 |
|
Projektgruppe Model United Nations, München 2000 |
 |
Die "Große Proletarische Kulturrevolution" - Hintergründe,
Verlauf und Auswirkungen - Evi Zingraf
II. Die Vorgeschichte der Grossen Proletarischen Kulturrevolution
A. Die "Hundert-Blumen-Bewegung"
| B. Der "Grosse Sprung nach vorn" und die Wirtschaftskrise |
C. Der Weg zur Kulturrevolution
B. Der "Grosse Sprung nach vorn" und die Wirtschaftskrise
Bereits im Januar 1957 begannen in der Führung der KPCh Diskussionen
über den Präferenzkatalog und die Investitionsdirektiven für den Zweiten Fünfjahresplan
für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung Chinas. Mao war der Überzeugung, dass
nur eine Folge quantitativer und qualitativer wirtschaftlicher Sprünge ein kommunistisches
Bewusstsein unter der Bevölkerung wecken könne. Liu Shaoqi, Mitglied der
Führungsspitze der KPCh und ab 1959 Nachfolger Mao Zedongs im Amt des Staatspräsidenten,
sah in Maos Vorstellung eine Möglichkeit sein Interesse an der Disziplin mobilisierter
und kontrollierter Massen realisiert, so dass sich die Skeptiker aus den Apparaten
der Staats- und Wirtschaftsverwaltung nicht mehr dagegen behaupten konnten.
Die sogenannte Politik der "Drei Roten Banner" setzte sich durch. Sie bildet
die schlagwortartige Zusammenfassung der politischen Grundsatzentscheidungen
der KPCh im Frühjahr 1958:
- Banner: Die "Generallinie des sozialistischen Aufbaus" sollte die gleichzeitige
Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft bei gleichzeitiger Nutzung moderner
und herkömmlicher Produktionsmethoden vorantreiben.
- Banner: Der "Grosse Sprung nach vorn" sollte ein Konzept arbeitsintensiver
Entwicklungspolitik durchsetzen.
- Banner: Die Errichtung von "Volkskommunen" sollte die umfassende Kollektivierung
des Lebens vorbereitet werden.21
Mao wollte mit diesem Programm die schnelle Verwirklichung der
kommunistischen Gesellschaftsordnung vorbereiten und meldete damit zum ersten
Mal seinen Führungsanspruch in der internationalen kommunistischen Bewegung
an, was in Moskau als ideologische Offensive gegen die Sowjetunion gewertet
wurde. Wichtiger waren für Mao allerdings die innenpolitischen Ziele, die er
mit der Politik der "Drei Roten Banner" glaubte erreichen zu können. Durch die
Kollektivierung des gesamten Lebens sollte dem herkömmlichen chinesischen Familiensystem
die Widerstandskraft gegen die Diktatur der Partei genommen werden. Die Verbindung
von Massenbewegung und Mobilisierung der Arbeitskraft sollten eine wirksame
Kontrolle über den einzelnen gewährleisten und Veränderungen des Bewusstseins
der Bevölkerung bewirken. Zudem richtete sich der Ehrgeiz der Parteiführung,
angesichts der seit 1956 deutlichen Verringerung sowjetischer Wirtschaftshilfen,
auf das erklärte Ziel, China aus eigener Kraft in den Kreis der industriellen
Grossmächte zu führen.22
In der Praxis sah die "Generallinie" vor, dass, um in den beiden
Sektoren Landwirtschaft und Industrie einen "Grossen Sprung nach vorn" zu erreichen,
zu der Produktionsausweitung mit Hilfe moderner Technologie eine verstärkte
Anwendung herkömmlicher Techniken in Handwerk und Landwirtschaft treten müsse
wegen der knappen staatlichen Investitionsmittel. Der dörfliche Bedarf an einfachen
Geräten sollte deshalb von lokalen Kleinindustrien ausserhalb des zentralen
Planungs- und Verwaltungsrahmens gedeckt werden. Aus diesem Grund wurde ein
Teil der gesamtwirtschaftlichen Verwaltungsaufgaben dezentralisiert, das heisst,
die Verantwortung für die lokalen Kleinindustrien übertrug man zunächst den
Gemeinden und Kreisen und später den Volkskommunen. Der "Grosse Sprung nach
vorn" sollte die Volksrepublik China innerhalb von 15 Jahren wirtschaftlich
soweit vorantreiben, dass sie die Pro-Kopf-Erzeugung Grossbritanniens an schwerindustriellen
Gütern "einholt und überholt". Dazu sollte vor allem die Stahlerzeugung in kurzer
Zeit auf das absolute Maximum ausgedehnt werden. Um dieses Ziel zu erreichen,
investierte die chinesische Führung nicht nur stark in die grösseren Stahlwerke,
sondern förderte auch die Errichtung unzähliger Klein- und Kleinsthochöfen.
