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Projektgruppe Model United Nations, München 2000 |
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Chinas Rolle in den Vereinten Nationen - Nicole
Alecu de Fler
II. Chinas Rolle in den VN nach seinem Beitritt im Jahre 1971
A. Überblick und geschichtlicher Abriß von Chinas
Rolle in den VN nach seinem Beitritt
1. Pekings Rolle in den Vereinten Nationen
zwischen 1971 und 1989
"Die Volksrepublik China verfügt mit ihrem ständigen
Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und der Atombombe über
wichtige äußere Attribute einer Großmacht. Sie hat diesen
Anspruch bis in die achtziger Jahre kaum einlösen können, weil ihr
Wirtschaftspotential ideologisch gefesselt war und der sino-sowjetische Konflikt
ihren außen- und sicherheitspolitischen Handlungsspielraum begrenzte."14
Die Rolle der Volksrepublik China in den Vereinten Nationen vom
Zeitpunkt seiner Aufnahme bis in die achtziger Jahre kann also als eine wenig
einflußreiche, als die einer lediglich "potentiellen Großmacht"15
beschrieben werden. Sie versuchte zwar, über die Vereinten Nationen ihre
Propaganda im sino-sowjetischen Konflikt zu verbreiten, verfolgte aber ihre
wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen überwiegend nicht
im Rahmen der Vereinten Nationen, sondern außerhalb dieses Rahmens.
Es ist in diesem Zusammenhang auch interessant zu erwähnen,
daß die USA angesichts des Kalten Krieges eine "strategische Partnerschaft"
mit China eingegangen waren, und somit darauf verzichtet hatten, ordnungspolitische
Defizite Chinas, wie z.B. im Hinblick auf Menschenrechte, zu thematisieren,
was China eine relativ unabhängige Rolle gab und dazu führte, daß
China sich im Rahmen der Vereinten Nationen nicht mit derartigen Weltordnungsfragen
beschäftigen mußte.
Die Rolle, die die Volksrepublik China in den Vereinten Nationen
während der 1970er Jahre spielte, war demnach sehr selektiv und symbolisch;
dies zeigte sich auch darin, daß, obwohl China die Möglichkeit hatte,
allen Sonderorganisationen des System der Vereinten Nationen beizutreten, es
zunächst nur acht der Sonderorganisationen beitrat.
China verfolgte außerdem weiterhin die zwei Ziele, die es
schon vor seiner Aufnahme formuliert hatte: als einziger legitimer chinesischer
Staat sowie als Großmacht anerkannt zu werden. In dieser Hinsicht blieb
die Rolle der Volksrepublik China in den Vereinten Nationen demnach relativ
unverändert.
Des weiteren schrieb die Volksrepublik China sich auch weiterhin
die Rolle des Fürsprechers der Dritten Welt in den Vereinten Nationen zu,
indem es nach wie vor alle Vorschläge der Entwicklungsländer befürwortete16 ,
und benutzte die Weltorganisation – bei übrigens geringem finanziellen
und politischen Aufwand – als eine Plattform für ihre Propaganda im Nord-Süd-Konflikt.
"Beijing treated the United Nations as a legitimizing
dispenser of normative claims for the Third World rather than as a vehicle
for promoting Chinese national interests and as an arena for antihegemonic
(anti-Soviet) and to a lesser extent anti-U.S. struggle rather than as a functional
actor in the service of Chinese development."17
Chinas Rolle war außerdem zunächst eher auf eine Systemreformation
hin gerichtet; dies wurde zum Beispiel sehr auf der sechsten Sondertagung der
Generalversammlung im April 1974 deutlich, auf der zwei Resolutionen mit historischer
Bedeutung bezüglich einer neuen Weltwirtschaftsordnung (new international
economic order – NIEO) angenommen wurden.18
Erst in den 1980er Jahren erweiterte China seine Rolle im System
der Vereinten Nationen, indem es praktisch allen wichtigen internationalen Regierungsorganisationen
(international governmental organizations – IGOs) des Systems der Vereinten
Nationen beitrat, insbesondere der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds
(IWF).
"Even more revealing was the astonishing 14-fold growth
in international nongovernmental organization (NGO) membership in 1977 to
1996 (from 71 in 1977 to 1,079 in 1996)."19
Auf die Rolle Chinas in Nicht-Regierungsorganisationen (non-governmental
organizations – NGOs) und internationalen Nicht-Regierungsorganisationen (international
non-governmental organizations – INGOs) soll im folgenden in einem separaten
Gliederungspunkt 2.3 eingegangen werden.
