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Die kleinen Kaiser Chinas
- Von Ursula Nagy
Jedes vierte Kind wächst in China heute alleine auf. Dies ist eine Folge der so genannten Einkindpolitik. Mit der Vorschrift: ‚Pro Familie ein Kind' versuchte die chinesische Regierung in den 80er Jahren, das starke Bevölkerungswachstum in den Griff zu kriegen. Die Familienplanung beeinflusste aber nicht nur die Bevölkerungsdichte sondern auch den Nachwuchs Chinas. Die heute erwachsen werdenden Einzelkinder gelten als verwöhnt und eigenwillig. Sind sie die "neuen Kaiser" Chinas? |
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Photo: Ursula Nagy |
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Kleine Kaiser |
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Liao Ping ist sechszehn Jahre alt und das einzige Kind in der Familie. Ihr Tag ist bis auf die letzte Minute ausgefüllt. Wenn sie um fünf Uhr nachmittags aus der Schule kommt, sitzt sie bis spät in die Nacht an ihren Hausaufgaben. Am Wochenende besucht die Schülerin Sprachkurse und übt Klavier. Für Freunde oder Sport bleibt keine Zeit. Für Liaos Erziehung ist ihren Eltern nichts zu teuer, ein Viertel ihres Einkommens investieren sie in die Ausbildung ihrer Tochter. Übernächstes Jahr soll sie zum Studium in die USA gehen. Das schüchterne Mädchen hat zu Hause nicht viel zu mitzureden. Alles, was von ihr erwartet wird, sind gute Noten.
Die 32jährige Unternehmerin Jin Song aus Ningbo kennt viele ähnliche Fälle in ihrem Bekanntenkreis : "Als Kinder werden sie verwöhnt, aber mit dem Eintritt in die Schule werden sie dazu angestachelt, die Besten zu sein. Die Eltern arrangieren alles und versuchen, ihre Kinder ständig zu kontrollieren."
Liao gehört zur ersten Generation von Einzelkindern, die während der staatlichen Familienplanung geboren wurden. Da viele Paare jetzt nur noch ein Kind bekommen dürfen, rückt es in den Mittelpunkt der ganzen Familie. Zwei Großelternpaare und die Eltern bemühen sich nach besten Kräften, dass aus dem einzigen Nachkommen etwas wird. Da in China oft beide Elternteile berufstätig sind, übernehmen im allgemeinen die Großeltern die Kindererziehung. Und die meinen es oft zu gut mit ihren Enkeln, denkt Jin Song: "Sie wollen ihnen alles geben, was sie damals nicht hatten. Die Menschen in den Großstädten haben jetzt einen höheren Lebensstandard, daher können und wollen sie ihren Nachwuchs richtig verwöhnen."
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Photo: Ursula Nagy |
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Einkindpropaganda im Dorf |
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So wird das Kind in seinen ersten Lebensjahren mit Zuneigung überschüttet. Und die drücken Chinesen gerne in Form von Essen aus. Jedes dritte Kind leidet heute in den reichen Industriestädten an Übergewicht. Kleine Kaiser dürfen sie jedoch nur in der frühen Kindheit sein. Auf dem Land müssen Kinder bereits früh im Familienbetrieb mitarbeiten, für die Schulgebühren ist häufig kein Geld übrig. In den Großstädten dagegen setzen Eltern ihre Sprösslinge unter hohen Leistungsdruck und organisieren Extraunterricht, damit ihr Kind einen der hart umkämpften Hochschulplätze ergattert. Einige spielen ihrem Nachwuchs schon vor der Einschulung Kassetten zum Englischlernen vor und üben mit ihnen chinesische Schriftzeichen. Statt mit ihren Freunden zu spielen, müssen viele Großstadtkinder zum Geigen- und Klavierunterricht, lernen Ballett und Kongfu.
Die Grundschullehrerin Weiwei aus Ningbo ist begeistert, wie schnell ihre Schüler neue Lerninhalte erfassen und im Unterricht mitarbeiten. In anderen Bereichen hat sie jedoch schwer zu kämpfen: "Viele Kinder können ihre Konflikte mit den anderen nicht lösen, wenn sie sich zum Beispiel mit ihrem Tischnachbarn streiten. Außerdem mangelt es vielen Schülern an Verantwortungsbewusstsein."
