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Projektgruppe Model United Nations, München 2000 |
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Die "Große Proletarische Kulturrevolution" - Hintergründe,
Verlauf und Auswirkungen - Evi Zingraf
II. Die Vorgeschichte der Grossen Proletarischen Kulturrevolution
| A. Die "Hundert-Blumen-Bewegung" |
B. Der "Grosse Sprung nach vorn" und die Wirtschaftskrise
C. Der Weg zur Kulturrevolution
A. Die "Hundert-Blumen-Bewegung"
Wie in der Einleitung dargelegt, bezieht sich die permanente Revolution
im Sinne Mao Zedongs immer auf Massnahmen zur Lösung von Widersprüchen, solange
bis es keine mehr gibt und die Gesellschaft das Stadium des Kommunismus erreicht
hat. Mit der sogenannten "Hundert-Blumen-Bewegung" begann 1957 die grundsätzlich
kulturrevolutionär geprägte Periode bis zum Tode Maos 1976, die er mit einer
vierstündigen Rede "Über die richtige Behandlung von Widersprüchen im Volk"
auf einer erweiterten Sitzung der "Obersten Staatskonferenz" einleitete. Ziel
war dabei, die Wiederbelebung der Ideologie zu fördern und so "das Kampffeld
einzuengen und das Erziehungsfeld zu erweitern". Das Bild der "Hundert Blumen"
stand in dieser Kampagne für das Aufblühen kritischer Meinungen, die das System
voranbringen sollten auf dem Weg zur vollkommenen kommunistischen Gesellschaft
und eine kommunistische "Sozialisierung des Denkens" im Volk bewirken.14
"Widersprüche im Volk" können im Sinne Maos nur in der offenen
Diskussion ausgeräumt werden, weshalb er in seiner Rede vor allem Nichtkommunisten
dazu aufrief, ihre Kritik an den Parteikadern offen auszusprechen. Sichere Kriterien
für die Grenzen dieser Kritik nannte das Staatsoberhaupt in der ursprünglichen
Fassung dieser, im wahrsten Sinne des Wortes, "revolutionären" Rede allerdings
nicht.15
Die potentiellen Kritiker reagierten mit äusserster Zurückhaltung
auf die Einladung Maos, so dass die KPCh in einer Direktive des Zentralkomitees
(ZK) zur Abhaltung von Diskussionsforen aufrief, auf denen Angehörige der Minderheitsparteien
und Parteilose "in voller Freiheit" ihre Meinung äussern sollten. Insgesamt
elf dieser Foren fanden vom 8. Mai bis zum 3. Juni in Peking statt, auf denen
die Kritik auch schliesslich in vollem Umfang einsetzte und sich schnell auch
in andere Städte ausbreitete - besonders nach Shanghai und Tienchin. Um die
Monatswende Mai/Juni verschärfte sich die Kritik so stark, dass ein Katalog
grundlegender Forderungen zur Änderung der Politik der KPCh entstand. Er umfasste
die folgenden sieben Punkte:
- Verminderung, wenn nicht Beseitigung, des Einflusses der KPCh auf Literatur,
Kunst und Wissenschaft;
- Aufhebung der Beschränkung des Werbebereichs der nichtkommunistischen Einheitsfrontparteien
auf bestimmte Bevölkerungsgruppen;
- Berufung von mindestens einem nichtkommunistischen Vizepremiers;
- Umwandlung der Beratenden Politischen Volkskonferenz, in der die Nichtkommunisten
stärker vertreten waren als die KPCh, aus einem rein beratenden Gremium in
eine neben dem Nationalen Volkskongress (NVK) entscheidende zweite Kammer;
- Aufhebung der einseitigen aussenpolitischen Bindung an die Sowjetunion;
- Beendigung der Einparteienherrschaft und freie Konkurrenzwahlen;
- Rücktritt Mao Zedongs und der kommunistischen Führungsgruppe.16
Die harten Angriffe gegen die kommunistische Führung der Volksrepublik
blieben jedoch nicht nur auf die "Intelligenz" beschränkt. Die Rebellion gegen
