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Herausforderung aus Fernost - Schach im dritten Jahrtausend

Der Sturm auf die Verbotene Stadt - Wie der Traum von einer echten Schach-WM endlich wahr werden kann
- von Dr. René Gralla

Lange hatte es so ausgesehen, als würden die Wettkämpfe nie mehr zustande kommen. Zu- und Absagen, Terminverschiebungen und verwirrende Signale aus der Zentrale des Weltverbandes: eine Hängepartie mit ungewissem Ausgang, zum Leidwesen aller echten Fans. Und dann, am Ende, doch noch die erlösende Nachricht: Quasi auf den letzten Drücker, kurz vor Toresschluss 2003, findet die WM plötzlich statt. Anfang Dezember, eine vorgezogene Bescherung zum Auftakt der Adventszeit. Aha: Die Rede ist wohl von der endlosen Geschichte um die Herren Ponomarjow, Kasparow & Friends?! Und deren schier unglaubliches Problem, einen Modus zu finden, um den weltbesten Schachspieler zu ermitteln?

Leider nein. Zwar geht es hierbei auch um Schach - aber um eine besondere Variante: das Schach der Chinesen. Diese Version aus Fernost heißt Xiangqi - und der amtierende Champ der Champs wird bei den diesjährigen Welttitelkämpfen vom 6. bis zum 10. Dezember 2003 in Hongkong ermittelt. Nachdem es auch in der World Xiangqi Federation (WXF), dem asiatischen Gegenstück zur FIDE, vorher heftiges Gezerre um den Termin gegeben hat: ein unprofessionelles Hickhack, ohne dass die globale Laienspielertruppe in den Schachverbänden offenbar nicht glücklich ist.

Nun ja, okay: die Weltmeisterschaft im Chinaschach - aber was soll mich das denn angehen, das wird sich mancher Denksportler hierzulande jetzt fragen. Die Antwort lautet: sehr viel - und deutlich mehr, als der durchschnittliche Brettstratege annehmen mag (der ansonsten ja schon froh ist, wenn er wenigstens die Hauptlinien der gängigen Eröffnungen halbwegs vollständig memorieren kann). Und das hat - mindestens - zwei sehr gute Gründe.

Erstens schlägt das Xiangqi die Brücke weit in die Vergangenheit des königlichen Spiels. Das Chinaschach ist - das berichten jedenfalls die Historiker aus der Volksrepublik - bereits vor rund 2400 Jahren erfunden worden: vom legendären General Hán Xin, um seine Armee im Winterlager zu unterhalten. Damit ist das Xiangqi die Mutter aller Schachvarianten - und Indien hätte seinen Anspruch, das Ursprungsland des göttlichen Zeitvertreibs zu sein, überraschend verloren.

Zweitens macht, abgesehen von diesem historischen Aspekt, die Beschäftigung mit Xiangqi auch für den Praktiker des FIDE-Schachs sehr viel Sinn. Denn während die Denksportler aus der Volksrepublik noch vor wenigen Jahren auf der internationalen Turnierbühne eher eine Statistenrolle gespielt haben, beginnt sich das nun radikal zu wandeln. Maos Enkel sind zu einem neuen Langen Marsch aufgebrochen - und dieses Mal an die Weltspitze im Schach. Bei den Asien-Meisterschaften im April 2003 haben Pekings Frauen und Männer im indischen Jodhpur gewaltig abgeräumt und jeweils Platz eins belegt. Eine beeindruckende Performance, die eine Erfolgsserie fortsetzt, die sich bereits seit Beginn der 90er Jahre angedeutet hat: Sowohl die amtierende Damen-Weltmeisterin Zhu Chen als auch deren Vorgängerin Xie Jun stammen aus dem einstigen Reich der Mitte. Und haben so eine neue Qualitätsmarke kreiert: Premium Chess made in China.

Das wird sehr bald eine Klasse für sich sein, davon ist jedenfalls Liu Wenzhe überzeugt. Der Mann muss es wissen, schließlich bringt der 62-jährige Cheftrainer die chinesische Nationalauswahl auf Zack. Über seine Erfahrungen hat der Coach gerade ein Buch veröffentlicht, das einen entsprechend programmatischen Titel trägt: "Chinese School of Chess". In dem aktuellen Werk, das im Verlag B. T. Batsford erschienen ist (London 2002), formuliert und begründet Liu Wenzhe auf 288 Seiten seine Hauptthese: Im Turnierschach werde künftig die Chinesische Schule stilbildend sein - nach der Vorherrschaft der Italiener (16. bis 18. Jahrhundert) und der Klassischen Schule (1850 bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts), nach den Hypermodernen um Nimzowitsch, Réti und Dr. Tartakower mit ihrem Heyday in den Roaring Twenties, und nach den Sowjetrussen ab 1930.

