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Die "Große Proletarische Kulturrevolution" - Hintergründe, Verlauf und Auswirkungen - Evi Zingraf

  I     II     III     IV     V     Inhaltsverzeichnis des Artikels

II. Die Vorgeschichte der Grossen Proletarischen Kulturrevolution

A. Die "Hundert-Blumen-Bewegung"
B. Der "Grosse Sprung nach vorn" und die Wirtschaftskrise
C. Der Weg zur Kulturrevolution

B. Der "Grosse Sprung nach vorn" und die Wirtschaftskrise

Bereits im Januar 1957 begannen in der Führung der KPCh Diskussionen über den Präferenzkatalog und die Investitionsdirektiven für den Zweiten Fünfjahresplan für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung Chinas. Mao war der Überzeugung, dass nur eine Folge quantitativer und qualitativer wirtschaftlicher Sprünge ein kommunistisches Bewusstsein unter der Bevölkerung wecken könne. Liu Shaoqi, Mitglied der Führungsspitze der KPCh und ab 1959 Nachfolger Mao Zedongs im Amt des Staatspräsidenten, sah in Maos Vorstellung eine Möglichkeit sein Interesse an der Disziplin mobilisierter und kontrollierter Massen realisiert, so dass sich die Skeptiker aus den Apparaten der Staats- und Wirtschaftsverwaltung nicht mehr dagegen behaupten konnten. Die sogenannte Politik der "Drei Roten Banner" setzte sich durch. Sie bildet die schlagwortartige Zusammenfassung der politischen Grundsatzentscheidungen der KPCh im Frühjahr 1958:

  1. Banner: Die "Generallinie des sozialistischen Aufbaus" sollte die gleichzeitige Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft bei gleichzeitiger Nutzung moderner und herkömmlicher Produktionsmethoden vorantreiben.
  2. Banner: Der "Grosse Sprung nach vorn" sollte ein Konzept arbeitsintensiver Entwicklungspolitik durchsetzen.
  3. Banner: Die Errichtung von "Volkskommunen" sollte die umfassende Kollektivierung des Lebens vorbereitet werden.21

Mao wollte mit diesem Programm die schnelle Verwirklichung der kommunistischen Gesellschaftsordnung vorbereiten und meldete damit zum ersten Mal seinen Führungsanspruch in der internationalen kommunistischen Bewegung an, was in Moskau als ideologische Offensive gegen die Sowjetunion gewertet wurde. Wichtiger waren für Mao allerdings die innenpolitischen Ziele, die er mit der Politik der "Drei Roten Banner" glaubte erreichen zu können. Durch die Kollektivierung des gesamten Lebens sollte dem herkömmlichen chinesischen Familiensystem die Widerstandskraft gegen die Diktatur der Partei genommen werden. Die Verbindung von Massenbewegung und Mobilisierung der Arbeitskraft sollten eine wirksame Kontrolle über den einzelnen gewährleisten und Veränderungen des Bewusstseins der Bevölkerung bewirken. Zudem richtete sich der Ehrgeiz der Parteiführung, angesichts der seit 1956 deutlichen Verringerung sowjetischer Wirtschaftshilfen, auf das erklärte Ziel, China aus eigener Kraft in den Kreis der industriellen Grossmächte zu führen.22

In der Praxis sah die "Generallinie" vor, dass, um in den beiden Sektoren Landwirtschaft und Industrie einen "Grossen Sprung nach vorn" zu erreichen, zu der Produktionsausweitung mit Hilfe moderner Technologie eine verstärkte Anwendung herkömmlicher Techniken in Handwerk und Landwirtschaft treten müsse wegen der knappen staatlichen Investitionsmittel. Der dörfliche Bedarf an einfachen Geräten sollte deshalb von lokalen Kleinindustrien ausserhalb des zentralen Planungs- und Verwaltungsrahmens gedeckt werden. Aus diesem Grund wurde ein Teil der gesamtwirtschaftlichen Verwaltungsaufgaben dezentralisiert, das heisst, die Verantwortung für die lokalen Kleinindustrien übertrug man zunächst den Gemeinden und Kreisen und später den Volkskommunen. Der "Grosse Sprung nach vorn" sollte die Volksrepublik China innerhalb von 15 Jahren wirtschaftlich soweit vorantreiben, dass sie die Pro-Kopf-Erzeugung Grossbritanniens an schwerindustriellen Gütern "einholt und überholt". Dazu sollte vor allem die Stahlerzeugung in kurzer Zeit auf das absolute Maximum ausgedehnt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, investierte die chinesische Führung nicht nur stark in die grösseren Stahlwerke, sondern förderte auch die Errichtung unzähliger Klein- und Kleinsthochöfen. Bereits im April 1959 konnte man Produktionszuwächse von 107% vermelden. Allerdings stellt sich ebenso schnell heraus, dass die Qualität des Stahls äusserst mangelhaft war. Zudem führten die "Produktionsschlachten" (Jürgen Domes) zu schweren gesundheitlichen Belastungen der Bevölkerung. Manche Volkskommunen griffen zu Notmassnahmen, um die ihnen gesetzten Produktionsnormen zu erfüllen und demontierten in Nacht-und-Nebel-Aktionen Eisenbahnschienen, die eingeschmolzen wurden, um die Qualität des produzierten Stahls zu heben. Neben den katastrophalen Auswirkungen auf die Infrastruktur, führte die übertriebene Stahlproduktion auch zu einem extremen Mangel an Arbeitskräften während der Herbsternte 1958. Nur 40% der Bauern befanden sich auf den Feldern, bis zahlreiche Kleinhochöfen schlossen, um genügend Arbeitskräfte für die Ernte freizusetzen.23

