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| Projektgruppe Model United Nations, München
2000 |
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Die Politik des Pragmatismus in der post-Mao Ära
– Wirtschaftliche Öffnung ohne politische Reform? - Henrik
Schillinger
IV. Der Reformprozeß
A. Schattenseiten der Reformen
B. Widerstand
| C. ‘Schaukelkurs’ der Reform |
C. ‘Schaukelkurs’ der Reform
Der Verlauf der Reformpolitik in der Ära nach Mao ist geprägt von
Flügelkämpfen zwischen dem orthodoxen Lager und der Fraktion der Reformern
um die Bestimmung der politischen Richtlinie und der Art und Weise, in welcher
die Reformen fortzuführen seien. Diese Richtungskämpfe führten
dazu, daß sich die chinesische Reformpolitik nach Mao keineswegs als einheitlicher
und durchgängiger Prozeß darstellt, sondern als Wechselspiel zwischen
Phasen umfassender Liberalisierung auf der einen Seite und dem Versuch Kontrollmöglichkeiten
zu aufrechtzuerhalten oder wiederzugewinnen: "Letting go (fang) with one
hand, they instinctively tightened up (shou) with the other"45 .
Im Frühling 1979 zeigte sich zum erstenmal solch ein Fang-shou Zyklus mit
der Schließung der ‘Wand der Demokratie’ in Xidan und der Verkündung
der ‘Vier Grundprinzipien’ durch Deng Xiaoping. Idealtypisch ist ein Fang-shou
Zyklus durch einen anfänglichen Reformschub gekennzeichnet durch einen
anfänglichen Reformschub im politischen oder wirtschaftlichen Bereich (z.B.
Deregulierung von Preisen oder größere Freiräume für Intellektuelle),
gefolgt von einer plötzlichen Freisetzung aufgestauter sozialer Bedürfnisse
bei der Bevölkerung (z.B. Panikeinkäufe, Studentenproteste). Die daraus
folgende soziale ‘Unruhe’ löst eine Gegenreaktion der orthodoxen Fraktion
aus, die sich daraufhin bemüht, die Kontrolle wieder herzustellen. Begleitet
wird diese Bemühung von einer Verhärtung der ideologischen Fronten,
gekennzeichnet von Kritik an ‘liberalen’ Tendenzen und dem Versuch die ursprüngliche
Reform aufzuhalten oder sogar umzukehren. Der daraus resultierende Stillstand
der Reformpolitik legt daraufhin Schwachstellen des bestehenden Systems und
weiteren Reformbedarf offen und gibt also reformorientierten Kräfte Druckmittel
zur Wiederaufnahme der Reformen in die Hand.46
Drei vollständige Zyklen dieser Art können in der Geschichte der
VR China nach Mao ausgemacht werden mit dem jeweiligen Umschwung hin zu einer
restriktiveren Politik in den Jahren 1979, 1986 und 1989. Mit zunehmender Intensität
der Reformen wurde auch die orthodoxe Gegenreaktion immer heftiger, bis hin
zum Massaker am Tiananmen. Dengs ‘Südreise’ leitete zuletzt eine neue Reformphase
1992 ein. Entsprechend diesem Kreislaufschema kann der Reform- und Transformationsprozeß
in der VR China anhand wirtschaftlicher Indikatoren in fünf Phasen unterteilt
werden: (1) radikale Transformation, Öffnung nach außen, hohes Wachstum
(1979-83); (2) Reform der Industrie, Preisliberalisierungen, Öffnung des
Bankensystems, hohes Wachstum, hohe Inflation (1984-88); (3) stabilitätsorientierte
Phase krisengeprägter Stagnation, restriktive Wirtschaftspolitik (1989-91);
(4) beschleunigte Reformpolitik mit Hochwachstumsphase (1992-95) und (5) stabilitätsorientierte,
ausgewogene Wachstumsphase unter Jiang Zemin.47
Der Transformations- und Reformprozeß der VR China ist aufgrund der genannten
Widerstände weniger die Umsetzung eines rationalen und konsequenten Konzepts,
sondern vielmehr ein Prozeß lokaler Optimierung im Sinne einer experimentellen
Evolution im ‘Trial-and-Error’ bzw. ‘Stop-and-Go’ Verfahren. Einzelne inhaltlich,
unter Umständen auch lokal begrenzte Reformschritte werden auf ihre ‘Verträglichkeit’
mit dem Herrschaftsanspruch und den Interessen der KPCh hin untersucht, bevor
die Reformen ausgeweitet oder zurückgezogen werden. Fraktionen innerhalb
der KPCh übernehmen dabei die Funktion des Korrektivs. In diesem Vorgehen
fühlt sich die chinesische Führung auch durch die ‘Sowjetische Lektion’
bestärkt.48
Wie sehr der Reformprozeß einer solchen pragmatischen ‘piecemeal-Strategie’
entspricht, zeigt sich in einem Ausspruch Dengs, der den Reformprozeß
beschreibt als "den Fluß von Stein zu Stein überqueren, ohne
das Ufer zu sehen".
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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