Das Geheimnis Asiens - heißt Xiangqi


3D-Chinaschach aus Keramik

Die Siegesformel, der die Zukunft gehört - das ist, daran besteht kein Zweifel mehr, der Special Fighting Spirit aus Fernost. Dazu gehören Intuition, Inspiration, Berechnung, Positionsgefühl, vor allem aber Leidenschaft zum Spiel - und überdies ein besonderer Approach, der vor allem solche Pseudo-Mathematiker, die Schach am liebsten mechanistisch begreifen wollen, mit unendlichem Schauder erfüllen muss: die gerade n i c h t streng logische Herangehensweise an konkrete Stellungsprobleme. Wie diese besondere Kampfeinstellung ein Match entscheiden kann, das demonstriert, als eines der jüngeren Beispiele, der sensationelle Sieg von Damen-Weltmeisterin Zhu Chen gleich zu Auftakt des Grand Prix 2002 in Dubai gegen den damals amtierenden FIDE-Champ der Herren, den "Ruslan who?" Ponomarjow.

Zhu Chen gegen Ruslan Ponomarjov zum Nachspielen...

Aber was ist denn nun eigentlich das Geheimnis ihres Erfolges - dass die Chinesen quasi von Null auf Hundert gebracht hat, beim Blitzstart in die erste Schachliga? Das Zauberwort heißt Xiangqi - das chinesische Schach. Alle Spitzensportler aus Fernost haben zunächst die Version des königlichen Spiels gelernt, die in ihrer Heimat traditionell gepflegt wird. Erst danach haben sich die asiatischen Denkathleten der internationalen Variante zugewandt, die zum Beispiel hierzulande mehrheitlich die Turniere bestimmt. Darauf weist der Schach-Kommentator David H. Li hin, gleich einleitend auf Seite 4 in seinem Lehrbuch "First Syllabus on Xiangqi" (herausgegeben von der Premier Publishing Company, Bethesda Maryland, USA 1996; eines der wenigen Standardwerke, die auf Englisch zum Chinaschach auf dem Markt zu haben sind).

Die heute 32-jährige Xie Jun, Weltmeisterin der Damen von 1991 bis 1996 und noch einmal von 1999 bis 2001, ist vorher sogar in ihrer Geburtsstadt Peking U 10-Meisterin im Xiangqi gewesen. Auch Trainer Liu Wenzhe gilt als Chinaschach-Experte, und selbstverständlich beherrscht Women Champ Zhu Chen ebenfalls die überlieferte Variante aus ihrer Heimat; das hat sie den Autor persönlich per E-Mail ausdrücklich wissen lassen.

Ein Doktor Hübner schockt die Schach-Chinesen

Für helle Aufregung in der chinesischen Chess-Community gesorgt hat überdies der Auftritt des deutschen Schach-Großmeisters Dr. Robert Hübner. Der vielseitige Vordenker der Republik hat sich zeitweise sehr stark für die Popularisierung des Xiangqi eingesetzt. 1993 wagte er sich zudem unter die Chinese Chess-Superstars und landete während der Weltmeisterschaft in Peking sensationell weit vorne: auf Platz 36 unter 76 Mitbewerbern.


Die Besten der Besten - der spätere Xiangqi-Weltmeister Xu Tian Hong (links: mit Schwarz) gegen seinen deutschen Herausforderer, den Anziehenden Dr. Robert Hübner (re.)
Foto: www.csvde.de

Diese Erfolgsbilanz von Denksportlern, die sowohl das internationale Schach als auch Xiangqi beherrschen, kann wohl kein Zufall sein. Offenbar beeinflusst es die Kampfstärken in beiden Spielvarianten positiv und wechselseitig, wenn jemand gleichzeitig kombinieren kann wie einerseits der wilde Morphy - und wie andererseits die Virtuosen am Brett zum Beispiel aus der frühen Sung-Dynastie, von 960 bis 1126 nach Christus.

Kein Scherz - Chance auf ein Ticket für die nächste WM 2005

Xiangqi - das wirkt also offenbar ähnlich belebend wie Feng Shui am Brett. Last not least gibt es noch einen weiteren und sehr attraktiven Grund für jeden heimischen Schachspieler, einmal die chinesische Version zu testen. Während nämlich die überwiegende Mehrheit der Kopfarbeiter niemals auch nur entfernt davon träumen darf, bei einer richtigen Weltmeisterschaft zu starten, so sieht das im Xiangqi ganz anders aus.

Das liegt an den Besonderheiten der internationalen Chinaschach-Szene. Zwar gehen mehrere hundert Millionen Menschen regelmäßig auf Mattjagd Asian Style - insgesamt wohl eine halbe Milliarde, so dass die Variante aus dem Reich der Mitte, jedenfalls was deren globale Verbreitung angeht, das beliebteste Brettspiel der Welt sein dürfte - ; trotzdem konzentriert sich die Elite naturgemäß in den Gravitationszentren um Peking und Hanoi bzw. Saigon.