Für das Scheitern der radikalen Politik des "Grossen Sprungs" war jedoch letztlich die Entwicklung der Volkskommunen-Bewegung entscheidend. Nach Maos Auffassung sollten grosse kollektive Produktionseinheiten als Basis für den "Übergang zum Kommunismus" dienen. Hierzu wurden die in den Provinzen existierenden LPGn zu sogenannten Volkskommunen zusammengefasst. Wo es keine LPGn gab, strukturierte man gesamte Gemeinden, städtische Wohnbezirke, grössere Fabriken oder sogar ganze Landkreise zu Volkskommunen oder landwirtschaftlichen Grosskommunen um. Diese Grosskollektive waren meistens militärisch organisiert, das heisst, die Kommunenleitung gab Anweisungen an die Produktionsbrigaden, die ihrerseits wieder in verschiedene Produktionsgruppen unterteilt wurden. Die Leiter der einzelnen Produktionsgruppen oder -brigaden hatten uneingeschränkte Befehlsgewalt gegenüber den Bauern. Das Eigentum wurde kollektiviert, die Mahlzeiten mussten in Kantinen eingenommen werden, Kinder und Säuglinge und alte Leute blieben oft die gesamte Woche über in Kindergärter bzw. Altersheimen.24

Als am 17. August 1958 die Peitaihe-Konferenz des Politbüros zusammentrat und die Volkskommunen-Bewegung zur "grundlegenden Politik der Partei" erklärte, setzte eine kaum kontrollierbare Kollektivierungswelle in China ein. Im November waren bereits 99% der Landbevölkerung in Volkskommunen mit einer durchschnittlichen Grösse von 4637 Haushalten zusammengeschlossen.25 Diese Hektik mit der die Volkskommunen-Bewegung vorangetrieben wurde, führte jedoch schnell ins völlige Chaos. Fast überall fehlten die einfachsten Voraussetzungen für das Funktionieren der Kommunen, wie angemessene Unterkünfte für Kantinen, Kindergärten oder Altersheime, in denen schnell katastrophale hygienische Bedingungen herrschten. Bei Wintereinbruch stand nicht genug warme Kleidung zur Verfügung, so dass viele Produktionsbrigaden nicht mehr auf den Feldern arbeiten konnten. Zudem hatte die Überbetonung der Stahlproduktion die Volkswirtschaft so geschwächt, dass die geringer werdenden Erntemengen der folgenden Jahre nicht mehr aufgefangen werden konnten. Schwere Naturkatastrophen in einigen Provinzen vernichteten ausserdem noch grosse Teile der Ernte, so dass das Land in den Jahren 1961 und 1962 in eine schwere Hungernot stürzte, die nach vorsichtigen Schätzungen über zehn Millionen Opfer forderte.26 Da die Unterernährung der Bevölkerung nachhaltige Wirkung auf die Arbeitsleistung in der Industrie hatte, verlor China bis 1962 wieder nahezu allen Wirtschaftszuwachs, der zunächst im "Grossen Sprung" erreicht worden war.

Immanuel Xu Chongyue schreibt dazu:

"The communes were responsible for lower, not higher, agricultural output. The grain output declined from 200 million metric tons in 1958 to 165 million in 1959 and to 160 million in 1960. [...] The Gross National Product (GNP) was disappointing, dropping from §95 billion in 1958 to §92 billion in 1959, to §89 billion in 1960 and to §72 in 1961."27

Innerhalb der KPCh führte dieser Umstand zu immer schärferer Kritik an der radikalen Politik Maos. Das ZK beschloss die Vorschläge zur "Readjustierung" der Volkskommunen von Liu Shaoqi und Deng Xiaoping umzusetzen, was praktisch bedeutete, dass die Volkskommunen hinsichtlich Besitzstand und Produktionsweise entsprechend den früheren Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften restrukturiert wurden. Aus den Debatten um eine innenpolitische Mässigung entstanden schliesslich die Richtungskämpfe, die den Weg in die Kulturrevolution bahnten.28

 

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