ZHANG YUAN ALS WEGBEREITER
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| Filmemacher Zhang Yuan bei der Arbeit. | |
Zhang Yuan beginnt gleich nach seinem Diplom mit den Dreharbeiten zu seinem
ersten Film, Mama (1990), der als das erste Werk der sechsten
Generation der chinesischen Filmemacher und als der erste unabhängige
chinesische Film gilt. Basierend auf den persönlichen Erfahrungen der
Hauptdarstellerin porträtiert Zhang die alleinstehende Mutter eines
autistischen Kindes. Die Schwarzweißaufnahmen werden von in Farbe gedrehten
Interviews mit anderen Müttern behinderter Kinder durchbrochen und zeigen
mit einer schonungslosen Offenheit die Probleme, mit welchen diese Frauen
und Kinder in der Gesellschaft zu kämpfen haben. Die Behörden verbieten
den Export des Films, worauf er ins Ausland geschmuggelt wird und dort
Auszeichnungen gewinnt.
Dank Werbefilmen und MTV Clips, die Zhang Yuan als Erster überhaupt in China produziert und realisiert, sind seine materiellen Bedürfnisse gesichert. Auch damit gewinnt er im Ausland Anerkennung und Preise an Festivals. Er realisiert sämtliche Clips des Rocksängers Cui Jian, dem Begründer der ersten chinesischen Rockmusikband, und dreht mit seiner Hilfe den nächsten Film Beijing Bastards (1992), in welchem er die Jugendkultur Beijings mit ihren Künstlern und Musikern zwischen Alkohol, Sex und Rockmusik zeigt und damit den Unmut der Behörden auf sich zieht.
Nachdem er den Film ohne entsprechende Genehmigung am Tokyo Film Festival
zeigt, wird er kurz darauf gezwungen, die Dreharbeiten zum Film Chicken
Feathers on the Floor vorzeitig abzubrechen. Diese bittere Erfahrung
hält die Drehbuchautorin Ning Dai 1993 in der Dokumentation A Film
Is Stopped fest, die an einer Spezialreihe zum chinesischen Kino
in Rotterdam Anfang 1994 gezeigt wird. Trotz Protesten des Filmbüros
gegenüber den Festivalverantwortlichen bleiben die chinesischen Filme
im Programm und die Filmemacher nehmen in Kauf, nach ihrer Rückkehr
nach China die Konsequenzen ziehen zu müssen: zusammen mit einem halben
Dutzend anderer Filmemacher wird Zhang ein Berufsverbot auferlegt, der
Zugang zu den staatlichen Produktionsfirmen und Filmstudios bleibt ihm
verwehrt, es ist ihm nicht mal erlaubt, Kameras oder andere Filmgeräte
zu mieten. Zhang wird damit gänzlich in die "Illegalität" gezwungen,
was aber weder seiner Kreativität noch seiner Motivation Abbruch tut.
IN DER HALBLEGALITÄT
1994 erscheint The Square, eine ungewöhnliche Bestandsaufnahme des Tiananmen-Platzes fünf Jahre nach den Studentenprotesten. Zhang dokumentiert, zum Teil mit versteckter Kamera, 24 Stunden auf dem Platz des himmlischen Friedens: Kinder, die Drachen fliegen lassen, Liebespärchen, Touristen und Souvenirverkäufer kontrastieren mit Polizisten, Armeeangehörigen und Menschenmengen beim morgendlichen Fahnenhissen.
Einige Zeit später suchen ihn die beiden Söhne einer Nachbarfamilie auf, erzählen ihm von ihren Erfahrungen mit dem Alkoholismus und den Gewaltausbrüchen ihres Vaters und schlagen ihm vor, die Geschichte ihrer Familie zu verfilmen. Zhang besucht den Vater in der psychiatrischen Klinik, in welche dieser nach der letzten gewalttätigen Familienauseinandersetzung eingewiesen wurde und findet einen geistig völlig gesunden und angenehmen Menschen vor. Er willigt ein und erwirkt, dass der Vater für die Dreharbeiten von der Klinik beurlaubt wird, damit die Familie sich und ihren Leidensweg selbst darstellen kann. So entsteht das Dokudrama Sons (1995), das durch seine ergreifend realistische und zugleich tragikomische Inszenierung beeindruckt und in Rotterdam mit dem begehrten Tiger Award ausgezeichnet wird.
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Das Plakat eines Filmes, der für Aufregung sorgte: "East Palace, West Palace". Bild: © trigon-film | |
1996 greift Zhang ein Thema auf, dem in der chinesischen Öffentlichkeit
keinerlei Raum gewährt wird. In East Palace, West Palace, der mit französischen
Produktionsmitteln entsteht, erzählt Zhang von einem Polizisten, der
nach einer Razzia in einem Park einen homosexuellen Schriftsteller festnimmt.
Im Laufe des anschliessenden Verhörs fühlt sich der Polizist mehr und
mehr zu seinem Opfer hingezogen. Der Filmtitel bezieht sich auf die
Bezeichnung der Beijinger Schwulentreffs rund um den Tiananmen-Platz:
die öffentlichen Toiletten auf der Ost- und Westseite des Platzes. Es
sei ein Film über die Gefühle zwischen zwei Männern, meint Zhang in
einem Gespräch, aber was ihn besonders interessiert habe, sei das Verhältnis
zwischen Macht und Erotik.
Während der Dreharbeiten zu East Palace, West Palace lanciert die chinesische Regierung eine erneute Kampagne gegen "geistige Verschmutzung"; Staatspräsident und Parteichef Jiang Zemin erinnert die Filmschaffenden an die Bedeutung des Films für den Aufbau der sozialistischen Kultur und Ideologie. Es folgen neue Bestimmungen für Koproduktionen mit dem Ausland. Ohne Genehmigung der Behörden vor Drehbeginn werden Filmmaterial und bereits erfolgte Einnahmen beschlagnahmt, den Regisseuren drohen Bußen oder gar gerichtliche Klagen.
Die Postproduktion von Zhangs Film verzögert sich, kann aber schliesslich in Frankreich fertiggestellt werden. Mit der Inszenierung von East Palace, West Palace in Theaterhäusern Frankreichs, Belgiens und Brasiliens wagt sich Zhang Yuan mit diesem Stoff auch erstmals auf die Bühne und realisiert damit das erste Theaterstück aus (der Volksrepublik) China über Homosexualität. Auch East Palace, West Palace gewinnt Preise an ausländischen Festivals, während er in China nicht gezeigt werden kann. 2000 erlässt die Regierung ein neues Gesetz, gemäß welchem Homosexualität nicht mehr als Geisteskrankheit eingestuft wird. Ein Jahr später organisiert der Regisseur und Professor an der Beijinger Filmakademie, Cui Zi'en (Enter the Clowns) das erste schwullesbische Filmfestival Chinas, auf dem Zhang Yuan zum ersten Mal seinen Film der chinesischen Öffentlichkeit zeigen kann. Das Festival wird jedoch bereits nach dem ersten Wochenende auf Druck der Behörden abgebrochen.

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