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Im Dickicht der Statistik
Hintergründe zu SARS (Teil II)

Mehr als eine Zahl: die Sterberate als Politikum

Die Sterberate wird von der WHO und in der überwiegenden Zahl der Berichte über SARS als der Anteil der Todesfälle an den kumulierten wahrscheinlichen Fällen angegeben (Sterberate I). Der amerikanische Wissenschaftler Henry Niman wies bereits Mitte April darauf hin, dass diese Berechnung der Sterberate nicht korrekt sei und die Gefährlichkeit der Krankheit verharmlose. Er stieß damit eine intensive Diskussion an, die noch andauert. Zurecht, denn eine Sterberate kann sich nur auf die Zahl derer beziehen, deren "Schicksal" zu einem gegebenen Zeitpunkt feststeht, die also überlebt haben oder der Krankheit zum Opfer fielen. Damit wäre also die Summe aus Genesenen und Todesfällen die richtige Bezugsgröße, zu der man die Zahl der Todesfälle in Beziehung setzen müßte (Sterberate II). Die nachfolgende Tabelle macht deutlich, dass die beiden Berechnungsmethoden zu gänzlich unterschiedlichen Aussagen über die Bedrohung durch SARS führen.

Beispielhaft Darstellung für den Stichtag 28. Mai 2003

Land
(Daten Stand
28.05.2003)
Kumulierte Fälle Zahl der Genesenen Zahl der Todesfälle Sterbe-
rate I
Sterbe-
rate II
VR China
(ohne Hong Kong und Taiwan)
5.323 3.036 325 6,1% 9,7%
>Beijing 2.514 866 175 7,0% 16,8%
>Guangdong 1.511 1.436 57 3,8% 3,8%
>Innere Mongolei 285 127 28 9,8% 18,1%
Hong Kong SAR 1.730 1.295 270 15,6% 17,3%
Taiwan
(27.05.2003)
596 112 76 12,8% 40,4%

Aus dieser Gegenüberstellung folgen zwei wesentliche Fragen, nämlich die nach der korrekten oder zumindest weniger falschen Berechnungsmethode und die weit darüber hinausgehende nach der Begründung für die von Region zu Region massiv abweichenden Zahlen.

Erstere Frage läßt sich vergleichsweise einfach beantworten. Die Berechnungsmethode I "unterschlägt" den Fakt, dass von den zum Berechnungszeitpunkt noch in Behandlung befindlichen Infizierten Personen einige mit hoher Wahrscheinlichkeit der Krankheit in der Folgezeit erliegen werden. Befindet sich also ein Land in der Phase der fortgesetzten Ausbreitung der Krankheit, dann ist die so berechnete Sterberate immer zu niedrig angesetzt. Die WHO rechtfertigt die Anwendung mit dem Hinweis auf die notwendige Vergleichbarkeit im internationalen Rahmen und mit den Daten anderer Epidemien, deren Verlauf mit der gleichen Berechnungsmethode erfaßt wird. Man darf aber annehmen, dass viele Regierungen betroffener Nationen nicht unglücklich darüber sind, tendenziell zu niedrige Sterberaten angeben zu können, um eine noch größere Verunsicherung oder gar Panik in der Bevölkerung zu verhindern. Umgekehrt ist aber auch die Berechnungsmethode II nicht vor Fehlern gefeit. Werden Infizierte aus Vorsichtsgründen erst sehr spät als geheilt entlassen und gibt es im gleichen Zeitraum Todesfälle, so ergibt sich rechnerisch eine sehr hohe Sterberate.

Damit wären wir auch schon bei der Frage nach den eklatant von Region zu Region abweichenden Werten. So könnte man vermuten, dass in Taiwan Infizierte erst nach sehr langer Zeit als geheilt entlassen werden und daher die Sterberate II bei unheimlichen 40% liegt. Wirklich bewantworten können aber auch Experten die Diskrepanzen aktuell nicht. Über die Gründe kann nur spekuliert werden, in Frage kämen:

  • regional unterschiedlich schwere Infektionen, also unterschiedliche Stämme oder Mutationen des Virus, unterschiedliche Länge des Infektionsweges etc.
  • unterschiedliche Schnelligkeit, mit der Infektionen erkannt werden: dies ändert nicht den Heilungsverlauf des Infizierten, verkürzt aber die Zeit, in der das Risiko der Ansteckung weiterer Menschen besteht
  • unterschiedliche Regelungen der Gesundheitsbehörden: wann werden Verdachtsfälle als Infizierte gezählt, wie schnell werden sich erholende Patienten aus der Behandlung entlassen
  • unterschiedliche Falldefinitionen: wann genau gilt eine Person als Verdachtsfall, als wahrscheinlicher Fall und unter welchen Bedingungen wird ein Todesfall der Krankheit SARS zugerechnet
  • unterschiedliche Qualität des Gesundheitssystems: wie gut können Infizierte von anderen Menschen isoliert werden, sind die notwendigen Notfallpläne und -maßnahmen gut geplant, steht ausreichend qualifiziertes ärztliches Personal zur Verfügung
  • unterschiedliche "Verstecker-Quote": gerade in China ist zunehmend häufig von Menschen zu hören, die sich trotz entsprechender Symptome nicht bei medizinischen Einrichtungen melden und aus Angst vor Ausgrenzung, Verdienstausfall oder schlicht wegen der Behandlungskosten die Krankheit geheim zu halten versuchen
  • unterschiedlicher Grad der Offenheit nationaler Regierungen: die bei der WHO zentral gesammelten täglichen Meldungen über Fallzahlen basieren immer auf den Angaben der jeweiligen Behörden der betroffenen Länder. Es ist völlig unklar, ob diese Angaben z.B. in China mittlerweile bestem Wissen entsprechen und ob nicht vielleicht die Meldungen aus den Provinzen und Kreisen unrichtige Angaben enthalten

In den letzten Wochen wurden weitere Untersuchungen öffentlich. Am 26. April machte Roy Anderson vom Imperial College London erste Ergebnisse einer Studie publik, die auf der Untersuchung von ca. 1400 SARS-Fällen in Hong Kong basiert. Danach sterben zwischen 8 und 15% der an SARS Erkrankten an der tückischen Infektion. Am 7. Mai wurde die Studie dann im Fachmagazin "The Lancet" publiziert. Erschreckend ist vor allem das Ergebnis, dass die Sterblichkeit bei der Altersgruppe der unter 60-jährigen zwischen 7 und 13% betrug, Infizierte über 60 Jahre der Krankheit aber mit einer Wahrscheinlichkeit von 43-55% erlagen.




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