Bereits im April 1959 konnte man Produktionszuwächse von 107% vermelden. Allerdings
stellt sich ebenso schnell heraus, dass die Qualität des Stahls äusserst mangelhaft
war. Zudem führten die "Produktionsschlachten" (Jürgen Domes) zu schweren gesundheitlichen
Belastungen der Bevölkerung. Manche Volkskommunen griffen zu Notmassnahmen,
um die ihnen gesetzten Produktionsnormen zu erfüllen und demontierten in Nacht-und-Nebel-Aktionen
Eisenbahnschienen, die eingeschmolzen wurden, um die Qualität des produzierten
Stahls zu heben. Neben den katastrophalen Auswirkungen auf die Infrastruktur,
führte die übertriebene Stahlproduktion auch zu einem extremen Mangel an Arbeitskräften
während der Herbsternte 1958. Nur 40% der Bauern befanden sich auf den Feldern,
bis zahlreiche Kleinhochöfen schlossen, um genügend Arbeitskräfte für die Ernte
freizusetzen.23
Für das Scheitern der radikalen Politik des "Grossen Sprungs"
war jedoch letztlich die Entwicklung der Volkskommunen-Bewegung entscheidend.
Nach Maos Auffassung sollten grosse kollektive Produktionseinheiten als Basis
für den "Übergang zum Kommunismus" dienen. Hierzu wurden die in den Provinzen
existierenden LPGn zu sogenannten Volkskommunen zusammengefasst. Wo es keine
LPGn gab, strukturierte man gesamte Gemeinden, städtische Wohnbezirke, grössere
Fabriken oder sogar ganze Landkreise zu Volkskommunen oder landwirtschaftlichen
Grosskommunen um. Diese Grosskollektive waren meistens militärisch organisiert,
das heisst, die Kommunenleitung gab Anweisungen an die Produktionsbrigaden,
die ihrerseits wieder in verschiedene Produktionsgruppen unterteilt wurden.
Die Leiter der einzelnen Produktionsgruppen oder -brigaden hatten uneingeschränkte
Befehlsgewalt gegenüber den Bauern. Das Eigentum wurde kollektiviert, die Mahlzeiten
mussten in Kantinen eingenommen werden, Kinder und Säuglinge und alte Leute
blieben oft die gesamte Woche über in Kindergärter bzw. Altersheimen.24
Als am 17. August 1958 die Peitaihe-Konferenz des Politbüros zusammentrat
und die Volkskommunen-Bewegung zur "grundlegenden Politik der Partei" erklärte,
setzte eine kaum kontrollierbare Kollektivierungswelle in China ein. Im November
waren bereits 99% der Landbevölkerung in Volkskommunen mit einer durchschnittlichen
Grösse von 4637 Haushalten zusammengeschlossen.25
Diese Hektik mit der die Volkskommunen-Bewegung vorangetrieben wurde, führte
jedoch schnell ins völlige Chaos. Fast überall fehlten die einfachsten Voraussetzungen
für das Funktionieren der Kommunen, wie angemessene Unterkünfte für Kantinen,
Kindergärten oder Altersheime, in denen schnell katastrophale hygienische Bedingungen
herrschten. Bei Wintereinbruch stand nicht genug warme Kleidung zur Verfügung,
so dass viele Produktionsbrigaden nicht mehr auf den Feldern arbeiten konnten.
Zudem hatte die Überbetonung der Stahlproduktion die Volkswirtschaft so geschwächt,
dass die geringer werdenden Erntemengen der folgenden Jahre nicht mehr aufgefangen
werden konnten. Schwere Naturkatastrophen in einigen Provinzen vernichteten
ausserdem noch grosse Teile der Ernte, so dass das Land in den Jahren 1961 und
1962 in eine schwere Hungernot stürzte, die nach vorsichtigen Schätzungen über
zehn Millionen Opfer forderte.26
Da die Unterernährung der Bevölkerung nachhaltige Wirkung auf die Arbeitsleistung
in der Industrie hatte, verlor China bis 1962 wieder nahezu allen Wirtschaftszuwachs,
der zunächst im "Grossen Sprung" erreicht worden war.
Immanuel Xu Chongyue schreibt dazu:
"The communes were responsible for lower, not higher, agricultural
output. The grain output declined from 200 million metric tons in 1958 to 165
million in 1959 and to 160 million in 1960. [...] The Gross National Product
(GNP) was disappointing, dropping from §95 billion in 1958 to §92 billion in
1959, to §89 billion in 1960 and to §72 in 1961."27
Innerhalb der KPCh führte dieser Umstand zu immer schärferer Kritik
an der radikalen Politik Maos. Das ZK beschloss die Vorschläge zur "Readjustierung"
der Volkskommunen von Liu Shaoqi und Deng Xiaoping umzusetzen, was praktisch
bedeutete, dass die Volkskommunen hinsichtlich Besitzstand und Produktionsweise
entsprechend den früheren Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften restrukturiert
wurden. Aus den Debatten um eine innenpolitische Mässigung entstanden schliesslich
die Richtungskämpfe, die den Weg in die Kulturrevolution bahnten.28
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
|
 |