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| Projektgruppe Model United Nations, München
2000 |
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Die Politik des Pragmatismus in der post-Mao Ära
– Wirtschaftliche Öffnung ohne politische Reform? - Henrik
Schillinger
IV. Der Reformprozeß
| A. Schattenseiten der Reformen |
B. Widerstand
C. ‘Schaukelkurs’ der Reform
A. Schattenseiten der Reformen
Im Zuge des fortschreitenden Reformprozesses zeigten sich Mitte der 80er zunehmend
die negativen Begleiterscheinungen der ergriffenen Reformmaßnahmen, sowie
besondere Schwierigkeiten bei deren Umsetzung. Allgemein können ‘Sechs
Problembereiche’ 33 festgestellt
werden, die auch heute nicht an Aktualität verloren haben:
- Die Dezentralisierung von Kompetenzen und die Ausweitung von Eigentumsformen
im Zuge der Reformpolitik hatte ökonomische Interessen regionaler und
lokaler Behörden befördert.34
In entschlossener Verfolgung dieser Interessen hintertrieben diese Institutionen,
ebenso wie reformfeindlich eingestellte Verwalter von Staatsbetrieben, Ziele
und Programme der Reformpolitik, wie die Umsetzung marktwirtschaftlicher Elemente
durch die Preis-, Steuer- und Bankenreform. Politischer Marktinterventionismus
und die Zurückweisung des Leistungsprinzips im Arbeitsprozeß verhinderte
einen Zuwachs an Produktivität und Motivation zu effektiveren Allokation
betrieblicher Ressourcen. Die ‘Ein-Kind-Familienpolitik’ scheiterte bei der
Landbevölkerung aus traditionellen Gründen und sozialen Konsequenzen
für die Absicherung im Alter und die Krankenversorgung.
- Eine Kombination aus der schwierigen Koexistenz von Markt und Planung, dem
Gegensatz regionaler und nationaler Interessen und einem erneuten Anstieg
der Bevölkerungszahl wirkte sich in Verbindung mit dem raschen Wirtschaftswachstum,
der steigenden Konsumquote, dem verschwenderischen Einsatz von Energie und
Rohstoffen35
und einer veralteten Technologie verheerend auf die soziale, ökonomische
und ökologische Situation Chinas aus.36
‘Kapitalistische’ Begleiterscheinungen wie Spekulation, Devisenschwarzmarkt,
Wirtschaftskriminalität, Korruption und Machtmißbrauch zur Erlangung
ökonomischer Ziele traten zutage. In Verbindung mit protektionistischen
Regionalegoismus und Inkompetenz trugen sie wesentlich zu ineffizienter Betriebsführung,
Fehlinvestitionen, kurzfristiger Planung und maßlosem Kreditbedarf besonders
bei den Staatsbetrieben bei.
- In den Reformjahren 1984-88 übertrafen das ‘überhitzte’ Wachstum
des industriellen BSP und die hohe Lohnsteigerungsrate den Zuwachs der Arbeitsproduktivität
bei weitem. Dieses Mißverhältnis führte zu Engpässen
im Energie-, Rohstoff- und Transportsektor, Produktionsbegrenzung und hohen
Verlusten und Qualitätseinbußen bei Staatsbetrieben und zog so
eine rasante Preissteigerung nach sich. In Verbindung mit der Finanzierung
der investitionsbedingten Haushaltsdefizits durch Geldmengenerhöhung,
fehlenden Mechanismen zur Steuerung des Finanzsystems, Kostendruck aus dem
zweigleisigen Preissystem und unkontrollierten Kreditvergaben und dem Überangebot
im Investitions- und Konsumgüterbereich führte dies zu einem Anstieg
der Inflationsrate von 2,8% 1984 auf 18,5% 1988.
- Als Folge der hohen Inflationsrate begann sich ab 1984 im Agrarbereich die
Schere zwischen den Preisen im lediglich teilweise liberalisierten Distributionssystem
und den stärker liberalisierten Inputmärkten zu öffnen. In
Verbindung mit der Aussetzung von Reformen durch die Einführung von Zwangseinkäufen
seitens lokaler Behörden und einer zunehmenden Besteuerung von Agrarprodukten
wurde die Entwicklung der hauptsächlich im Landesinneren angesiedelte
Agrarindustrie deutlich gebremst. Dies zeigt sich in der stark gesunkenen
Wachstumsrate der Nettowertschöpfung und der Abnahme des Anteils am BIP-Wachstum.
- Die negativen Inflations- und Wachstumseffekte, das Scheitern regionalpolitischer
und subventionsgesteuerter Eingriffe, wie Preissubventionen für Wohnungen
und Nahrungsmittel, sowie die küstenorientierte Entwicklungsstrategie37
vergrößerten regionale und sektorale Einkommens- und Versorgungsunterschiede
in Form eines Küsten-Binnenland Gefälles und daraus resultierend
gesellschaftliche Spannungen. Der komparative Vorteil der Binnenregionen bezüglich
der Arbeitskosten wurde zudem durch betriebliche Rationalisierungs- und Modernisierungsmaßnahmen
in den Küstenprovinzen weitgehend ausgeglichen.
- Die ‘galoppierende’ Inflation mit starken Währungsverlusten führte
letztlich zu einem sinkenden realen Lebensstandard, Verteilungskrisen und
der Umwandlung verdeckter Unterbeschäftigung in offene Arbeitslosigkeit.
Daraus resultierten wiederum starke politische und sozioökonomische Spannungen
und folgend die Erhöhung des Protestpotentials im Binnenland und, über
den massiven Zuzug arbeitsloser38
und verarmter Landbevölkerung, in den urbanen Zentren.39
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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