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Die "Große Proletarische Kulturrevolution" - Hintergründe, Verlauf und Auswirkungen - Evi Zingraf

  I     II     III     IV     V     Inhaltsverzeichnis des Artikels

II. Die Vorgeschichte der Grossen Proletarischen Kulturrevolution

A. Die "Hundert-Blumen-Bewegung"
B. Der "Grosse Sprung nach vorn" und die Wirtschaftskrise
C. Der Weg zur Kulturrevolution

A. Die "Hundert-Blumen-Bewegung"

Wie in der Einleitung dargelegt, bezieht sich die permanente Revolution im Sinne Mao Zedongs immer auf Massnahmen zur Lösung von Widersprüchen, solange bis es keine mehr gibt und die Gesellschaft das Stadium des Kommunismus erreicht hat. Mit der sogenannten "Hundert-Blumen-Bewegung" begann 1957 die grundsätzlich kulturrevolutionär geprägte Periode bis zum Tode Maos 1976, die er mit einer vierstündigen Rede "Über die richtige Behandlung von Widersprüchen im Volk" auf einer erweiterten Sitzung der "Obersten Staatskonferenz" einleitete. Ziel war dabei, die Wiederbelebung der Ideologie zu fördern und so "das Kampffeld einzuengen und das Erziehungsfeld zu erweitern". Das Bild der "Hundert Blumen" stand in dieser Kampagne für das Aufblühen kritischer Meinungen, die das System voranbringen sollten auf dem Weg zur vollkommenen kommunistischen Gesellschaft und eine kommunistische "Sozialisierung des Denkens" im Volk bewirken.14

"Widersprüche im Volk" können im Sinne Maos nur in der offenen Diskussion ausgeräumt werden, weshalb er in seiner Rede vor allem Nichtkommunisten dazu aufrief, ihre Kritik an den Parteikadern offen auszusprechen. Sichere Kriterien für die Grenzen dieser Kritik nannte das Staatsoberhaupt in der ursprünglichen Fassung dieser, im wahrsten Sinne des Wortes, "revolutionären" Rede allerdings nicht.15

Die potentiellen Kritiker reagierten mit äusserster Zurückhaltung auf die Einladung Maos, so dass die KPCh in einer Direktive des Zentralkomitees (ZK) zur Abhaltung von Diskussionsforen aufrief, auf denen Angehörige der Minderheitsparteien und Parteilose "in voller Freiheit" ihre Meinung äussern sollten. Insgesamt elf dieser Foren fanden vom 8. Mai bis zum 3. Juni in Peking statt, auf denen die Kritik auch schliesslich in vollem Umfang einsetzte und sich schnell auch in andere Städte ausbreitete - besonders nach Shanghai und Tienchin. Um die Monatswende Mai/Juni verschärfte sich die Kritik so stark, dass ein Katalog grundlegender Forderungen zur Änderung der Politik der KPCh entstand. Er umfasste die folgenden sieben Punkte:

  1. Verminderung, wenn nicht Beseitigung, des Einflusses der KPCh auf Literatur, Kunst und Wissenschaft;
  2. Aufhebung der Beschränkung des Werbebereichs der nichtkommunistischen Einheitsfrontparteien auf bestimmte Bevölkerungsgruppen;
  3. Berufung von mindestens einem nichtkommunistischen Vizepremiers;
  4. Umwandlung der Beratenden Politischen Volkskonferenz, in der die Nichtkommunisten stärker vertreten waren als die KPCh, aus einem rein beratenden Gremium in eine neben dem Nationalen Volkskongress (NVK) entscheidende zweite Kammer;
  5. Aufhebung der einseitigen aussenpolitischen Bindung an die Sowjetunion;
  6. Beendigung der Einparteienherrschaft und freie Konkurrenzwahlen;
  7. Rücktritt Mao Zedongs und der kommunistischen Führungsgruppe.16

