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| Projektgruppe Model United Nations, München
2000 |
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Die Politik des Pragmatismus in der post-Mao
Ära – Wirtschaftliche Öffnung ohne politische Reform?
- Henrik Schillinger
III. Das Reformwerk
| A. Wirtschaftliche Reformen |
B. Militärische Reformen
C. Politische Reformen
A. Wirtschaftliche Reformen10
Hua Guofeng hatte den Niedergang der chinesischen Wirtschaft durch sein der
maoistischen ‘Tonnenideologie’ verpflichtetes Aufbauprogramm nicht aufhalten
können. Dies hatte Deng in die Lage versetzt auf dem 3. Plenum des XI.
ZK der KPCh 1978 ein Konsolidierungsprogramm als Gegenkonzept durchzusetzen.
Dieses wirtschaftliche Reformprogramm sollte unter den ‘Vier Maximen’ (Regulierung,
Umgestaltung, Niveauanhebung und Ausrichtung) dazu dienen, Defizite in Chinas
Wirtschaftssystem bezüglich Produktivität, Effizienz, Proportionalität
und Leistungsentlohnung abzubauen, und eine leistungsorientierte, teilprivatisierte
und teildezentralisierte ‘Planmarktwirtschaft’ zu errichten.
Die ersten Reformschritte konzentrierten sich auf die Agrar- und die Außenwirtschaft,
um einerseits die zahlenmäßig dominierende Landbevölkerung für
den Reformkurs zu gewinnen und andererseits der Volksrepublik Kapital, Technologie
und Know-how aus dem Ausland zuzuführen. Die Landwirtschaft wurde 1980
durch die Einführung eines ‘vertraglichen Verantwortlichkeitsystems’ bis
1983 zu 95% teilprivatisiert.11
Volkskommunen und Produktionsbrigaden wurden durch die Verfassungsänderung
1982 massiv ‘dekollektiviert’ und über Fördermaßnahmen12
weiterentwickelt. Die außenwirtschaftliche Öffnung (Kaifeng) vollzog
sich in einem Gesetz über Gemeinschaftsunternehmungen (Equity Joint Ventures)
und in der Errichtung von vier Sonderwirtschaftszonen (SWZ) in Südchina13 ,
die erstmals nach 30jähriger Autonomie ausländische Direktinvestitionen
möglich machten. Diese zentralen Punkte wurden von regional begrenzten
Versuchen zur staatlichen Reglementierung der Verwaltung, Zulassung privater
Märkte, größerer Betriebsautonomie, Kodifizierung des Handels-
und Vertragsrechts und zur Einnahmetrennung zwischen Zentrale und regionalen
Körperschaften begleitet. Im sozialpolitischen Bereich ergänzten die
‘Ein-Kind-Politik’ 1979 und die Verbesserung der wissenschaftlichen Ausbildung
durch verstärkten Studienaustausch und westliches Know-how die wirtschaftlichen
Reformmaßnahmen.
Die wirtschaftlichen Reformmaßnahmen führten in den Jahren von 1979
bis 1984 zu einem Wachstum des BSP von durchschnittlich 8,9% bei einer durchschnittlichen
Inflationsrate von 2,8%.14
Die Konzentration auf den Agrarsektor führte zu einem deutlichen Zuwachs
der landwirtschaftlichen Produktion, so daß der Eigenbedarf, im Gegensatz
zu den Jahren zuvor, weitgehend abgedeckt werden konnte. Die wirtschaftlich-administrativen
Veränderungen im Rahmen des ‘Großen Sprungs nach Westen’ wurden von
diesem 1980 mit der Aufnahme Chinas in den IWF und die Weltbank und damit dem
Zugang zu deren Informations- und Finanzressourcen belohnt.
Das 3. Plenum des XII. ZK verabschiedete 1984 den ‘Zehn-Punkte-Beschluß’,
der die Reformpolitik in einer zweiten Phase auf die Städte und den industriellen
Sektor ausdehnen sollte, um den geringen Anteil der Industrie am Wachstum des
BIP von durchschnittlich 37% in den Jahren 1979-1984 zu erhöhen. Kern der
‘Zehn Punkte’ war die Zulassung privater Unternehmungen. Die einzelnen Betriebe
erhielten weitgehende Autonomie bei Planung, Produktion, Preisgestaltung, Finanzen
und Personalpolitik (Cheng-Bao System) In Verbindung damit wurde die zentrale
und administrative Planungskontrolle zu Gunsten einer ‘Planification’ französischen
Musters abgelöst, die nur noch rahmenhafte Indikativpläne vorsah (‘geplante
Warenwirtschaft’)15 .
