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Die Rückkehr des "Großen Drachen": Ist China auf dem Weg zu einer Vormachtstellung in Asien?
- Elisabeth Brandstetter

  I     II     III     IV     V     VI     VII     Inhaltsverzeichnis des Artikels

III. China und Südostasien – Implikationen der chinesischen Beziehungen zu den ASEAN-Staaten

C. Chinas Rolle als Ordnungsmacht in Südostasien

Am Beispiel der Rolle Vietnams in Südostasien und das Verhalten Chinas in dieser Frage kann das Selbstverständnis Chinas als Ordnungsmacht in Südostasien deutlich gemacht werden:

Vietnam leidet bis heute unter dem Trauma der 2000jährigen Kontrolle und Sinisierung seiner Provinz Annam und kann schwer von der Vorstellung eines hegemonialen Chinas abrücken, was die vietnamesische Politik gegenüber China maßgeblich bestimmte. China dagegen betonte vor 1977 die überwiegend freundschaftlichen Beziehungen zu seinem einstigen Tributstaat und versuchte, Vietnam vom russischen Einflussbereich fern zu halten.

Eine Kehrtwendung in Chinas Sichtweise und praktischen Außen- und Sicherheitspolitik trat erst durch den Beitritt Vietnams zum COMECON (Juni 1978) und den sowjetisch-vietnamesischen Freundschaftsvertrag (Nov. 1978) ein, der zu einem de-facto Militärbündnis und zur Stationierung sowjetischer Raketen führte. China stellte daraufhin seine Wirtschaftshilfen ein.42 Aus Furcht vor seinem übermächtigen chinesischen Nachbarn bemühte sich das Regime in Hanoi, ganz Indochina unter seine Kontrolle zu bringen: Nachdem es 1975 damit begonnen hatte, Laos durch einen "Freundschaftsvertrag" unter seine Herrschaft zu bringen, nutzte Vietnam Ende 1978 die Gelegenheit, die von China unterstützten Roten Khmer in Kambodscha zu besiegen.43 Als Reaktion auf diese für China ungünstige Veränderung des regionalen Mächtegleichgewichts an seiner Südflanke unternahm Peking aus sicherheitspolitischen und Prestigegründen einen Erziehungsfeldzug gegen Vietnam, der jedoch wegen des erwarteten Rückschlags von Moskau relativ begrenzt blieb.44

Das sowjetisch-vietnamesische Bündnis und Hanois Hegemonialpolitik verhalfen den sicherheitspolitischen Beziehungen zwischen China und der ASEAN zum entscheidenden Durchbruch. Als Schlüsselerlebnis galt hierbei Vietnams Einmarsch in Kambodscha, der vor allem Thailand und Singapur zu einer Neubewertung ihrer außen- und sicherheitspolitischen Lage sowie ihrer Beziehungen zu China zwang. China wurde von beiden Staaten als wichtiges Gegengewicht gegen den sowjetisch-vietnamesischen Hegemonismus gesehen. Für die malaiischen Staaten jedoch blieb China weiterhin die größte Bedrohung Südostasiens, wobei Vietnam als wichtiger Puffer und als geostrategisches Gegengewicht zum Expansionsstreben Pekings galt.45 Trotzdem bedeutete diese Mächtekonstellation "den Wiederaufstieg Chinas zur traditionell führenden regionalen Ordnungsmacht in Indochina".46

Diese Ordnungsmachtambitionen kamen bei der Mitwirkung am Friedensprozess in Kambodscha Anfang der 90er Jahre deutlich zum Vorschein und ist aus zweierlei Hinsicht von Bedeutung: Zum einen hat Peking dort seiner internationale Verantwortung mehr Bedeutung beigemessen als der nationalen Politik, indem China seinen traditionellen Schützlingen, den Roten Khmer, jede Unterstützung verweigerte, den Friedensprozess zu kippen, was damit zusammenhängt, dass China schon allein aus wirtschaftlichen Gründen an der Stabilität der südostasiatischen Region interessiert ist. Darüber hinaus verbarg sich dahinter das Motiv, China als zuverlässige und verantwortungsbewusste Großmacht bei den internationalen Friedensbemühungen zu präsentieren.47

Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch die "Enttabuisierung fremder Interventionen in nationale Angelegenheiten".48 Vorher hatte China alle Formen fremder Einmischung grundsätzlich abgelehnt, im Falle Kambodschas jedoch schickte Peking sogar Pioniersoldaten der Volksbefreiungsarmee als UN-Blauhelm-Kontingent nach Phnom Penh zur Ausübung von UNO-Aufgaben.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass das chinesische Verhältnis zu den ASEAN-Staaten im letzten Jahrzehnt erheblich verbessert wurde, was sich an der hohen Anzahl von hochrangigen diplomatischen Kontakten49 ganz deutlich zeigt. Die chinesisch-südostsiatischen Beziehungen sind jedoch als ambivalent einzustufen: Zum einen bemüht sich China, als Ordnungsmacht in der asiatisch-pazifischen Region aufzutreten und die Beziehungen schon allein aus wirtschaftlichen Gründen zu verbessern, zum anderen jedoch weigert sich China, multilaterale Sicherheitsgremien zu unterstützen, indem es argumentiert, China gehöre nicht zu Südostasien.50 Diese Argumentation zeigt die Widersprüchlichkeit, die in Chinas Südostasienpolitik steckt: Die Territorialansprüche bezüglich der Spratly- und Paracel-Inseln werden mit der langen historischen Zugehörigkeit zu China begründet. In dieser Frage ist China also wieder ein Teil Südostasiens.

Es ist nicht zuletzt diese Widersprüchlichkeit, die China für die südostasiatischen Staaten weiterhin als Bedrohung erscheinen lässt, die unberechenbar ist.

 
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