Die harten Angriffe gegen die kommunistische Führung der Volksrepublik blieben jedoch nicht nur auf die "Intelligenz" beschränkt. Die Rebellion gegen das bestehende System breitete sich auch schnell unter den Arbeitern und Bauern aus, mit der Konsequenz, dass es in zahlreichen Provinzen zu Austrittsbewegungen aus den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), zu Sabotageakten und Unruhen in vielen Dörfern kam. Besonders alarmierend für die Parteiführung war die wachsende Heftigkeit mit der sich die Bewegung ab Mitte Mai auch auf die Studenten ausdehnte. Die Nationale Peking Universität, die "Peita", wurde zur Hochburg der studentischen Opposition, die sich expressis verbis auf die "4. Mai Bewegung" der Studenten von 1919 bezog. Die Welle der studentischen Protestbewegungen eskalierte schliesslich in der zentralchinesischen Industriemetropole Wuhan am 12. und 13. Juni 1957, als Tausende von Studenten und Oberschülern in den Strassen demonstrierten, die kommunistischen Parteibüros gestürmt und Parteikader tätlich angegriffen wurden. Gegendemonstrationen der KPCh blieben wirkungslos, so dass die Polizei die Unruhen blutig niederschlug. Maos Aufruf zur Kritik an Einzelmissständen hatte sich somit zu einer umfassenden, das politische System Chinas in seinen Grundfesten bedrohenden, oppositionellen Widerstandsbewegung ausgeweitet.17

Um das System zu retten, musste die Bewegung abgebrochen werden. Kurzerhand korrigierte Mao den Text seiner Auftaktrede zur "Hundert-Blumen-Bewegung" und fügte eindeutige Kriterien ein, wo die Kritik der Massen ihre Grenzen überschreite. Diese Neufassung wurde am 18. Juni 1957 über die Nachrichtenagentur NCNA veröffentlicht. Damit machte die Parteiführung klar, dass alle Kritik der vergangenen Wochen die "Grenzen" überschritten hatte, und somit ein "Widerspruch zwischen dem Feind und uns" entstanden war, der mit den Mittel der Diktatur und Zwangsgewalt zu lösen sei. Der "Klassenkampf gegen die bourgeoisen Rechtsabweichler" war eröffnet.18

Die nächste Sitzung des NVK am 26. Juni 1957 wurde bereits zum ersten Tribunal über die führenden Köpfe der Opposition. Die Minister der nichtkommunistischen Minderheitsparteien wurden ihrer Ämter enthoben und zahlreiche nichtkommunistische Intellektuelle wurden zu demütigenden Selbstbezichtigungen vor dem Kongress gezwungen. Drei Führer der Studentenbewegung wurden im August von einem "Massengericht" zum Tode verurteilt. Hinrichtungen blieben jedoch die Ausnahme. Über 550 000 "Rechtsabweichler" wurden bis zum Winter 1957 in einer gross angelegten Säuberungskampagne "Erziehung durch Arbeit" auf unbestimmte Zeit in Zwangsarbeitslager deportiert.19

Es gelang der Parteiführung die Kontrolle über das Land zurückzugewinnen und den Zusammenhalt der oppositionellen Kräfte zu zerschlagen. Dennoch zeigten die Ereignisse im Umfeld der "Hundert-Blumen-Bewegung" deutlich, dass die Führung nicht mehr mit dem Konsens wesentlicher Führungsgruppen rechnen konnte. Aus diesem Grund verstärkten sich immer mehr die Tendenzen zu einem radikalen innenpolitischen Wechsel. Während bisher grosser Wert darauf gelegt wurde, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung schrittweise und in Anerkennung der "objektiven Bedingungen" zu vollziehen, sollte jetzt eine auf die Massenmobilisierung von Arbeitskräften gegründete energische Beschleunigung des Entwicklungstempos wieder ein kommunistisches Bewusstsein im chinesische Volk wecken.20

 

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