Erst zu dieser Zeit nahm die Volksrepublik China also auch eine
bedeutendere Rolle in den unzähligen Aktivitäten der vielen internationalen
Organisationen an. Gleichzeitig richtete China seine Rolle von diesem Zeitpunkt
an nicht mehr auf die Reform, sondern vielmehr auf die Erhaltung des Systems
der Vereinten Nationen. Anläßlich des 40-jährigen Jubiläums
des Bestehens der Vereinten Nationen im Jahre 1985 wurden vor der Generalversammlung
vom chinesischen Premierminister Zhao Ziyang sogar die Universalität und
Bedeutung der Vereinten Nationen lobend hervorgehoben.
2. Chinas Rolle in den Vereinten Nationen
nach dem Ende des Kalten Krieges
Mit Ende des Kalten Krieges kam der Volksrepublik China eine aktivere
Rolle in den Vereinten Nationen zu. Das Spektrum der möglichen Aktivitäten
Chinas erweiterte sich, und es wurde nunmehr – mit dem Ende der "strategischen
Partnerschaft" mit den USA - von ihm erwartet, daß es sich eingehender
mit internationaler Ordnungspolitik auseinandersetzte und sich auch zu Weltordnungsfragen
äußerte.
Sowohl die Vorschläge Michail Gorbatschows in den späten
1980er Jahren für ein umfassendes internationales Sicherheitssystem als
auch eine Reform der Vereinten Nationen zu Lasten des Souveränitätsprinzips
wären für die Volksrepublik China inakzeptabel gewesen. Stattdessen
hatte China - in Übereinstimmung mit den Äußerungen des damaligen
chinesischen Premierministers Zhao Ziyang anläßlich der Feiern zum
vierzigsten Gründungstag der Vereinten Nationen 1985 – gefordert, daß
die Vereinten Nationen sich auf die Wahrung des Weltfriedens, das Eingreifen
gegen bewaffnete Aggressionen eines Landes gegen ein anderes, die Umgestaltung
der Weltwirtschaftsordnung konzentrieren.20
"China hat in den neunziger Jahre innerhalb und außerhalb
des Systems der Vereinten Nationen versucht, der beginnenden Debatte um eine
Weltinnenpolitik und dem drohenden Verlust seiner provisorischen Großmachtrolle
mit einem multipolaren Gegenentwurf zu begegnen, der Fortschritt in bestimmten
Bereichen von einer Verständigung mit anderen Großmächten
abhängig macht."21
Damit wurde deutlich, daß China seiner Rolle als "Bekämpfer"
des Hegemonismus zwar rhetorisch, aber nicht mehr so sehr durch seine Taten
gerecht wurde, was gelegentlich hinter den Kulissen zu Spannungen mit Vertretern
der Blockfreien und der Gruppe der 77 führte.
Im Großen und Ganzen ist Chinas allgemein positive Ansicht
über die Vereinten Nationen in den Jahren nach dem Ende des Kalten Krieges
und den Tiananmen-Vorfällen erhalten geblieben, wenn nicht sogar gestärkt
worden, und China hat eine aktivere Rolle übernommen. So nahm der chinesische
Premierminister Li Peng in dem ersten Sicherheitsratsgipfel im Januar 1992,
dem ersten Earth Summit in Rio 1992 und dem ersten Weltgipfel über Social
Development in Kopenhagen 1995 teil. Außerdem wohnte der chinesische Präsident
Jiang Zemin den Feierlichkeiten zum 50. Gründungstag der Vereinten Nationen
in New York im Oktober 1995 bei.
Wie in den nächsten Abschnitten noch dargelegt wird, definiert
China selbst seine Rolle in den Vereinten Nationen in den letzten Jahren auch
durch folgende Merkmale:
"China will not enter into alliances with any countries,
but can coordinate with different sides, and can say and dare to say what
others cannot easily or dare not say. China enjoys high fame and plentiful
friends in the U.N." 22
Obwohl gewisse Abneigungen bzw. Sympathien zu verschiedenen Blöcken
und Gruppierungen innerhalb der VN seine Rolle stark bestimmten, schloß
sich China von Anfang an bewußt keinem Block an, sondern wollte die Rolle
eines möglichst unabhängigen Akteurs spielen. Diese Haltung trug China
von einigen Beobachtern die Bezeichnung "Group of One" ein.
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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