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Projektgruppe Model United Nations, München 2000 |
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Die "Große Proletarische Kulturrevolution" - Hintergründe,
Verlauf und Auswirkungen - Evi Zingraf
II. Die Vorgeschichte der Grossen Proletarischen Kulturrevolution
A. Die "Hundert-Blumen-Bewegung"
B. Der "Grosse Sprung nach vorn" und die Wirtschaftskrise
| C. Der Weg zur Kulturrevolution |
C. Der Weg zur Kulturrevolution
Im Frühjahr 1962 zeichnet sich erneut eine innenpolitische Wende
ab, gefördert durch eine Welle intellektueller Kritik, die anders als während
der "Hundert-Blumen-Bewegung" nicht von Parteilosen, sondern von langjährigen
Mitgliedern der KPCh vorgetragen wurde. Ziel der Angriffe war die maoistische
Generallinie der Politik der "Drei Roten Banner", die vor allem wirtschaftlich
- wie oben ausgeführt - beinahe zum Zusammenbruch des Landes geführt hätte.
Unter dem Schutz der Führer des zivilen Parteiapparates - namentlich: dem Oberbürgermeister
Pekings, Peng Zhen, dem Staatspräsidenten, Liu Shaoqi und dem Generalsekretär
der KPCh, Deng Xiaoping - unterstützten Parteiintellektuelle und Wirtschaftswissenschaftler
die konsequente Weiterführung der Prinzipien der "Readjustierung" als Alternativkonzept
zu Maos "Drei Roten Bannern". Mao bereitete gleichzeitig, um einer drohenden
Generalrevision seiner Politik zu entgehen, mit Hilfe des Marschalls Lin Biao
in den Streitkräften den Aufbau eines alternativen Herrschaftsapparates vor.
Im Herbst 1962 konnte er zunächst den Übergang zu einer umfassenden wirtschafts-
und gesellschaftspolitischen Reform im Sinne des "rechten" Flügels auf dem 10.
Plenum des VIII. Zentralkomitees (ZK) in Peking verhindern, aber die wirtschaftspolitischen
Fakten sprachen gegen Mao. Durch die bereits vorgenommenen Korrekturen an der
"Drei Banner Politik" erholte sich die Volkswirtschaft spürbar. 29
Bemerkenswert auf diesem 10. Plenum des VIII. ZK war, dass sich die beiden Seiten
trotz der Differenzen auf die Einleitung einer "Sozialistischen Erziehungsbewegung"
verständigen konnten, um die, durch die Wirtschaftskrise erschütterte Kontrolle
über die Landbevölkerung wiederherzustellen. Allerdings verbanden Liu und Deng
auf der einen, und Mao und seine Anhänger auf der anderen Seite unvereinbare
Ziele mit dieser Bewegung, was die Kontroverse zwischen den beiden Strömungen
in der KPCh nur verschärfte.30
Die Verstärkung der Gegensätze in der Partei führte dazu, dass,
bis zum vorläufigen Höhepunkt der innerparteilichen Auseinandersetzungen im
Sommer 1965, die Parteiführung und insbesondere die Propagandaabteilung des
ZK (hauptsächlich Vertreter des Liu-Deng-Flügels) versuchten, durch eine Wiederbelebung
der "Hundert-Blumen"-Parole, Intellektuelle zur offenen Kritik an Maos entwicklungspolitischem
Konzept zu bewegen - was auch gelang. Besonders hart gingen die beiden führenden
marxistischen Wirtschaftstheoretiker Chinas, Lo Kengmo und Sun Yefang, mit Maos
Konzept ins Gericht. Der "Grosse Sprung" sei "Idealismus und die Leugnung oder
wenigstens Geringschätzung der objektiven ökonomischen Gesetze", er habe "Disproportionalitäten"
verursacht, "die Wirtschaft unterminiert" und sei "nichts als das Ablassen heißer
Luft und großes Geschwätz".31
Die beiden Wirtschaftwissenschaftler lieferten mit ihrer Kritik die Argumente
für das Alternativprogramm des Staatsoberhauptes, Liu Shaoqi, und Deng Xiaoping.
In diesem 1962 auf einer erweiterten Arbeitskonferenz des ZK in Peking vorgestellten
Programm forderte Liu:
- die "Produktionsgarantie" wieder auf die individuellen bäuerlichen Haushalte
zu verlegen und die "unabhängige Produktion wieder zuzulassen";
- die Arbeit in allen Betrieben und an allen Projekten einzustellen, von
denen keine "ökonomisch relevanten Ergebnisse" zu erwarten seien;
- den Bauern freie Verfügung über die überschüssige Produktion zu geben;
- freie Märkte einzurichten und den Bauern höhere Preise für ihre Produkte
zu bieten,
- die zu Unrecht gemassregelten Rechtsabweichler zu rehabilitieren.
