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Die Rückkehr des "Großen Drachen": Ist China auf dem Weg zu einer Vormachtstellung in Asien?
- Elisabeth Brandstetter

  I     II     III     IV     V     VI     VII     Inhaltsverzeichnis des Artikels

IV. Das chinesisch-indische Verhältnis: Vom offenen Krieg zu einer stetigen Annäherung

A. Sino-indische Konfliktlinien

1. Die Staatenkonstellation in Südasien

Die Auseinandersetzungen zwischen China und Indien sind auf einer Reihe von Faktoren begründet, die vorrangig mit der Mächtekonstellation in Südasien und den in diesem Zusammenhang divergierenden Interessen der beteiligten Akteure zu erklären sind: Die vormalige mehr oder wenige offene Feindschaft zwischen den beiden Ländern, die seit Anfang der 80er Jahre einer schrittweisen Annäherung gewichen ist, hängt vor allem damit zusammen, dass sich die Staaten als regionale Rivalen im Kampf um Einfluss in Südasien ansehen. Somit ist es in beiderseitigem Interesse, den jeweils anderen daran zu hindern, die Region zu dominieren:

"In the security sphere, geopolitical rivalry between China and India seems inescapable, and would seem to leave the relationship with little common ground. Fundamentally, China seeks to prevent India from dominating South Asia, which could otherwise limit China´s potential leadership role in Asia as a whole."51

Dies führte dazu, dass es zu einer Zeit der Spannungen zwischen China und der Sowjetunion zu engen Beziehungen zwischen Indien und der Sowjetunion kam, die eine ebenso enge Zusammenarbeit zwischen Pakistan und der Volksrepublik zur Folge hatte. Dabei sieht Indien jegliche militärische Beziehung zwischen seinen Nachbarn und China als außerordentliches Sicherheitsrisiko an.

Das gespannte Verhältnis zwischen Indien auf der einen und China und Pakistan auf der anderen Seite wurde vor allem im Kaschmir-Konflikt deutlich, wo China bis Anfang der 80er Jahre deutlich für die pakistanische Position eintrat und versprach, im Kriegsfall Pakistan militärisch beizustehen.52 Während der 80er Jahre, mit zunehmender Entspannung zwischen Indien und China, nahm Peking eine neutralere Position ein, rückte jedoch nicht von seiner Beistandsverpflichtung gegenüber Pakistan ab. Darüber hinaus versorgte China Pakistan mit militärischer Technologie. Nach dem ersten indischen Atomversuch 1974 beteiligte sich China am pakistanischen zivilen Atomenergie-Programm und stellte wesentliches Fachwissen zur Verfügung, nachdem die pakistanische Regierung verkündet hatte, auch ihr Land zur Atomwaffenmacht machen zu wollen.53 Obwohl sich die sino-indischen Beziehungen mittlerweile verbessert haben, tat dieser Umstand dem guten chinesisch-pakistanischen Verhältnis keinen Abbruch.54 Pekings Beziehungen zu Pakistan verbleiben somit eines der ernstesten Probleme in der sino-indischen Annäherung und bringt die geopolitischen Differenzen der beiden Staaten klar zum Ausdruck: Peking unterstützt Pakistan, gerade weil Pakistan Indiens problematischster Widersacher ist.55

Allerdings erfuhren die sino-pakistanischen Beziehungen in jüngster Zeit eine gewisse Abkühlung, da der pakistanische Geheimdienst die afghanische Taliban-Bewegung zu fördern begann und in der chinesischen Provinz Xinjiang islamische Widerstandsaktionen der Uigiren, der Mehrheitsbevölkerung der autonomen Region, bemerkbar wurden. Durch den Militärputsch in Pakistan, bei dem die muslimische Partei gestürzt wurde, dürfte Peking allerdings wieder beruhigt sein, denn die Widerstand Leistenden in Xinjiang verloren somit Verbündete.56

Neben Pakistan ist Myanmar (früher Burma) ebenfalls ein wichtiger Partnerstaat Chinas in Südasien, was für Indien strategisch äußerst ungünstig ist und deswegen einen weiteren Grund für Spannungen zwischen China und Indien bildet. Eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen China und Myanmar kam 1990 zustande, als beide Staaten wegen Menschenrechtsverletzungen – Peking wegen des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens, Rangoon wegen der gewaltsamen Niederschlagung pro-demokratischer Aktivisten - international isoliert waren. Bis heute ist China der einzige Waffenlieferant Myanmars seit der Verhängung von Sanktionen über Rangoon im Jahre 1988. Besonders beunruhigend für Indien ist die Möglichkeit Chinas, sich über Myanmar Zugang zum Golf von Bengalen und somit zum Indischen Ozean machen, was angesichts der gegenwärtigen Aufrüstung der chinesischen Marine äußerst brisant werden könnte.57

Auch bezüglich der Tibetfrage gibt es Unstimmigkeiten zwischen der indischen und der chinesischen Regierung: Die Zugehörigkeit Tibets zur VR China steht den indischen Interessen insofern entgegen, als dass das tibetische Gebiet zur Stationierung chinesischer Nuklearwaffen in unmittelbarer Nähe zu Indien dienen könnte. Peking dagegen ist über die Aufnahme des Dalai Lamas und die Duldung tibetischer separatistischer Widerstandsbewegungen in Indien äußerst irritiert.58

2. Der Verlauf der sino-indischen Territorialstreitigkeiten

Die größten Streitpunkte zwischen Indien und China sind zum einen der Grenzverlauf von ungefähr 2 500 Meilen und zum anderen Territorialansprüche Chinas, die Zhou Enlai 1959 zum ersten Mal äußerte und drei Jahre später, im Oktober 1962 zum direkten Krieg zwischen der Volksbefreiungsarmee und indischen Truppen führte und zu Gunsten Pekings entschieden wurde.

Verhandlungen über den Verlauf der Grenze wurden erst im Jahre 1981 aufgenommen, nachdem die 60er und 70er Jahre vom Dualismus Moskau/Neu Delhi und Peking/Islamabad gekennzeichnet waren. Zu Beginn der 80er Jahre wurde im Bewusstsein, dass beide Staaten als die größten Entwicklungsländer der Welt viele Interessen gemeinsam haben, in den ersten Annäherungsschritten zunächst auf einer "macrodiplomatic"59 Ebene kooperiert, also in Fragen von internationalem Belang wie Umweltverschmutzung und Weltwirtschaft zusammengearbeitet.

Ein wichtiger Schritt in Richtung Entspannung war der Besuch des indischen Regierungschefs Ghandi im Jahre 1988, da es der erste Besuch eines indischen Premierministers seit 1954 war. Im Rahmen dieses Treffens wurde die Bildung einer Joint Working Group beschlossen, der Experten angehören sollten, um Maßnahmen für Frieden und Sicherheit entlang der umstrittenen Grenze auszuarbeiten.60 Darüber hinaus wurde ein kulturelles Austauschprogramm unterzeichnet und eine Förderung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit bekräftigt. Im September 1993 kamen die Regierungen beider Konfliktparteien schließlich zu der Übereinkunft,

"(...) that pending a final resolution of the border, the two sides will strictly respect and abide by the lines of actual control, and undertake no military manoeuvres of specified sizes in special areas recognized by both sides."61

Durch ein teilweises Abziehen von Truppen auf beiden Seiten wurden weitere Schritte zur Entspannung eingeleitet.

 

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