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| Projektgruppe Model United Nations, München
2000 |
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Die Politik des Pragmatismus in der post-Mao Ära
– Wirtschaftliche Öffnung ohne politische Reform? - Henrik
Schillinger
V. Reform ohne Öffnung
Die chinesische Regierung geht bis heute von der Annahme aus, daß sich
das auf leninistischen Organisationsprinzipien beruhende politische System und
der daraus folgende Anspruch der KPCh auf die alleinige Herrschaft von der Transformation
des Wirtschaftssystems isolieren lasse.49
Die wirtschaftliche Liberalisierung erzwingt jedoch auch einen politisch-institutionellen
Wandel vor allen im Hinblick auf Rechtssicherheit und einer Dezentralisierung
der Kompetenzen. Die Folgen der wirtschaftlichen Reformen verursachen soziale
Härten und Spannungen, die den Ruf nach einem politischen Mitspracherecht
des Volkes lauter werden lassen und so weitere politische Zugeständnisse
der KPCh-Führung erzwingen.
Die Bürger der VR China verfügen heute über weit mehr Freiheiten
als jemals zuvor unter dem kommunistischen Regime. Diese Entwicklung ist ein
Ergebnis der Reformen Dengs nach dem Ende der maoistischen Kulturrevolution.
Die Grundrechte der Bürger wurden in der Verfassung von 1982 (Art.33-50)
verankert. Das ‘Staatsentschädigungsgesetz’ von 1995 berechtigt einen Bürger,
dessen legale Rechte und Interessen von einer Behörde rechtswidrig verletzt
wurden, Ersatz zu verlangen. Die Ausübung der bürgerlichen Rechte
und Freiheiten steht jedoch unter dem Vorbehalt der "Interessen des Staates,
der Gesellschaft und des Kollektivs" (Verfassung 1982, Art.51). Die Verfassung
verbietet ausdrücklich die "Sabotage des sozialistischen Systems".
Versuche, das bestehende politische System zu ändern, auf den "Sturz
der Staatsmacht, der Diktatur des Proletariats sowie des sozialistischen Systems"
hinzuarbeiten sind als "konterrevolutionäre" Umtriebe unter Strafe
gestellt. Diese Gesetze dokumentieren, unter Lippenbekenntnissen zum Sozialismus,
den unbedingten Willen der KPCh zur Erhaltung ihrer Macht wie mit der blutigen
Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 vor dem Tiananmen offenkundig wurde.50
Im Zuge des fortschreitenden Reformprozesses entfernte sich die KPCh immer
weiter von den ideologischen Grundlagen des Marxismus-Leninismus und dem Gedankengut
Mao Zedongs. Das ‘sozialistische System’, das die chinesische Führung so
vehement gegen die ‘Konterrevolution’ zu verteidigen vorgibt, wurde von ihr
selbst unterhöhlt, indem sie Kernpunkte sozialistischen Denkens, wie die
Vergesellschaftung der Produktionsfaktoren zugunsten ‘kapitalistischer’ Reformen
aufgab. Die KPCh hat den revolutionären Impetus der Zeit Maos verloren
und ideologische Rechtfertigungsversuche (z.B. daß China sich in der ‘ersten
Phase des Sozialismus befinde’) können nur bedingt darüber hinwegtäuschen,
daß die Herrschaft der Partei zum Selbstzweck geworden ist. Die von Mao
formulierten ‘Drei Säulen’ der KPCh-Herrschaft: ideologische Indoktrination,
gesellschaftliche Gleichschaltung, totale Nachrichtenkontrolle unterliegen einer
zunehmenden Erosion. Das politische System der VR China hat seinen totalitären
Charakter zugunsten einer autoritären Herrschaftsform verloren.51
Mit der zunehmenden Abkehr von der Ideologie des Marxismus-Leninismus gab die
KPCh jedoch auch die bisherige Legitimationsgrundlage ihrer Herrschaft, nämlich
als Kaderpartei China in den Kommunismus zu führen, auf. Ihre Legitimation
zieht sie heute hauptsächlich aus dem wirtschaftlichen Erfolg ihrer Reformpolitik,
die China nie gekannten Wohlstand beschert habe und aus dem Anspruch, China
zu einer dem Westen gleichwertigen Großmacht gemacht zu haben. Auf diese
Weise soll ein gewisser Nationalstolz entfacht werden, der sich dann auch auf
die KPCh, die Partei die diese Erfolge erzielte, beziehen würde.52
Die Botschaft Dengs: Die KPCh garantiere die Ordnung, Einheit und Stabilität
Chinas. Die chinesische Führung greift damit direkt auf alte konfuzianische
Vorstellungen von den Aufgaben eines Herrschers zurück: Sicherheit und
Wohlstand für die Untertanen und im Gegenzug deren Loyalität sowie
die Bewahrung der Reichseinheit.
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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