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Die sino-russischen Beziehungen nach dem Ende des Kalten Krieges - Christina Wegener

  I     II     III     IV     V     VI     Inhaltsverzeichnis des Artikels

II. Die Entwicklung der bilateralen Beziehungen nach 1989

Der Zerfall der Sowjetunion ereignete sich in einer Situation, in der sich die Beziehungen zwischen den beiden Großmächten nach Jahrzehnten der Konfrontation wieder zu verbessern schienen. Eingeleitet wurde die Entspannung durch die Rede Gorbatschows in Wladiwostock. Sie zeigte sich auch an Kontakten zwischen den Volksvertretungen, zwischen hohen Militärs, Vertretern der Massenorganisationen und besonders in der Normalisierung der Kontakte der kommunistischen Parteien der beiden Länder, die im Februar 1991 wieder offizielle Beziehungen aufnahmen. Auch hatte der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) schon 1989 die chinesische Hauptstadt zu einem Gipfeltreffen mit Staatspräsident Deng Xiaoping besucht. Die chinesische Führung drängte hier vor allem auf die Beseitigung der drei Hindernisse: Den Abzug der russischen Truppen aus Afghanistan, die Reduzierung der Truppen in den Grenzgebieten zu China und zur Mongolei und den Rückzug Vietnams aus Kambodscha, auf den Rußland entscheidenden Einfluß hatte. Besonders wichtig ist das Treffen 1989 vor dem Hintergrund des Tiananmen-Massakers. Im darauffolgenden Jahr besuchte dann der chinesische Premier seinen Kollegen in Moskau. Bei einem weiteren Besuch der Sowjetunion im Mai 1991 verabschiedeten die Parteichefs Jiang Zemin und Gorbatschow ein 18-Punkte Kommuniqué, in dem u.a. von "Freundschaft, Zusammenarbeit und guter Nachbarschaft"3 die Rede war.

Die Intention beider Staaten war es, die militärische, wirtschaftliche und politische Kooperation auszubauen. Chinas Umwerben des Nachbarn begann schon vor der Gründung der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) am 21.12.1991. Im März 1991 schon gewährte die Volksrepublik der Sowjetunion einen Warenkredit in Höhe von 1,15 Mrd. DM.

Das Scheitern des Moskauer Putsches vom August 1991 enttäuschte letzte Hoffnungen Chinas auf Rettung des sowjetischen Sozialismus. Doch die Geschwindigkeit der Ereignisse zwang Beijing zu schnellem Handeln. Der neue Kurs wurde bereits im Dezember 1991 abgesteckt: Grundsätzlich strebte man nach "gut nachbarlichen Beziehungen" und wollte sich unter keinen Umständen in die inneren Angelegenheiten der neuen Nachbarstaaten einmischen.4

Die VRC beeilte sich, die neu entstandenen Staaten anzuerkennen und diplomatische Beziehungen aufzunehmen: Schon am 7. September wurden die drei baltischen Staaten, etwas später die 15 Nachbarstaaten der Sowjetunion und am 27. Dezember auch die Russische Föderation offiziell anerkannt.

Am 29.12.1991 unterzeichneten China und Rußland ein Memorandum über ihre künftigen Beziehungen, um die außenpolitischen Erfolge zu sichern, die unter Gorbatschow zustande gekommen waren. Dies geschah anläßlich ihres ersten diplomatischen Kontakts. Die Prinzipien, die in den beiden sino-sowjetischen Kommuniqués von 1989 und vom Mai 1991 (das erwähnte 18 Punkte Kommuniqué) vereinbart worden waren, sollten weiter gelten. Auch wollten sich beide Seiten an bisher geschlossene Verträge und Abkommen halten. Allerdings wurde noch keine Taiwan-Klausel aufgenommen. Das mag als russische Antwort auf die anfänglich extrem negative chinesische Berichterstattung über den Machtwechsel in Moskau verstanden werden.

