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Projektgruppe Model United Nations, München 2000 |
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Die Rückkehr des "Großen Drachen":
Ist China auf dem Weg zu einer Vormachtstellung in Asien? - Elisabeth
Brandstetter
IV. Das chinesisch-indische Verhältnis: Vom offenen Krieg
zu einer stetigen Annäherung
A. Sino-indische Konfliktlinien
1. Die Staatenkonstellation in Südasien
Die Auseinandersetzungen zwischen China und Indien sind auf einer
Reihe von Faktoren begründet, die vorrangig mit der Mächtekonstellation
in Südasien und den in diesem Zusammenhang divergierenden Interessen der
beteiligten Akteure zu erklären sind: Die vormalige mehr oder wenige offene
Feindschaft zwischen den beiden Ländern, die seit Anfang der 80er Jahre
einer schrittweisen Annäherung gewichen ist, hängt vor allem damit
zusammen, dass sich die Staaten als regionale Rivalen im Kampf um Einfluss in
Südasien ansehen. Somit ist es in beiderseitigem Interesse, den jeweils
anderen daran zu hindern, die Region zu dominieren:
"In the security sphere, geopolitical rivalry between
China and India seems inescapable, and would seem to leave the relationship
with little common ground. Fundamentally, China seeks to prevent India from
dominating South Asia, which could otherwise limit China´s potential leadership
role in Asia as a whole."51
Dies führte dazu, dass es zu einer Zeit der Spannungen zwischen
China und der Sowjetunion zu engen Beziehungen zwischen Indien und der Sowjetunion
kam, die eine ebenso enge Zusammenarbeit zwischen Pakistan und der Volksrepublik
zur Folge hatte. Dabei sieht Indien jegliche militärische Beziehung zwischen
seinen Nachbarn und China als außerordentliches Sicherheitsrisiko an.
Das gespannte Verhältnis zwischen Indien auf der einen und
China und Pakistan auf der anderen Seite wurde vor allem im Kaschmir-Konflikt
deutlich, wo China bis Anfang der 80er Jahre deutlich für die pakistanische
Position eintrat und versprach, im Kriegsfall Pakistan militärisch beizustehen.52
Während der 80er Jahre, mit zunehmender Entspannung zwischen Indien und
China, nahm Peking eine neutralere Position ein, rückte jedoch nicht von
seiner Beistandsverpflichtung gegenüber Pakistan ab. Darüber hinaus
versorgte China Pakistan mit militärischer Technologie. Nach dem ersten
indischen Atomversuch 1974 beteiligte sich China am pakistanischen zivilen Atomenergie-Programm
und stellte wesentliches Fachwissen zur Verfügung, nachdem die pakistanische
Regierung verkündet hatte, auch ihr Land zur Atomwaffenmacht machen zu
wollen.53
Obwohl sich die sino-indischen Beziehungen mittlerweile verbessert haben, tat
dieser Umstand dem guten chinesisch-pakistanischen Verhältnis keinen Abbruch.54
Pekings Beziehungen zu Pakistan verbleiben somit eines der ernstesten Probleme
in der sino-indischen Annäherung und bringt die geopolitischen Differenzen
der beiden Staaten klar zum Ausdruck: Peking unterstützt Pakistan, gerade
weil Pakistan Indiens problematischster Widersacher ist.55
Allerdings erfuhren die sino-pakistanischen Beziehungen in jüngster
Zeit eine gewisse Abkühlung, da der pakistanische Geheimdienst die afghanische
Taliban-Bewegung zu fördern begann und in der chinesischen Provinz Xinjiang
islamische Widerstandsaktionen der Uigiren, der Mehrheitsbevölkerung der
autonomen Region, bemerkbar wurden. Durch den Militärputsch in Pakistan,
bei dem die muslimische Partei gestürzt wurde, dürfte Peking allerdings
wieder beruhigt sein, denn die Widerstand Leistenden in Xinjiang verloren somit
Verbündete.56
Neben Pakistan ist Myanmar (früher Burma) ebenfalls ein wichtiger
Partnerstaat Chinas in Südasien, was für Indien strategisch äußerst
ungünstig ist und deswegen einen weiteren Grund für Spannungen zwischen
China und Indien bildet. Eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen China
und Myanmar kam 1990 zustande, als beide Staaten wegen Menschenrechtsverletzungen
– Peking wegen des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens, Rangoon
wegen der gewaltsamen Niederschlagung pro-demokratischer Aktivisten - international
isoliert waren. Bis heute ist China der einzige Waffenlieferant Myanmars seit
der Verhängung von Sanktionen über Rangoon im Jahre 1988. Besonders
beunruhigend für Indien ist die Möglichkeit Chinas, sich über
Myanmar Zugang zum Golf von Bengalen und somit zum Indischen Ozean machen, was
angesichts der gegenwärtigen Aufrüstung der chinesischen Marine äußerst
brisant werden könnte.57
Auch bezüglich der Tibetfrage gibt es Unstimmigkeiten zwischen
der indischen und der chinesischen Regierung: Die Zugehörigkeit Tibets
zur VR China steht den indischen Interessen insofern entgegen, als dass das
tibetische Gebiet zur Stationierung chinesischer Nuklearwaffen in unmittelbarer
Nähe zu Indien dienen könnte. Peking dagegen ist über die Aufnahme
des Dalai Lamas und die Duldung tibetischer separatistischer Widerstandsbewegungen
in Indien äußerst irritiert.58
2. Der Verlauf der sino-indischen Territorialstreitigkeiten
Die größten Streitpunkte zwischen Indien und China
sind zum einen der Grenzverlauf von ungefähr 2 500 Meilen und zum anderen
Territorialansprüche Chinas, die Zhou Enlai 1959 zum ersten Mal äußerte
und drei Jahre später, im Oktober 1962 zum direkten Krieg zwischen der
Volksbefreiungsarmee und indischen Truppen führte und zu Gunsten Pekings
entschieden wurde.
Verhandlungen über den Verlauf der Grenze wurden erst im
Jahre 1981 aufgenommen, nachdem die 60er und 70er Jahre vom Dualismus Moskau/Neu
Delhi und Peking/Islamabad gekennzeichnet waren. Zu Beginn der 80er Jahre wurde
im Bewusstsein, dass beide Staaten als die größten Entwicklungsländer
der Welt viele Interessen gemeinsam haben, in den ersten Annäherungsschritten
zunächst auf einer "macrodiplomatic"59
Ebene kooperiert, also in Fragen von internationalem Belang wie Umweltverschmutzung
und Weltwirtschaft zusammengearbeitet.
Ein wichtiger Schritt in Richtung Entspannung war der Besuch des
indischen Regierungschefs Ghandi im Jahre 1988, da es der erste Besuch eines
indischen Premierministers seit 1954 war. Im Rahmen dieses Treffens wurde die
Bildung einer Joint Working Group beschlossen, der Experten angehören sollten,
um Maßnahmen für Frieden und Sicherheit entlang der umstrittenen
Grenze auszuarbeiten.60
Darüber hinaus wurde ein kulturelles Austauschprogramm unterzeichnet und
eine Förderung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit bekräftigt. Im
September 1993 kamen die Regierungen beider Konfliktparteien schließlich
zu der Übereinkunft,
"(...) that pending a final resolution of the border,
the two sides will strictly respect and abide by the lines of actual control,
and undertake no military manoeuvres of specified sizes in special areas recognized
by both sides."61
Durch ein teilweises Abziehen von Truppen auf beiden Seiten wurden
weitere Schritte zur Entspannung eingeleitet.
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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