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Projektgruppe Model United Nations, München 2000 |
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Die Institutionelle Struktur der VR China und
ihre Abhängigkeit von personalpolitischen Konstellationen
- Jakob Hort
II. Die Institutionelle Struktur der VR China und ihre Abhängigkeit von personalpolitischen
Konstellationen
B. Der politische Prozess und seine Abhägigkeit von den führenden Persönlichkeiten
1. Der Staat unter Mao Zedong
In der Art, wie Mao Zedong die Macht erlangt hatte, durch einen "Volkskrieg",
einer Vermischung militärischer Operationen mit sozialpolitischer Massenmobilisierung,
so verfährt er auch nach der Gründung der VR China, um seine Herrschaft
und die der KPCh zu verteidigen. Dieser Stil ist gekennzeichnet von Anpassung
der marxistischen Klassenkampf-Ideologie auf die chinesischen Verhältnisse,
von Massenmobilisierung und chinesischem Nationalismus. Zu Anfang war es ihm
dadurch gelungen, die Zustimmung breiter Bevölkerungsschichten zu erhalten,
später konnte er damit zumindest Widersacher und Oppositionelle ausschalten.46
Als Mao Zedong sich als führende Persönlichkeit in der VR China etablierte,
hatte er dabei natürlich ungleich bessere Voraussetzungen als seine Nachfolger.
Schließlich war das System selbst stark mit seiner Person verbunden und
diejenigen, die seine Institutionen trugen, verdankten zumeist Mao selbst ihre
Position.
Nachdem aber das Vertrauen in die Führung und die Unterstützung der
Massen verspielt war, erwies sich das Herrschaftssystem zwar als stabil, aber
ebenso statisch und unfähig, sich neuen Situationen anzupassen. In dem
streng hierarchischen System wurden die Entscheidung auf die nächst höhere
Führungsebene verlagert und zunehmend personalisiert. Dadurch konnten sich
keine institutionellen Verfahren entwickeln, Misstrauen von oben nach unten
und von unten nach oben führte zu verstärkter Kontrolle und wiederum
weniger Vertrauen.47
Auf der einen Seite kam es immer wieder zu großen Krisen, die Hungersnot
1962 und das Misslingen des "Großen Sprungs", die "Kulturrevolution" und
ihre Wirren und schließlich die "Diadochenkämpfe" um seine Nachfolge
seit Beginn der 70er Jahre. Diese Krisen waren von Mao und seiner Politik maßgeblich
verschuldet, warfen China in seiner Entwicklung jedesmal weit zurück und
arteten immer in innerparteiliche Kämpfe, Terror und Massenverfolgung aus.
Auf der anderen Seite überstand Mao Zedong diese Krisen und ging letztlich
doch als Sieger aus ihnen hervor. Die Krise des Staates und des Systems selbst
wurde aber dadurch nur verschoben, eine Lösung hinausgezögert.
Ganz im Stile der ideologischen Massenkampagnen war auch der Mao-Kult, der
zuletzt um ihn inszeniert wurde, und wieder ein Versuch war, seine Position
durch Propaganda zu stärken. Welche Wirkung diese Kampagnen in der Tat
entwickelten, ist auch daran zu erkennen, wie legendär sein Ruf auch heute
noch ist.
" Als in der Nacht vom 8. auf den 9. September 1976 Mao Zedong
starb, jener Mann, der nicht nur für viele Chinesen, sondern auch für
die übrige Welt zur Inkarnation Chinas geworden war, ging für China
eine Epoche zu Ende. Mit dem Namen Mao ist Chinas Aufstieg zur Weltmacht verbunden.
Auch wenn seit dem Ende der 80er Jahre öffentlich diskutiert werden kann,
welche Fehler und Versäumnisse ihm zuzurechnen sind, auch wenn mit seinem
Namen viele Millionen Opfer verknüpft sind, steht China doch bis heute
im Schatten seines Ruhms. Im Ausland trat unter allen Facetten dieser vielschichtigen
Figur am deutlichsten die Etikettierung Maos als 'Chinas letzter Kaiser' oder
als 'Chinas neuer Kaiser' hervor, ein Bild, das von manchen chinesischen Dissidenten
und Exilchinesen bekräftigt wurde."48
2.Der Staat unter Deng Xiaoping
Ende der 70er Jahre war die VR durch die jahrelangen innerparteilichen Streitigkeiten
und den Schrecken des "Kulturkampfes" in eine tiefe Krise geraten, die Glaubwürdigkeit
der Partei und ihrer Ideologie erschöpft. Mit Deng Xiaoping kam 1978, durch
die Unterstützung des Militärs, schließlich ein Mann an die
Spitze, dem es gelang, mit neuem Programm und neuer politischer Legitimationsbasis
auch dem Staat wieder ein neues Gesicht zu verleihen. Dengs Politikstil entsprach
dabei auch ganz seiner Persönlichkeit, statt mit lauten, großen Schritten
zu verändern, blieb er lange im Hintergrund und zog die Fäden für
eine langsame, gradualistische Reformpolitik.49
Mit Deng Xiaoping hatte sich schließlich die Faktion der KPCh durchgesetzt,
die die Unterstützung der Menschen durch schrittweise Verbesserung der
wirtschaftlichen Lage zu erreichten suchte und sich von der Strategie Maos,
den ideologischen Massenkampagnen, der Umerziehung und dem Klassenkampf, abwandte.