Wenige Wochen später rief Liu auf einer Sitzung eines Parteigremiums
zur Disziplinierung Maos auf, der immer noch an seiner Politik des "Großen Sprung"
festhielt. Zudem forcierte Liu die Rehabilitierung der "Rechtsabweichler" und
bahnte so eine Zusammenarbeit zwischen der "alten Rechten" um Peng Dehuai und
der "Neuen Rechten" um Liu und Deng an. Trotz des kohärenten Alternativprogramms
und den Mehrheiten in den Führungsgremien der Partei gelang es der "Neuen Rechten"
im Winter 1965/66 nicht, sich gegen Mao Zedong durchzusetzen. Der Gegensatz
zwischen dem unveränderten Interesse Lius und Dengs an straffer organisatorischer
Disziplin erwies sich als unvereinbar mit dem Drängen der Pekinger intellektuellen
Opposition auf eine grundlegende Liberalisierung des politischen Systems, was
die "Neue Rechte" ernorm schwächte.32
Mao als Führer der Linken musste sich in dem Mass auf das machtpolitische
Interesse der Militärs um Lin Biao verlassen, in dem die "Neue Rechte" Mehrheiten
in den Führungsgremien der Partei gewann. Lin Biao, der das Amt des Verteidigungsministers
übernahm, nachdem sein Vorgänger Peng Dehuai als "Rechtsabweichler" 1959 aller
Ämter enthoben worden war, begann ab 1960 in einer Reihe von Kampagnen die Volksbefreiungsarmee
auf die Linie Maos einzuschwören.33
Zu einer ähnlichen Indoktrinierungskampagne sollte nach den Vorstellungen
der Anhänger Maos auch die oben erwähnte "Sozialistische Erziehungsbewegung"
werden, in der mit Hilfe von "Studienklassen für die Gedanken Maos" ein weiterer
Versuch unternommen wurde, das Bewusstsein der Bauern im Interesse des Aufbaus
einer kommunistischen Gesellschaftsordnung zu verändern. Die "Neue Rechte" um
Liu und Deng verfolgten mit der Kampagne das Ziel umfassender Säuberungsmassnahmen
unter den Kadern auf dem Land und der Einleitung nachhaltiger Verbesserungen
der kommunikativen Infrastruktur. Durch die Zerstrittenheit in der Partei erreichte
die Kampagne weder eine Festigung der Parteiorganisation, welche Liu und Deng
verfolgten, noch im Sinne Maos eine Eindämmung der Privatwirtschaft in den Dörfern
oder eine "Revolutionierung" des bäuerlichen Bewusstseins. Jürgen Domes schreibt
dazu: "Die Bewegung bewirkte nicht nur eine Verschärfung des Richtungskampfes
in der KCT [KPCh], sondern statt einer Stärkung eine nachhaltige Schwächung
der Basiseinheiten des zivilen Parteiapparates, die in der Kulturrevolution
zuungunsten der Gruppe um Liu und Deng deutlich zutage treten sollte."34
Der Sturz Chruschtschows im Oktober 1964 und der erste erfolgreiche
Atomversuch der Volksrepublik China stärkten das Selbstbewusstsein der Pekinger
Führung beträchtlich, so dass sie eine grundlegende Auflockerung der innenpolitischen
Situation anstrebten. Da die radikale Innenpolitik Maos nicht in dieses Konzept
passte, nahmen die Angriffe gegen den Parteiführer im Sommer 1965 in beträchtlichem
Mass zu. Stabilisierung der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen
Situation war das Ziel der "Neuen Rechten" und nicht eine revolutionäre Rastlosigkeit
ohne Besinnung auf Fachkenntnisse, die sie Mao zu Lasten legten.
Die Propagandaabteilung des ZK begann bereits im Frühjahr 1965,
die Person Liu Shaoqi mit allen Mitteln so aufzuwerten, dass er im gleichen
Rang neben Mao erschien. Auf einer als "Zentrale Arbeitskonferenz" bezeichneten
erweiterten Sitzung des Ständigen Ausschusses des Politbüro wurde dann schliesslich
deutlich, dass Mao nicht mehr mit der Unterstützung der Mehrheit in den oberen
Parteigremien rechnen konnte. Er forderte die Einleitung einer weiteren Säuberungskampagne
gegen seine intellektuellen Kritiker um Peng Zhens Pekinger Stadtkomitee, die
mit einer Verurteilung des Theaterregisseurs Wu Han beginnen sollte, wegen seiner
Inszenierung des Mao-kritischen Schauspiels "Die Entlassung von Hai Rui". Der
Antrag Maos wurde von den Mitgliedern des Spitzengremiums abgelehnt, so dass
er sich Ende Oktober 1965 in die Umgebung von Shanghai zurückzog und erst nach
neun Monaten in die Hauptstadt zurückkehrte.35
Die Szenerie für den Macht- und Richtungskampf, der in der Grossen Proletarischen
Kulturrevolution ausgetragen wurde, war damit gestellt.
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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