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Projektgruppe Model United Nations, München 2000 |
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Die Rückkehr des "Großen Drachen":
Ist China auf dem Weg zu einer Vormachtstellung in Asien? - Elisabeth
Brandstetter
III. China und Südostasien – Implikationen der chinesischen
Beziehungen zu den ASEAN-Staaten
3. Lösungsansätze in den Territorialfragen
Das prinzipielle Dilemma in Zusammenhang mit der chinesischen
Position besteht darin, dass die durch die historische Argumentation gestützte
Maximalposition einer Souveränität über das gesamte Südchinesische
Meer zwar alle Ansprüche Pekings wahrt, aber keine Basis für eine
kooperative Ausbeutung der Inseln bildet.33
Die Lage wird durch unterschiedliche, sich überlappende Besitzansprüche
und Nutzungsabsichten, unklare Rechtsgrundlagen, die fehlende Akzeptanz und
Durchsetzungsfähigkeit multilateraler Gremien und die militärische
Aufrüstung in der Region erschwert. Letzteres ist vor allem ein Resultat
aus der gängigen Praxis der verschiedenen Länder, ihre Verhandlungsposition
durch die Besetzung einiger Inseln zu verbessern und die Territorialfragen durch
vollendete Tatsachen bzw. die "normative Macht des Faktischen"34
zu klären.
Problematisch ist in diesem Zusammenhang die militärische
Aufrüstung der Konfliktparteien. Insbesondere China konnte angesichts des
gezielten Aufbaus von rapid reaction units und der Modernisierung von
Marine- und Luftstreitkräften sein Potential für eine Machtexpansion
im Südchinesischen Meer seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes stark erhöhen.35
Allerdings besitzt China heute weder die notwendige Logistik noch eine hinreichende
technologische Ausrüstung für einen erfolgreichen Militäreinsatz.
Obwohl China den beteiligten Konfliktparteien immer wieder beteuert, die militärische
Modernisierung diene lediglich der Selbstverteidigung, da China keine expansionistischen
oder hegemonialen Intentionen in der Region verfolge, ist die Politik der beteiligten
Staaten noch von der "China Threat"-These geprägt.36
Dass China zu schwach ist, das nach dem Rückzug der beiden
Supermächte entstandene Machtvakuum auszufüllen, um eine Vormachtstellung
zu erreichen, zeigt sich in der Spratly-Frage ganz deutlich: Die übrigen
Staaten der Region haben sich durch ihren Zusammenschluss in der ASEAN einen
relativ starken Standpunkt gegenüber China geschaffen, so dass Peking,
wenn überhaupt, seine Führungsrolle nur in Kooperation mit den betreffenden
Staaten verwirklichen kann und nicht gegen deren Widerstand.37
So war in der Vergangenheit ein Pendeln der VR China zwischen einer Kooperation
mit der ASEAN ausgerichteten Strategie und einer auf bilateralen Verhandlungen
kombiniert mit unilateralen Vorstößen basierenden Parallelstrategie
zu beobachten,38
um dadurch die Herausbildung eines gemeinsamen Standpunktes innerhalb der ASEAN
entgegen zu wirken, welcher es den ASEAN-Anspruchstaaten erlaubte, ihre Forderungen
mit größerem Nachdruck vorzubringen.
Das Konzept der VR China scheint aufzugehen, da eine völlig
einheitliche Haltung aller ASEAN-Staaten in Bezug auf Lösungsmöglichkeiten
für die konkurrierenden Ansprüche bislang nicht existiert, da jeder
beteiligte Staat durch Einzelmaßnahmen versucht, seine individuelle Position
zu verbessern.39
Generell sind die ASEAN-Staaten daran interessiert, die USA, möglicherweise
auch Japan in die Frage der Sicherheit im Südchinesischen Meer einzubeziehen.
China aber steht einer internationalen Konferenz über territoriale Dispute
oder gar einer multilateralen Institution ablehnend gegenüber und besteht
auf Lösungen auf bilateraler Basis, da eine Internationalisierung der Frage
Pekings Verhandlungsposition erheblich schwächen würde.
Einerseits lässt Chinas Verhalten den Schluss zu, dass China
am Aufbau von vertrauensbildenden Maßnahmen nicht sonderlich interessiert
ist und der Volksrepublik nicht wirklich an einer einvernehmlichen Lösung
des Konflikts gelegen ist. Andererseits darf aber auch nicht übersehen
werden, dass China ein großes Interesse an positiven Beziehungen zu Südostasien
hat: Solange wirtschaftliche Entwicklung eine der obersten Prioritäten
in der chinesischen Politik darstellt, wird Peking dieses Ziel kaum durch ein
militärisches Vorgehen gefährden, das die südostasiatischen Staaten
vermutlich zu einer Einheitsfront zusammen bringen würde. Darüber
hinaus verbindet China und die Regierungen der ASEAN- Staaten eine weitgehend
übereinstimmende Haltung in der Menschenrechtsfrage, durch die westlicher,
vor allem amerikanischer Druck, vermindert werden kann. Insbesondere in den
wirtschaftlichen Interessen ist ein Faktor zu sehen, der Chinas Handlungsspielraum
stark beeinträchtigt. Vor diesem Hintergrund befindet sich die Volksrepublik
in einer zwiespältigen Situation:
"As a result, while making efforts to strengthen its
claims and recover national sovereignty, China must limit its actions so as
not to damage its relations with the ASEAN countries and/or unduly exacerbate
the Spratly dispute. Herein lies China´s dilemma."40
Angesichts ihrer überragenden wirtschaftlichen Interessen
wird die VR China mittelfristig kaum dazu tendieren, Gebietsansprüche im
Südchinesischen Meer gewaltsam durchzusetzen und die Situation eskalieren
zu lassen. Neben intensiven politischen und wirtschaftlichen Beziehungen sprechen
ein mögliches Eingreifen der USA, Chinas räumliche Entfernung von
den Spratly- und Paracel-Inseln sowie die fehlende militärische Übermacht
einer Konfliktpartei dagegen. Langfristig wünscht sich China in seinem
früheren Einflussgebiet als zentrale Regionalmacht wahrgenommen und respektiert
zu werden und Südostasien, entsprechend seiner nationalen Interessen, beeinflussen
zu können. Hierbei wird China zwangsläufig auf den Widerstand der
anderen pazifischen Regionalmächte stoßen, wobei der Konkurrenzkampf
primär gegenüber dem aufstrebenden Japan und der militärisch
dominierenden USA geführt werden wird.41
| Ein Gemeinschaftsprojekt der Projektgruppe Model United Nations, LMU München, und INSIDE A - Asien Netzwerk AG |
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