Es folgte eine rasche Ausdehnung der Kooperation - ökonomisch, technisch, politisch, kulturell und militärisch. Im Dezember 1992 besuchte Boris Jelzin die Volksrepublik zum ersten Mal. Insgesamt wurden 24 Verträge und Abkommen zur Vertiefung der bilateralen Kooperation unterzeichnet.

Am 18.12.1992 verabschiedeten sie das erste gemeinsame Kommuniqué als erstes Element des zu entstehenden imposanten chinesisch-russischen Vertragswerks. In dem Kommuniqué sind die Grundnormen des chinesischen "pluralistischen Internationalismus" verankert: "...zur Gestaltung einer neuen, stabilen gerechten und vernünftigen Ordnung auf den Prinzipien des gegenseitigen Respekts der Souveränität und territorialen Integrität, des Nichtangreifens, der Nichteinmischung und der friedlichen Koexistenz: Sie erkennen die Vielzahl der Welt und die Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten an."5 Es bezeichnet die sino-russischen Beziehungen als Semi-Bündnispartnerschaft und besagt, daß die beiden Staaten weder an einem politisch-militärischen Bündnis teilnehmen werden, das sich gegen die andere Partei richtet, noch Verträge oder Abkommen mit einem dritten Staat abschließen werden, die die nationale Souveränität oder das Sicherheitsinteresse der anderen Partei gefährden. Art.4 enthält die Verpflichtung, keinem dritten Staat zu gestatten, ihr Territorium "zur Gefährdung der nationalen Souveränität und des nationalen Sicherheitsinteresses der anderen Partei zu benutzen"6. Implizit beinhaltet diese Formulierung das russische Versprechen, sich nicht mit den USA zu verbünden (als "Entschuldigung" für Jelzins Unterstützung Amerikas gegen Irak) und weder Indien noch Vietnam gegen China zu helfen. Grundlage des Kommuniqués ist der Bilateralismus.

1994 schlug Jelzin seinem chinesischen Kollegen in einem Brief die Schaffung einer "konstruktiven Partnerschaft" vor. Anfang September 1994 (3.9.) entstand das zweite Kommuniqué bei dem Rußlandbesuch des chinesischen Staatspräsidenten Jiang Zemins. Die Semi-Partnerschaft wurde zu einer neuartigen, sich auf das 21. Jahrhundert richtenden, konstruktiven Partnerschaft erhoben. Während sie sich 1992 noch als "befreundete Staaten" bezeichnet hatten, wurde 1994 von einer "konstruktiven Partnerschaft" gesprochen. Das Kommuniqué vom 18.12.1992 verpflichtete zur Nichteinmischung, das neue Kommuniqué erweiterte die Verpflichtung zu aktivem Einsatz für die regionale Sicherheit und das Versprechen, weder Nuklearwaffen auf den Bündnispartner zu richten, noch sie als erster zu benutzen. Diese Abmachung hatte in erster Linie symbolischen Charakter.

Der Staatsbesuch des chinesischen Premierministers Li Peng vom 26.- 28. Juni 1995 in Moskau verstärkte Beijings Bemühungen um eine strategische Partnerschaft mit Jelzins Rußland. Sieben Abkommen wurden unterzeichnet, die allesamt auf eine Ausweitung der Kooperation gerichtet waren.

China zeigte Verständnis für die Operation in Tschetschenien und unterstützte Rußlands Bemühungen, in die APEC aufgenommen zu werden. Auch Rußlands chinesische Kredite aus den Jahren 1990/91 wurden verlängert. Als "Dank" unterstützte Rußland Beijings "Ein-China Politik" in Bezug auf Taiwan und die chinesische Souveränität über Tibet im Kommuniqué von 1996. Es wurde auf dem dritten Gipfeltreffen der Staatsoberhäupter verabschiedet, das im April 1996 in Beijing stattfand, direkt nach der sino-amerikanischen Konfrontation7 in Taiwan. Mit seinem Besuch manifestierte Jelzin sein Versprechen von 1992, an keinem anti-chinesischen Bündnis teilzunehmen. Bei diesem Treffen wurde als Ziel der Partnerschaft der beiden Länder ein strategisches Bündnis für das 21. Jh. genannt.