Außerhalb von China und Vietnam wird Xiangqi zwar auch gerne und leidenschaftlich gespielt, vor allem unter asiatischen Expatriates; in jedem Dim-Sum-Imbiss findet sich garantiert ein Patron oder Koch, der die Regeln beherrscht. Dennoch bleibt der Kreis derjenigen, die das Xiangqi in der chinesischen Diaspora ernsthaft trainieren, doch recht überschaubar.

Beispiel Deutschland, neben Frankreich ansonsten die Hochburg des Xiangqi in Europa: Hier konzentrieren sich nicht mehr als rund hundert Enthusiasten auf das Chinaschach als Leistungssport. Darin liegt aber wiederum eine Riesenchance für ehrgeizige Amateure und Semi-Profis, die endlich auch einmal richtig nach den Sternen greifen wollen. Während China, das die WM-Titelkämpfe natürlich bisher unangefochten dominiert, zu Weltmeisterschaften, die normalerweise im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfinden, nur zwei Kandidaten schickt, dürfen nicht-asiatische Länder größere Delegationen nominieren. Das ist eine Sonderregelung der WXF, die auf diese Weise für das chinesische Schach auch außerhalb des asiatischen Kulturkreises werben will.

Und damit öffnet sich jetzt ein schier unglaubliches Window of Opportunity, auf das jeder Schachfreund heimlich schon immer gewartet hat: die realistische Chance, ein Ticket zu ergattern für eine echte WM. Im selben Spielsaal und im selben Rundenturnier mit den absoluten Heroes des Sports, womöglich gar direkt am Brett face-to-face mit den Kasparows und Lekos; bloß dass diese Superstars hier Lü Qin, Xiangqi-Champ von 2001 bis 2003, oder wie sein Vorgänger Xu Yin Chuan heißen.

Gleich aus dem Stand in der Xiangqi-Bundesliga mitmischen - als erste Etappe auf dem Weg zur Chinaschach-WM 2005 in Vietnam

Der Durchmarsch Richtung WM kann dann folgendermaßen ablaufen: Da der Kreis der aktiven Chinaschach-Athleten in Deutschland bisher eben noch sehr überschaubar geblieben ist, darf jeder, der für schlappe 10 Euro Jahresbeitrag dem Deutschen Xiangqi-Bund (DXB) beitritt, gleich in der laufenden Bundesligasaison 2003/2004 mitmischen. Die ist bereits am zweiten November-Wochenende 2003 in Hannover gestartet, und zwar sehr stilgerecht, wie sich das eben für Asien-Schach gehört, in der örtlichen Pagode, die nebenbei auch noch der größte buddhistische Tempel dieser Art in Norddeutschland ist.

Ein frisch berufener Schach-Shaolin kriegt nach vollzogenem Eintritt in den DXB auf Basis des Wohnortprinzips einen der knapp zehn heimischen Vereine als Stammklub zugewiesen, von "Ostfriesland" über "Hamburg" bis zum "Stoßzahn Franken". Die Mannschaftsmeisterschaft der Republik wird nun so organisiert, dass die alljährlich vier Turnierwochenenden, die am Ende über das beste nationale Team entscheiden, gleichzeitig als individuelle Qualifikation der teilnehmenden Spieler für die deutsche Einzelmeisterschaft gewertet werden. Und zwar mit der Konsequenz, dass sich talentierte Chinaschach-Sportler, die an zwei der vier Liga-Weekends im vorderen Feld landen, gleichzeitig in das DM-Finale katapultieren.

Zugegeben: Für die aktuelle WM-Runde vom 6. bis 10. Dezember 2003 in Hongkong ist das zu spät. Gleichzeitig ist es aber durchaus realistisch, dass ein Fan, der sich nach der Lektüre dieses Stückes hier bei ChessBase für Xiangqi begeistert, die Folge-WM 2005 ansteuert, deren Gastgeberland wahrscheinlich Vietnam sein wird. Die aktuelle und noch laufende Bundesligasaison 2003/2004 wäre für Xiangqi-Einsteiger dann quasi der erste Probelauf zum Warmspielen.

Damit kann der frisch bekehrte Asiaschach-Aficionado gleich zu Beginn des neuen Jahres loslegen, und zwar am 21. und 22. Februar 2004 in Nürnberg (weitere Infos auf der DXB-Homepage http://private.addcom.de/dxb). In der Saison 2004/2005, die sich anschließt, wird es dann bereits richtig ernst; denn die nationale Meisterschaft entscheidet gleichzeitig über die begehrten Tickets für die WM 2005.

Xiangqi kann folglich der eigenen schachlichen Karriere einen ganz neuen Kick verpassen - endlich einmal kombinieren wie die Kung Fu-Mönche aus dem Reich der Mitte. Um anschließend sogar mal die echten Champs zünftig zu versohlen.

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