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Die Außenwirtschaftspolitik der VR China - Uwe Böwer

  I     II     III     IV     Inhaltsverzeichnis des Artikels

I. Die Wirtschaftsgeschichte: China - eine Handelsnation ?

B. Die chinesische Demütigung: Vom Gipfel der Zivilisation zum Entwicklungsland

Über den Außenhandel im traditionellen China gibt es kein gesichertes Zahlenmaterial. Offenbar war sein Umfang eher gering und bestand hauptsächlich aus der Ausfuhr von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und der Einfuhr von Luxusgütern. Der Grund für einen solch niedrigen Anteil lag unterdessen nicht in der Unfähigkeit, Exportgüter herzustellen oder einen Handel mit ausländischen Partnern zu organisieren. Vielmehr herrschte in China ein außergewöhnlicher Reichtum an natürlichen Ressourcen, der eine weitgehende Selbstversorgung und damit Unabhängigkeit von äußeren Partnern ermöglichte.

Darüber hinaus ist in diesem Zusammenhang das chinesische Selbstverständnis der damaligen Zeit in Betracht zu ziehen. Über den größten Teil der letzten 2000 Jahre - vom 7. bis ins 17. Jahrhundert - war China die fortgeschrittenste Zivilisation der Welt, sowohl in politischer und kultureller, als auch in wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht. Die großen Dynastien dieser Zeit brachten revolutionäre Erfindungen wie Papier oder Schießpulver hervor und beherrschten bis ins 15. Jahrhundert als Seemacht die Meere ihrer Region. Daher verstanden sich die Chinesen als die Zivilisation schlechthin und waren tatsächlich an ihren Grenzen ausschließlich von Völkern niedrigerer Kulturstufe umgeben. Aus dieser Zeit stammt die Vorstellung, auch geographisch die Mitte der Erdoberfläche zu bewohnen - Begriffe wie "Reich der Mitte" oder "Kulturblüte der Mitte" etablierten sich.

Der Außenhandel wurde somit in Übereinstimmung mit diesen gesellschaftlichen und politischen Auffassungen jener Zeit als eine Form des interregionalen Tributhandels angesehen. Wer mit China in wirtschaftliche Beziehungen eintreten wollte, mußte zunächst vor dem Kaiser "seinen Kotau machen" und sich zu seinem Vasallen erklären.

Erst im 18. Jahrhundert veränderte sich die internationale Wirtschaftslage Chinas. Die Europäer hatten China inzwischen in den Naturwissenschaften und in der Technologie überholt und wirkten nun von außen auf die chinesische Wirtschaft ein. Zwischen Großbritannien, Indien und China entstand ein reger Dreieckshandel, in dem der Opiumimport nach China eine immer größere Rolle spielte. Die Entwicklung des mechanisierten Transports und das rasche Wachstum der europäischen Wirtschaft machten die Ausweitung des chinesisch-europäischen Handels zu einem zentralen Ziel der westlichen Außen- und Handelspolitik des frühen 19. Jahrhunderts.

Just in dieser Zeit stürzte das große China jäh in abgrundtiefe Armut und Schande ab.

Die wesentliche Ursache dafür bestand jedoch weniger im Einfluß des westlichen Imperialismus, sondern vielmehr in innerchinesischen Schwierigkeiten. Die landwirtschaftliche Produktion konnte mit dem explosionsartigen Bevölkerungsanstieg nicht mithalten - von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die chinesische Bevölkerung von 250 auf 400 Millionen. Die Folge bestand in einer dramatischen Verarmung der Bauern, welche gewaltige Aufstände nach sich zog. Allein die Taiping-Revolution zwischen 1850 und 1864 forderte mehr als 20 Millionen Menschenleben und zerstörte mit dem Yangtse-Delta und dem Gebiet am Unterlauf des Yangtse das Zentrum der damaligen chinesischen Wirtschaft. China verwandelte sich in ein Armenhaus.

Engländer, Franzosen und später auch Deutsche, Amerikaner, Russen und Japaner machten sich die Schwäche der Chinesen zu nutze. Als der chinesische Kaiser den Opiumhandel der britischen East India Company unterbinden wollte, erklärte England 1840 den Krieg und erzwang im Vertrag von Nanjing die Öffnung der südchinesischen Häfen. Nach und nach besetzten die Europäer, Amerikaner und Japaner fast alle Häfen an der chinesischen Süd- und Nordküste. Extraterritoriale Enklaven wie Hong Kong wurden errichtet, Chinesen systematisch ausgegrenzt.

Diese historischen Tatsachen sind zum Verständnis des heutigen China unerläßlich - auch im Bereich der Außenwirtschaftspolitik. Erst die Rückgabe Hong Kongs an die VR China am 1. Juli 1997 wurde von den Chinesen als symbolischer Abschluß der Demütigungen aufgefaßt, die sich als Trauma im Gedächtnis eines jeden Chinesen eingebrannt haben.

 
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