemäß der bestehenden nationalen Grenzen (von
1912, Anm.d.Verf.) nicht geändert werden soll. Dies schloss eine Anerkennung
einer souveränen VR China auf dem chinesischen Festland aus. Zudem gründete
die Rep. China die Legimität ihres Anspruch auf Alleinvertretung Gesamtchinas
darauf, dass das letzte, 1947/48 auf dem Festland frei gewählte chinesische
Parlament im Dezember 1949 fast vollständig mit den Anhängern Chiang
Kaisheks nach Taiwan geflohen war und seine Arbeit in Taipei wieder aufgenommen
hatte. Um diese Legitimationsgrundlage zu erhalten, wurden die Sitze der Parlamentarier
auf Taiwan 1949 "eingefroren"; nur wenn ein Parlamentarier starb oder
amtsunfähig wurde, konnten (seit 1969 in sog. Zusatzwahlen von der taiwanesischen
Bevölkerung frei gewählte) Abgeordnete nachrücken.36
Die VR China berief sich dagegen auf den in den Abkommen von Kairo und Potsdam
festgelegten Status Taiwans als Teil Chinas. Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen
mit Beijing war seit 1949 an diese Sichtweise gebunden.37
Im Kampf um die politische Anerkennung wurden auch Mittel wie
z.B. die Vergabe von Entwicklungshilfegeldern eingesetzt. So konnte die Rep.
China, deren wirtschaftliche Basis schon Anfang der 50er Jahre durch eine umsichtige
Wirtschaftspolitik Chiang Kaisheks gesichert worden war und die, gefördert
von den USA, in den 60er Jahren einen starken Aufschwung erlebte, in den ersten
zwei Jahrzehnten nach der Teilung Chinas ihren Anspruch auf internationale politische
Anerkennung mittels einer sog. "Gelddiplomatie" erfolgreich gegen
die VR China durchsetzen. Ende der 60er Jahre wurde die Rep. China von 68, die
VR China dagegen nur von 40 Staaten anerkannt.38
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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