Das Reformziel war eine schrittweise Anhebung des Lebensstandards durch marktwirtschaftliche
Methoden, ohne dabei zuviel Individualismus und Interessenpluralismus zuzulassen.50
Für Deng Xiaoping wurde es natürlich zunehmend problematisch, das
Verhältnis von ideologischen Ansprüchen und der realen Entwicklung
zu rechtfertigen. Offensichtlich war, "dass die chinesische Reformpolitik durch
eine fundamentale Kluft zwischen politischen Grundwerten und instrumentalistischen,
also zweckorientiertem Staatshandeln gekennzeichnet ist, eine Kluft, die in
der Person Deng Xiaopings musterhaft verkörpert wird."51
Die Umstellung auf den neuen politischen Kurs wurde durch das Kadersystem,
das erhalten blieb, erleichtert, da es ebenso flexibel wie abhängig von
Führung war. Dazu ging man unter Deng Xiaoping dazu über, die staatliche
Autorität durch Aufbau einer militärisch ausgerüsteten Polizeimacht
und Anwendung repressiver Maßnahmen zu sichern. Begründet wurde dies
mit der Notwendigkeit von Stabilität und staatlicher Autorität in
Zeiten eines wirtschaftlichen Transformationsprozesses.52
Innerhalb der KPCh gründete sich Dengs Autorität, die freilich niemals
so groß war wie die Mao Zedongs, auf seinen zurückhaltenden Politikstil,
seine jahrelange Erfahrung in Partei, Militär und Staatsapparat und gezielte
Förderung ihm loyal Ergebener. Dazu kam, dass seine schrittweisen Reformen
Erfolge zeigten und so seine Legitimation weiter vergrößerten. Symptomatisch
ist, dass nach 1989 Deng Xiaoping überhaupt keine Position in Staat oder
Partei mehr bekleidete, ohne dass dies seine Autorität und Entscheidungskompetenz
beeinträchtigt hätte.53
3.Der Staat unter Jiang Zemin
Jiang Zemin, der seit 1985 Bürgermeister von Shanghai war, hatte geschickt
und unbelastet die Frühjahrskrise von 1989 überstanden, was seinen
weiteren Weg erleichtert hat. Ein Sprungbrett war für ihn dann im Herbst
1989 der Posten des Generalsekretärs des Zentralkomitees der KPCh und das
Amt des Vorsitzenden der Militärkommission, in dem er Deng Xiaoping 1990
folgte.54
Seit 1993 wurden unter Jiang Zemin die eingeleiteten Reformen verstärkt
fortgeführt und Schritte, die noch unter Deng gescheitert waren, durchgesetzt.55
Auch der autoritäre Stil, der die Macht des Staates als wichtigste Voraussetzung
für ökonomischen Fortschritt verteidigt, wurde unter Jiang Zemin beibehalten,
eine parallele politische Reform weiterhin verweigert.56
Jiang Zemin ist es nicht gelungen, aus dem Schatten seiner Vorgänger zu
treten. Wahrscheinlich waren seiner Karriere, neben der Förderung durch
Deng Xiaoping, gerade seine bürokratische Laufbahn ("Technokrat") und seine
fehlende Basis in der Armee zum Vorteil. Mit dieser relativ schwachen Stellung
konnte er zu Beginn seiner Führung niemandem gefährlich werden und
war so ein idealer "Kompromisskandidat".57
Im weiteren Verlauf hat er es dann verstanden, sich im bestehenden politischen
System durch Vermeidung von politischen Krisen und erfolgreicher wirtschaftlicher
Entwicklung zu etablieren. Die Stabilität seiner Herrschaft und seine persönliche
Autorität zeigen sich auch darin, dass Jiang mittlerweile mehr als zehn
Jahre, länger als jeder vor ihm, Generalsekretär der KPCh ist. Die
Basis von Jiang Zemins Erfolg wird aber durchaus kritisch betrachtet:
" Zwar hat Jiang Zemin mehr Leitungspositionen auf sich vereinigt
als irgendein Parteiführer zuvor, um zu verhindern, dass sich eine konkurrierende
Machtbasis etablieren kann; gleichzeitig beruht die relative Stabilität
der Zentrale seither jedoch auf einem Kompromiss zwischen verschiedenen Netzwerken,
die Macht des Kadersystems zu erhalten und zu verteidigen, sowie eine dem ausländischen
Kapital gegenüber offenere Wirtschaftsstruktur zu entwickeln, die bei moderaten
Anpassungen unter der Kontrolle des Kadersystems bleibt und es allen Beteiligten
erlaubt, selbst und mit ihren Verwandten und Schützlingen vor allem an
den Kontaktstellen mit dem Weltmarkt auch direkt zu profitieren."58
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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