Die strategische Partnerschaft soll offiziell das Herzstück der Beziehungen sein. Sowohl von russischer als auch von chinesischer Seite wurde sie seit 1996 als solches regelmäßig beschworen. Die wichtigsten Punkte der Partnerschaft sind die Vertiefung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen, das Engagement für eine multipolare Welt, die Koordination des Vorgehens im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, die Bekräftigung des Prinzips der Nichteinmischung und der nationalen Souveränität sowie ein angestrebtes Handelsvolumen von 20 Mrd. US$ bis zum Jahr 2000.

Eine ausführliche Deklaration8 über die Multipolarisation der Welt und eine neue Internationale Ordnung entstand im April 1997 in Moskau. Sie richtete sich generell gegen hegemonistische Bestrebungen, gegen wirtschaftliche Sanktionen, gegen jegliche Intervention und damit unausgesprochen gegen die USA und die NATO, die US-Japanische Allianz und vorallem gegen den Ausschluß sowohl Rußlands als auch Chinas vom GATT bzw. der WTO9 und der G710. Der Wortlaut der Deklaration hält aber fest, daß sich das Bündnis "nicht direkt gegen ein drittes Land" richtet.

Ein weiteres gemeinsames Kommuniqué wurde am 3.9.1997 unterzeichnet. In ihm halten Rußland und China fest, daß "...sich beide Parteien gegenseitig als Großmächte betrachten, die bei der Erhaltung von Frieden und Stabilität des entstehenden multipolaren Weltsystems eine wichtige Rolle spielen." Art.4,1 verpflichtet die Parteien zu Kooperation in internationalen Angelegenheiten, und zur Verstärkung der Zusammenarbeit bei der Lösung globaler Probleme. Staats- und Parteichef Jiang Zemin sprach anläßlich der Unterzeichnung von einer Bedeutung, die weit über Bilateralismus hinaus reiche: "China und Rußland, beide als internationale Großmacht mit gewichtigem Einfluß und dem Status eines ständigen Mitglied des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, tragen eine große Verantwortung für die Bewahrung des globalen Friedens und der Stabilität. Daß beide Länder ihre internationale Kooperation verstärken und vertiefen ist für eine friedliche, stabile und prosperierende Welt von großer Bedeutung."11

Beijing hielt auch trotz der drastischen Reduzierung des russischen Einflusses auf die Weltpolitik, trotz politischer Instabilität und ökonomischer Turbulenzen an seiner Umwerbungspolitik gegenüber Moskau, an der Aufwertung Rußlands fest.

Jiang Zemin wiederholte die Aufforderung an Rußland, sich an der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung in diesem Raum zu beteiligen während seines Rußlandbesuchs.

In Rußland stießen die chinesischen Vorstellungen auf Gegenliebe: Jelzin sagte: "Rußland und China bilden eine sich ergänzende, natürliche Zone in Bezug auf Geographie, Ressourcen, Ökonomie und Humanwesen. Die geographische Lage unserer Länder und die traditionelle Freundschaft zwischen dem russischen und dem chinesischen Volk verlangen von uns, eine hoch effiziente Kooperation mit gegenseitigem Nutzen zu organisieren."12

Das letzte Treffen der beiden Staatsoberhäupter in Beijing am 9./10. Dezember 1999 kann als direkte Antwort auf die westliche Kritik an Rußlands Tschetschenien-Politik interpretiert werden. Es verdeutlicht noch einmal die Interessen der beiden Länder an den gegenseitigen Beziehungen: Die Volksrepublik bewahrt die Russische Föderation durch seine Unterstützung Jelzins Tschetschenien-Politik vor der internationalen Isolation, womit sie sich selbst größtmöglichen Spielraum für die eigenen Krisenregionen schafft.

 
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