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Der Mobile-Effekt
Pekings junge Musikszene: Fokus auf Zhang Shou Wang

Carsick Cars: Li Qing (links), Zhang Shouwang (Mitte), Li Weisi (unten)
Bild: © Carsick Cars (Pressefoto)

Als ich letzen Dezember Blixa Bargeld, Mastermind und Sänger der Einstürzenden Neubauten sowie ehemaliger Gitarrist bei Nick Caves Bad Seeds, die Glastür eines Berliner Cafés öffnen sah, wusste ich: er war am Vortag aus Peking gekommen, und ich würde am nächsten Tag genau dorthin aufbrechen. Um Peking, Blixas zeitweilige Wahlheimat, drehte sich dann auch der Interviewstoff – die Neubauten, die dort einstürzen, das schöne Wort "Luftveränderung" und vor allem Pekings junge Kunst- und Musikszene, für die Blixa einen unkonventionellen Vergleich parat hatte: "Pekings Szene erinnert mich an Westberliner Tage. Es gibt eine Handvoll Leute, die in den unterschiedlichsten Disziplinen unterwegs sind. Später entsteht dann der Eindruck, dass das unheimlich viele Leute sind. Ich kenne beispielweise einen..." – er spricht von Yan Jun, der als Klangkünstler nicht nur in China auftritt, Performances veranstaltet, das Plattenlabel Kwanyin Records sowie den Multimedia-Verlag Subjam betreibt und nebenbei als Dichter landesweit bekannt ist.

Ich verstehe sehr gut, warum sich Blixa in Peking wohlfühlt, am Beispiel des Gitarristen Shou Wang (Zhang Shouwang) läßt sich die Dynamik der ganz jungen Pekinger Szene erahnen, welche mehr und mehr von der Generation "Ba Ling Hou", den "Nach-Achzigern", eingenommen wird. Denn die sind, um einen älteren Genossen zu zitieren, "nicht mehr zu bändigen" – was immer diese Aussage in Gänze bedeuten mag.

Gerade als meine Recherchen für diesen Artikel zum Drucker wandern, entdecke ich auf einer von Shou Wangs drei Myspace-Seiten eine Konzertansage seiner Indie-Noisepopband Carsick Cars – noch 2 Stunden Zeit bis dahin. Über Myspace habe ich eigentlich alle "meine" Pekinger Musiker kennengelernt: sie sind sämtlich online aktiv. Es gibt keine Fanzines, das WWW-2.0 ist das einzige Medium für selbstgemachte Promotion. Es funktioniert. Ich bin auf dem Weg.

Die Bar D-22 nahe der Qinghua-Universität ist brechend voll, als Shou Wang und seine beiden KollegInnen Levis (Bass) und Zhong Qiu (Schlagzeug) ein Wahnsinns-Set abfeuern: ihre Mischung aus Lärm ohne auch nur ein Geräusch zu viel, revolutionärem Eifer und drastischer Kürze, Zigarettenwerbung ("Zhongnanhai, Zhongnanhai, rauchst Du? dann rauch Zhongnanhai!"), wilden Zitaten und völliger Selbstsicherheit macht sie zu Meistern des Beautiful Noise, wie er vielleicht nur noch von einer Umgebung hervorgebracht werden kann, die Einflüsse aus verschiedenen Phasen und Stilen simultan und "ungeordnet" aufgreifen kann. Dass dieser Effekt nicht Chaos sondern Freiheit bedeutet, habe ich für meinen Teil in China gelernt.

Ein paar Tage später sitze ich im D-22 Zhang Shouwang gegenüber – es ist sein letzter Tag vor einem Monat, den er mit den Carsick Cars auf Tour verbringen wird. Morgen steigen die drei in den Nachtzug nach Shanghai, danach stehen Nanjing, Wuhan und Changsha auf dem Plan. Zug? Was ist mit der Ausrüstung? Shou Wang winkt ab: "Das machen wir kleinen Bands hier nicht. Ich habe in Europa gesehen, wie die Musiker all ihre Technik mit sich herumschleppen. Wir spielen jeden Tag mit anderem Equipment". Und wo wir gerade von Europa sprechen: die Carsick Cars eröffnen Ende August in Wien, Prag und London für Sonic Youth: "Es gibt gerade wahnsinnig viele Chancen für uns. Klar trägt dazu bei, dass wir aus Peking kommen. Ich hoffe aber insgeheim, dass unsere Musik das ist, was wirklich zählt."