das bestehende System breitete sich auch schnell unter den Arbeitern und Bauern
aus, mit der Konsequenz, dass es in zahlreichen Provinzen zu Austrittsbewegungen
aus den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), zu Sabotageakten
und Unruhen in vielen Dörfern kam. Besonders alarmierend für die Parteiführung
war die wachsende Heftigkeit mit der sich die Bewegung ab Mitte Mai auch auf
die Studenten ausdehnte. Die Nationale Peking Universität, die "Peita", wurde
zur Hochburg der studentischen Opposition, die sich expressis verbis auf die
"4. Mai Bewegung" der Studenten von 1919 bezog. Die Welle der studentischen
Protestbewegungen eskalierte schliesslich in der zentralchinesischen Industriemetropole
Wuhan am 12. und 13. Juni 1957, als Tausende von Studenten und Oberschülern
in den Strassen demonstrierten, die kommunistischen Parteibüros gestürmt und
Parteikader tätlich angegriffen wurden. Gegendemonstrationen der KPCh blieben
wirkungslos, so dass die Polizei die Unruhen blutig niederschlug. Maos Aufruf
zur Kritik an Einzelmissständen hatte sich somit zu einer umfassenden, das politische
System Chinas in seinen Grundfesten bedrohenden, oppositionellen Widerstandsbewegung
ausgeweitet.17
Um das System zu retten, musste die Bewegung abgebrochen werden.
Kurzerhand korrigierte Mao den Text seiner Auftaktrede zur "Hundert-Blumen-Bewegung"
und fügte eindeutige Kriterien ein, wo die Kritik der Massen ihre Grenzen überschreite.
Diese Neufassung wurde am 18. Juni 1957 über die Nachrichtenagentur NCNA veröffentlicht.
Damit machte die Parteiführung klar, dass alle Kritik der vergangenen Wochen
die "Grenzen" überschritten hatte, und somit ein "Widerspruch zwischen dem Feind
und uns" entstanden war, der mit den Mittel der Diktatur und Zwangsgewalt zu
lösen sei. Der "Klassenkampf gegen die bourgeoisen Rechtsabweichler" war eröffnet.18
Die nächste Sitzung des NVK am 26. Juni 1957 wurde bereits zum
ersten Tribunal über die führenden Köpfe der Opposition. Die Minister der nichtkommunistischen
Minderheitsparteien wurden ihrer Ämter enthoben und zahlreiche nichtkommunistische
Intellektuelle wurden zu demütigenden Selbstbezichtigungen vor dem Kongress
gezwungen. Drei Führer der Studentenbewegung wurden im August von einem "Massengericht"
zum Tode verurteilt. Hinrichtungen blieben jedoch die Ausnahme. Über 550 000
"Rechtsabweichler" wurden bis zum Winter 1957 in einer gross angelegten Säuberungskampagne
"Erziehung durch Arbeit" auf unbestimmte Zeit in Zwangsarbeitslager deportiert.19
Es gelang der Parteiführung die Kontrolle über das Land zurückzugewinnen
und den Zusammenhalt der oppositionellen Kräfte zu zerschlagen. Dennoch zeigten
die Ereignisse im Umfeld der "Hundert-Blumen-Bewegung" deutlich, dass die Führung
nicht mehr mit dem Konsens wesentlicher Führungsgruppen rechnen konnte. Aus
diesem Grund verstärkten sich immer mehr die Tendenzen zu einem radikalen innenpolitischen
Wechsel. Während bisher grosser Wert darauf gelegt wurde, wirtschaftliche und
gesellschaftliche Umgestaltung schrittweise und in Anerkennung der "objektiven
Bedingungen" zu vollziehen, sollte jetzt eine auf die Massenmobilisierung von
Arbeitskräften gegründete energische Beschleunigung des Entwicklungstempos wieder
ein kommunistisches Bewusstsein im chinesische Volk wecken.20
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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