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| Projektgruppe Model United Nations, München
2000 |
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Die Politik des Pragmatismus in der post-Mao Ära
– Wirtschaftliche Öffnung ohne politische Reform? - Henrik
Schillinger
II. Reform oder Revolution
A. Die ‘Zwei Linien’
Die politische Geschichte der Volksrepublik China ist geprägt vom Kampf
zweier Lager, oder vielmehr Denkrichtungen, innerhalb der Kommunistischen Partei
Chinas (KPCh) um die Art und Weise, in der Chinas Entwicklung voranzutreiben
sei. Der totalitäre Charakter dieses chinesischen Staates bewirkte, daß
sich die politischen Richtungskämpfe innerhalb des Regierungsapparates
unmittelbar und tiefgreifend auf alle Bereiche des Lebens und der Gesellschaft
auswirkten.
Auf der einen Seite standen die Befürworter der permanenten Revolution,
die sich im wesentlichen auf die Schriften ihres herausragendsten Vertreters
Mao Zedong beriefen. Nach maoistischer Auffassung genossen Ideologie und Politik
absoluten Vorrang. Mit ‘Neuem Denken’ (‘wir’ statt ‘ich’) würde der Aufbau
einer neuen, wohlhabenden kommunistischen Gesellschaft und die Schaffung des
‘Neuen Menschen’ binnen kürzester Zeit möglich sein. China solle in
den Sozialismus nicht planmäßig und proportional hineinwachsen, sondern
beherzt hineinspringen. 20 Jahre könnten "zu einem einzigen Tag verdichtet
werden". Der Vollzug solle dem Massenexperiment überlassen werden.
Das Volk werde sich im Rahmen von Massenbewegungen in Kampagnen, ‘Volkskriegen’,
zur Bewältigung der einzelnen Aufgaben, seien es soziale, wirtschaftliche
oder ideologische, engagieren. Nur so könne die Revolution erlebt werden
und der revolutionäre Elan erhalten bleiben.1
Im Jahre 1958 versuchten die Maoisten, ihre Ideologie in politische Realität
umzusetzen. Unter dem Motto "Drei Jahre harte Arbeit, zehntausend Jahre
Glück" sollte der ‘Große Sprung nach vorn’ (da yue jin) China
innerhalb weniger Jahre in die Riege der führenden Industrienationen der
Welt katapultieren. Das ‘Massenexperiment’ endete in einer wirtschaftlichen
Katastrophe. Hungersnöte waren die Folge. Die Zahl der Opfer zwischen Herbst
1959 und Ende 1961 belief sich Schätzungen zufolge auf 18,8 Millionen Menschen.
Die Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas geriet in eine ernst zunehmende
Autoritätskrise. Das Ansehen Mao Zedongs, der die treibende ideologische
und politische Kraft hinter dem ‘Großen Sprung’ gewesen war, erlitt schweren
Schaden. Vorübergehend gelang es den Reformkräften um den damaligen
Staatspräsidenten Liu Shaoqi, die konkrete Politik bestimmend zu gestalten
und eine Politik der Konsolidierung einzuleiten.
Die ‘liuistische Linie’ vertrat, im Gegensatz zu Maos ‘revolutionärer’
Haltung, eine ‘evolutionistische’ (yanjin) Auffassung.2
Die Liuisten gingen von der marxistischen ‘Theorie der Produktivkräfte’
aus, der zufolge eine Vergesellschaftung nur dort sinnvoll ist, wo ein ausreichend
hoher Entwicklungsstand der Produktivkräfte (Maschinen, Kapital, Wissenschaft)
erreicht wurde. Um die Rückständigkeit Chinas zu überwinden,
sei es notwendig, ohne ideologische Vorbehalte alle Kräfte und Möglichkeiten
in Anspruch zu nehmen, solange nur die Herrschaft der Kommunistischen Partei
anerkannt werde. Entscheidend seien wirtschaftliche Effizienz und Leistung,
die entsprechend belohnt werden müsse. Der Grundgedanke der liuistischen
Linie wird am treffendsten in einem Ausspruch Deng Xiaopings, der in dieser
Zeit entstand, beschrieben: "Es spielt keine Rolle, ob die Katze weiß
oder schwarz ist, Hauptsache, sie fängt Mäuse".
Der wirtschaftliche Erfolg der Reformpolitik Lius setzte die maoistische Fraktion
zunehmend unter Druck. Mao Zedong suchte schließlich den ‘Kampf der Zwei
Linien’ endgültig zu entscheiden, indem er Lius Politik einen ‘revisionistischen’
Charakter vorwarf und die ‘Große Proletarische Kulturrevolution’ ausrief.
Zehntausende Funktionäre, die sich gegen Maos Politik gestellt hatten,
wurden gestürzt, Liu Shaoqi zum Tode verurteilt und hingerichtet. Theoretisch
war die Kulturrevolution als Massenbewegung gedacht gewesen, die durch Überzeugung
und Erziehung das Denken der Menschen und das gesellschaftliche Leben, den sozialen
‘Überbau’, im Sinne des Kommunismus verändern sollte. Praktisch artete
sie zu sie zu einem Machkampf zwischen den Fraktionen innerhalb der kommunistischen
Partei aus. Erst nach dem Sturz Lin Biaos 1971, neben Mao der wichtigste Wortführer
der Kulturrevolution, konnten reformorientierte Kräfte unter Zhou Enlai
wieder Einfluß auf die Politik gewinnen.
Die maoistischen Kräfte ließen sich allerdings nicht ohne weiteres
zurückdrängen. An ihre Spitze setzte sich eine kulturrevolutionäre
Gruppierung um Maos Ehefrau Jiang Qinq, die später als ‘Viererbande’ (si
ren bang) angeklagt und verurteilt wurde. Die ‘Viererbande’, deren einzige Legitimation
der direkte Zugang zum kranken Mao war, suchte ihre Machtbasis zu erweitern,
indem sie die städtische Milizen zu einer ‘zweiten Armee’ aufbaute, ihr
Pressemonopol verstärkte und mehrere Massenbewegungen organisierte, die
sich letztlich gegen Zhou und Deng richteten.
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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