Der Song, der gerade aus den Boxen kommt lässt Shou Wang aufhorchen: "Do you know this Band... Throbbing Gristle..."

Mit dem Duo WHITE, das er gemeinsam mit der gerade in London studierenden Cosmic Shenggy betreibt, war Shouwang letzten Mai in Berlin, um gemeinsam mit Blixa Bargeld ein Album einzuspielen – ihr Experimental-Pop greift Elemente traditioneller chinesischer Musik auf und wird bereits weltweit als Geheimtip weitergereicht: "Das war schon verrückt – Du kommst nach Berlin oder New York, und die Leute kennen Deine Band. Das zeigt uns, welche Aufmerksamkeit chinesischen Bands entgegengebracht wird." Dass das Netz auch hier die Hauptrolle spielt ist offensichtlich, denn das neue Album ist noch nicht einmal veröffentlicht. "Blixa hat uns sehr geholfen, schon zu der Zeit als er in Peking war hat er sich für uns engagiert. Das Aufnehmen hat großen Spaß gemacht, und schnell waren alle Mitglieder der Neubauten beteiligt." Noch eine Verbindung gibt es zwischen Peking und Berlin: Das neue Album der Carsick Cars wird 2008 durch das Berliner Label Fly Fast Records vertrieben.

WHITE: Cosmic Shenggy (links), Zhang Shouwang (rechts)
Bild: © Shenggy (Pressefoto)

New York? Es gibt so viel zu erzählen. Im Februar 2006 wurde Shou Wang eingeladen, als einer von hundert weltweit eingeflogenen Gitarristen Glenn Brancas und John Myers Symphonie No.13 mit aufzunehmen. "Das war eine Versammlung aller möglicher Musikrichtungen: Metaller, Jazzer, Klassiker, Punks, was auch immer. Aber ich kann mich überhaupt nicht erinnern, welche Klänge meine direkten Sitznachbarn produziert haben". Ob er dort auch Sonic Youth kennengelernt hat, weiss ich nicht. Als diese jedenfalls im Frühling nach Peking kommen sollten, waren die Carsick Cars schon als Vorgruppe engagiert, bis das Konzert letztendlich doch noch abgesagt wurde. Ein Mit-Organisator des Beijing Pop Festivals sagte dazu nur: "Den Stadtpolitikern waren Sonic Youth zu heiß, weil sie sich für Free Tibet engagieren. Das wollten sie aber auch nicht zugeben, und so hieß es öffentlich, die Carsick Cars seien an der Absage schuld."

Trotz der ständigen Gefahr der Zensur glaube ich kaum, dass Shou Wang in ersthafte Schwierigkeiten kommen wird, wenn er weiterhin "Zigarettenwerbung" macht. Doch auch hier steckt noch eine andere Dimension: "Zhongnanhai" heißt nicht nur eine beliebte Glimmstengelmarke, sondern auch der hermetisch abgeriegelte Regierungsbezirk in Peking, direkt neben der Verbotenen Stadt.

Wie dem auch sei, Zhang Shouwang soll hier als Beispiel für die junge und dynamische Pekinger Indie-Szene dienen, für eine Handvoll ruheloser Geister mit einer Menge Potential in ganz verschiedenen Richtungen. Es macht einen Riesenspaß dabei zu sein und diesen Haufen kleiner Genies mitzuerleben.

Peking, August 2007,
Roman Wilhelm.

Weiterführende Links:
Shou Wang: www.myspace.com/shouwang
Carsick Cars: www.myspace.com/carsickcars
WHITE: www.myspace.com/whitebeijing
Cosmic Shenggy: www.myspace.com/noiselady

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