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Die Rückkehr des "Großen Drachen": Ist China auf dem Weg zu einer Vormachtstellung in Asien?
- Elisabeth Brandstetter

  I     II     III     IV     V     VI     VII     Inhaltsverzeichnis des Artikels

V. China und sein Verhältnis zur koreanischen Halbinsel

B. Chinas Beziehungen zur Demokratischen Volksrepublik Korea

Der größte Wert, den die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) für China hatte, war der eines Pufferstaates zwischen dem westlich orientierten Südkorea und dem kommunistischen China. Die Bedeutung dieser Rolle wurde jedoch seit der Öffnung Chinas hin zum Westen und seit dem Ende des Kalten Krieges immer geringer.

Prinzipiell waren die Beziehungen zwischen Nordkorea und China immer schwierig, was auch daran nichts änderte, dass beide Länder durch ihre kommunistische Ideologie und der Intervention Chinas während des Korea-Kriegs zur Rettung der Regierung Kim Il Sungs eigentlich eng miteinander verbunden sind.71 Dies liegt vor allem daran, dass sich die DVRK ihre Unabhängigkeit ähnlich wie Vietnam durch geschicktes Taktieren während der sino-sowjetischen Spannungen weitgehend bewahrte, da sie sich "entsprechend der Angebotslage zur einen oder anderen Seite neigte."72

Darüber hinaus gibt es auch immense ideologische Differenzen zwischen den beiden Staaten: Peking hatte sich seit Mitte des Jahrzehnts mit minimalem Erfolg darum bemüht, das Nachbarland für die eigene Kombination aus wirtschaftlicher Öffnung und politischer Abschottung zu gewinnen. In Nordkorea galt dies als Verrat am Marxismus/Leninismus, und man zog es vor, sich weiter auf die eigene Kraft zu verlassen. Chinas Reformer um Deng Xiaoping hatten ihrerseits Probleme mit der dynastischen Nachfolgeregelung des Präsidenten der DRVK, Kim Il Sung, der seinen Sohn Kim Jong Il zum Staats- und Parteichef ernannt hatte.73

Trotzdem verbindet beide Staaten ein Beistandsabkommen: Nordkorea ist weltweit der letzte Staat, dessen Sicherheit vertraglich von der VR China garantiert wird. In Artikel II ihres Vertrages über "Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand" verpflichten sich beide Staaten auf gegenseitigen Beistand im Kriegsfall.74 Allerdings scheint China angesichts eines militärischen Abkommens zwischen den Vereinigten Staaten und Südkorea nicht viel auf diesen Vertrag zu geben und versucht daher, Nordkorea zu mäßigen:

"Although China is bound by a treaty to the defense of North Korea and has given Pyongyang verbal support to its commitment of reunification, in reality China has held back North Korea from using military means to that end, for fear of provoking large-scale, armed conflict that could involve China in direct military confrontation with the U.S., which is tied to South Korea´s defense by a treaty."75

Auch materiell ist Pjöngjang vom nördlichen Nachbarn abhängig: Von den jährlich in der DRVK benötigten zwei Millionen Tonnen Öl kommt etwa die Hälfte aus China, das auch 72% aller nordkoreanischen Lebensmittelimporte und 88% der Einfuhr von zur Stahlproduktion benötigtem Koks bestreitet, um einen plötzlichen Kollaps des Regimes der DRVK und somit Instabilität in der Region zu vermeiden.76 Für Peking bedeutet Nordkorea eine wirtschaftliche Hürde, da die Güter zu Freundschaftspreisen, also unter Weltmarktpreisen veräußert werden. Deswegen drängt China die nordkoreanische Regierung zu wirtschaftlichen Reformen, denen sich Pjöngjang wie schon erwähnt bis jetzt allerdings widersetzt. China ermutigt auch auf internationaler Ebene andere Staaten, eine versöhnliche Politik gegenüber die DRVK zu betreiben, Sanktionen zu lockern und statt dessen Aussichten auf wirtschaftliche Zusammenarbeit zu stellen.77

Was jedoch den Atomwaffenstatus der DRVK betrifft, so steht China aus Sicherheits- und Stabilitätsgründen nicht auf der Seite Nordkoreas: Nach Pjöngjangs Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag im März 1993 schloss China seine Grenze mit Nordkorea für zwei Wochen. Im Mai ließ Peking durch Stimmenthaltung eine Resolution des UN-Sicherheitsrates passieren, mit der Nordkorea aufgefordert wurde, die Kündigung des Atomwaffensperrvertrags rückgängig zu machen.

Die Beziehungen Chinas zu Nordkorea sind somit zweigeteilt und spiegeln gleichzeitig Pekings Priorität der wirtschaftlichen Entwicklung und der zu diesem Zweck notwendigen Stabilität der Region wider: Zum einen sieht man sich auf Grund der gemeinsamen ideologischen Ausrichtung verbunden, zum anderen wird das Verhältnis überschattet von Nordkoreas nuklearer Aufrüstung und seiner Wirtschaftspolitik.

 

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