Wenn es darum geht, zu teilen und mit anderen zusammenzuarbeiten, tun sich viele Einzelkinder anfangs schwer. Da die meisten von ihren Eltern bis hin zur Berufswahl bevormundet werden, bleibt in puncto Selbstständigkeit oft einiges zu wünschen übrig. Der Dozent Xing Shi vermisst bei seinen Studenten vor allem Eigeninitiative: "Bei den Hausaufgaben muss ich ihnen alles genau vorschreiben. Viele Studenten tun nur das absolute Minimum, um durch die Prüfungen zu kommen."
Während einigen Kindern später die Abnabelung vom Elternhaus schwer fällt, entwickeln die meisten ein völlig neues Selbstbewusstsein. Viele Jugendliche vertreten eigene Ansichten und Lebensziele, träumen von einem Aufenthalt im Ausland und einem interessanten Beruf, in dem sie sich verwirklichen können. In dem stetig wandelnden China finden sie sich gut zurecht, denn sie sind Neuem gegenüber viel aufgeschlossener als die vorherige Generation. Schließlich sind sie inmitten der Reformen und der Öffnungspolitik Chinas groß geworden - in einer Zeit des wachsenden Lebensstandards und der größeren gedanklichen Freiheit.
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Photo: Ursula Nagy |
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Straßenschild in Ningbo: "Gesunde Kinder für eine glückliche Zukunft" |
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Im Gegensatz zu früher verlassen viele Kinder heute das Elternhaus, um ein unabhängiges Leben zu führen. Wenn ihre Eltern alt und pflegebedürftig werden, müssen sie jedoch häufig zurückstecken. Viele holen dann ihre Eltern zu sich oder unterstützen sie finanziell. So sieht es die chinesische Tradition vor. Vor allem auf dem Land sind die Rentner auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen.
Der 23jährigen Studentin Yin Ying aus Ningbo fällt es nicht immer leicht, die Verantwortung für die Eltern mit ihren eigenen Zukunftsplänen zu vereinen. Dennoch steht es für sie außer Frage, dass sie im Notfall immer für ihre Familie da sein will: "Wenn meine Eltern krank werden, ist es meine Pflicht, mich um sie zu kümmern - auch wenn ich später eine eigene Familie habe. In China ist die Familie traditionell das Wichtigste."
Die Einkindgeneration hat eine Diskussion über die Erziehungsmethoden ausgelöst. Die chinesischen Pädagogen sind sich darüber einig, dass sich in dieser Hinsicht einiges ändern muss. Großes Vorbild sind die westlichen Erziehungsmodelle. So wurden im chinesischen Bildungswesen bereits Reformen eingeleitet. Durch einen allgemein stärkeren Praxisbezug sollen die Kinder ganzheitlich gefördert werden.
Auch für Eltern gibt es heute Nachhilfe in Sachen Erziehung. Einige Zentren für Familienplanung sowie Schulen und Kindergärten bieten spezielle Kurse an, in denen Familien Anregungen für den Umgang mit ihrem Kind bekommen.
Die Einzelkinder können sich in staatlich geförderten Vereinen betätigen. Durch Ausflüge, Zeltlager und Ferien auf dem Bauernhof sollen sie korrekte Umgangsformen, Pflichtbewusstsein und Selbstständigkeit erlernen.
In den Großstädten Chinas ist inzwischen eingetreten, was die Direktiven der Familienplanung vorschreiben: Die Geburtenrate sinkt so rasant wie in vielen westlichen, leistungsorientieren Gesellschaften. Das Problem der Überalterung kommt auch auf die chinesische Gesellschaft im Eiltempo zu. Sieben Prozent der chinesischen Bevölkerung ist heute über 65 Jahre alt. Daher wurde die einst strenge Einkindpolitik nach und nach mit vielen Sonderregelungen abgemildert. Die Behörden betrachten die Lockerungen allerdings eher als Unterstützung der bisherigen Linie. Denn nach der Einschätzung von Demografen wird mit einem Sinken der Bevölkerungszahl erst ab dem Jahr 2040 gerechnet.
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