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Die Rückkehr des "Großen Drachen": Ist China auf dem Weg zu einer Vormachtstellung in Asien?
- Elisabeth Brandstetter

  I     II     III     IV     V     VI     VII     Inhaltsverzeichnis des Artikels

IV. Das chinesisch-indische Verhältnis: Vom offenen Krieg zu einer stetigen Annäherung

B. Implikationen aus dem Verhältnis zwischen China und Indien

Angesichts der Annäherung der beiden Staaten bezüglich ihrer territorialen Streitigkeiten durch den Aufbau von vertrauensbildenden Maßnahmen stellt sich die Frage, welche Implikationen sich daraus für die künftigen sino-indischen Beziehungen folgen und welches Interesse China in der südasiatischen Region verfolgt.

Generell lässt sich feststellen, dass Chinas Politik in Südasien ebenfalls widersprüchlich erscheint: Einerseits sieht China in Indien neben Japan und Russland einen Hauptkonkurrenten, was die zukünftige Vormachtstellung bzw. Ordnungsmacht in Asien angeht. Deswegen ist China bemüht, gute Beziehungen zu Indiens Nachbarstaaten Pakistan und Myanmar aufrecht zu erhalten, um sich daraus eventuell strategische Vorteile zu verschaffen, indem es sich bei beiden Verbündeten um unmittelbare Nachbarstaaten zu Indien handelt und sich eventuell auch Zugang zum Indischen Ozean zu verschaffen.

Auf der anderen Seite jedoch ist China auch an einer Annäherung an Indien gelegen: Zum einen ist es im Interesse beider Staaten, den amerikanischen Einfluss aus Asien zurückzudrängen.62 Auch im Hinblick auf die Menschenrechtsfrage sind sich beide Länder einig, gegen eine "Verwestlichung" der asiatischen Wertvorstellungen vorzugehen. Zum anderen ist man sich auch bewusst, dass beide Staaten als die größten Entwicklungsländer in einigen Gebieten identische Ziele zu erreichen versuchen.63 So unterstützte Indien Chinas Aufnahme in die WTO, während sich China für einen ständigen Sitz Indiens im UNO-Sicherheitsrat einsetzt.64 Darüber hinaus spielt vor allem für China der ökonomische Faktor eine große Rolle, ausländische Märkte für chinesische Produkte zu erschließen und schon allein deswegen relativ gute Beziehungen zu einem so bevölkerungsreichen Land wie Indien mit einer Milliarde potentieller Konsumenten zu unterhalten.

In jüngster Zeit verschlechterten sich die sino-indischen Beziehungen jedoch auf Grund der nuklearen Aufrüstung Indiens maßgeblich. Für China bedeutet eine zusätzliche Nuklearmacht in Südasien ein kaum zu kalkulierendes Risiko nicht nur für den Frieden und die Stabilität in der Region, sondern auch für die Sicherheit des eigenen Landes, zumal Indien die Notwendigkeit für die Tests unter anderen mit der Begründung rechtfertigte, China stelle eine nukleare Bedrohung für Indien dar.65 Dies beschwört die Gefahr eines Rüstungswettlaufs herauf, an dem China zwar keinerlei Interesse haben wird, es sich jedoch auch nicht leisten kann, der indischen Aufrüstung tatenlos zuzusehen, will die Volksrepublik doch einen Stellungsgewinn Indiens in Südasien in jedem Fall vermeiden. Darüber hinaus könnte Chinas günstige Ausgangsposition in den Grenzfragen durch die nukleare Gefahr von Seiten Indiens geschwächt sein und der Entspannungsprozess einen herben Rückschlag erleiden. Eine Eskalation der Situation bleibt jedoch nach wie vor unwahrscheinlich, zumal für Indien die Auseinandersetzungen mit Pakistan im Vordergrund bleiben und an einem ernsthaften zusätzlichen Konflikt nicht interessiert sein kann.

 

Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG

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