Die bisherige Gewinnablieferung wurde durch Steuerzahlung ersetzt, die Monopolstellung
der Staatsbetriebe eingeschränkt. Im Rahmen dieser Maßnahmen wurde
das Preissystem durch Freigabe einiger Güter und vieler Konsumentenpreise
zu einem ‘Doppelgleissystem’ dereguliert. Eine Freigabe aller Preise war aufgrund
eines unzureichenden Güterangebotes nicht möglich, sondern hätte
zu inflationären Tendenzen geführt. Eine Bankenreform bewirkte eine
Funktionstrennung von neu gegründeten Geschäftsbanken und der People’s
Bank of China als neue Zentralbank16 .
Eine weitreichende Steuerreform, neue Gesetze und die GRAM Regulierungsmaßnahmen
ermöglichten in den folgenden Jahren ausländische Direktinvestitionen
über 100% (Wholly Foreign Owned Enterprises), bilaterale Kooperationsunternehmungen
(Contractual Joined Ventures) sowie die wirtschaftliche Öffnung von 14
Küstenstädten und fünf SWZ bis 1990. Eine weitreichende Steuerreform
führte zur Einführung einer Einkommenssteuer für alle Unternehmensarten.
Im Sinne der ‘geplanten Warenwirtschaft’ wurde die staatliche Produktionskontrolle
auf 30% gesenkt.
In der Folge von Dengs ‘südlicher Reise’ 1992 wurde auf dem XIV. Parteitag
im gleichen Jahr eine Reform des Arbeitsmarktes, des Preissystems, der Sozialpolitik
und der Staatsunternehmen17
sowie eine weltwirtschaftliche Öffnung des Binnenlandes beschlossen, um
eine ‘sozialistische Marktwirtschaft’ aufzubauen . Die Reformen
führten zu einer Hochwachstumsphase mit einem zweistelligen Anstieg des
BSP aber auch der Inflation. Die wesentlichen Faktoren des Wachstums lagen vor
allem in den überproportionalen Produktions- und Exportzuwächsen der
Industrie in den Küstenprovinzen und SWZ, die von dem immensen Wachstum
ausländischer Direktinvestitionen profitierten. 1993 wurde das BSP aufgrund
des Investitionsbooms, Steuererhöhung, dem Anstieg des Geldangebotes, die
weitgehende Freigabe von Preisen sowie die unkontrollierte Vergabe von Krediten
und Subventionen an Staatsbetriebe erstmals von der Inflationsrate übertroffen.
Sowohl orthodoxe Parteifunktionäre wie Li Peng als auch Reformer wie Zhu
Rongji sprachen sich gegen den Hochwachstumskurs Dengs aus. Hinzu kamen ein
hohes staatliches Defizit sowie das erste Außenhandelsdefizit seit 1980.
Gegen die negativen Auswirkungen der dynamischen und ungleichgewichtigen Entwicklung
sollte eine anhaltende ökologische und sozioökonomische Entwicklung
gemäß der Agenda 21 eingeleitet werden, die zu einer qualitativen
Entwicklungsstrategie hinführen sollte. In diesem Sinne leitete Jiang die
forcierte marktwirtschaftliche Öffnung des Binnenlandes ein und führte
eine zweite Banken- und Steuerreform (1994/1995) durch, bei der die People’s
Bank of China auf eine reine Zentralbankfunktion festgelegt und die Steueraufteilung
und Steuervereinheitlichung zu Gunsten der Beijings neu geregelt wurde. Als
Zeichen wirtschaftspolitischen Erfolgs konnte China zu einem Beobachter der
WTO aufsteigen und eine deutliche Senkung der Inflationsrate sowie das Ende
der Hochwachstumsphase herbeiführen.
Nach dem Tode Deng Xiao Pings verkündete Jiang auf dem XV. Parteitag 1997
die forcierte, effiziente Umgestaltung der ca. 300.000 maroden staatlichen Unternehmen.
Die erhoffte Überwindung interner Entwicklungshindernisse ist, wie auch
die Reduzierung des Kreditbedarfs und der Ineffizienz im öffentlichen Eigentumssektor,
fraglich zumal die Auswirkungen der Finanzkrise 1997 in Südostasien und
Hongkong auch die chinesische Wirtschaft belasten. Trotz unklarer Zukunftsaussichten
konnte China im Reformprozeß der Ära Deng eine stolze Bilanz aufweisen.
In diesem Sinne hat die VR China nach einem durchschnittlichen jährlichen
Wirtschaftswachstum von 9,6% 1978-97 sowie immensen Wachstumsraten im Außenhandel
und im Bereich der realisierten Direktinvestitionen mit einem BIP von 670 Milliarden
US-$18
und dem weltweit zweitgrößten Devisenreserven von 139,9 Milliarden
US-$ relativ gute Chancen, die weiteren schwere Schritte des künftigen
Transformationsprozesses erfolgreich zu meistern.19
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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