|
Herausforderung aus Fernost - Schach im dritten Jahrtausend
Über den Fluss zur Verbotenen Stadt
Wie fühlt es sich also an, wenn man Schach im Stil der großen Denker aus dem Fernen Osten spielen - und dabei gleichzeitig noch einmal neu entdecken - möchte? Dazu braucht der Studierende natürlich vor allem die richtige Grundausstattung. Die findet er in jedem größeren Asia-Supermarkt, zwischen Kühltruhen und Auslagen, von denen wohlgenährte Porzellan-Buddhas heruntergrinsen. Öffnet der Xiangqi-Novize dann seine frisch erworbene Chinese Chess-Box (Kostenpunkt: rund fünf EURO), stellt er freilich zunächst leicht irritiert fest, dass die darin enthaltenen Steine nicht jenen Erwartungen entsprechen, die ein Spieler, der die Sets der internationalen Variante gewohnt ist, vielleicht haben mag.
Xiangqi-Partien werden nämlich meist nicht mit dreidimensionalen Figuren ausgetragen, sondern mit runden Plättchen, auf deren Oberseiten chinesische Schriftzeichen markiert sind: Die definieren die verschiedenen Kampfwerte der Steine. Gleichzeitig besteht der Spielplan oft bloß aus einer schlichten Plastikfolie, die ein Gitternetz annähernd quadratischer Rechtecke aufweist. Wie dort die Xiangqi-Steine positioniert sind, das zeigt sehr instruktiv die Homepage des Chinesischen Schach-Vereins Mannheim (CSV) unter www.csvde.de/spiel.htm. Das ist ein Klub von vietnamesischen und chinesischen Expatriates, die sich unter der Leitung ihres rührigen Frontmannes Do T. Ha für die Förderung und Popularisierung des Xiangqi in Deutschland einsetzen.

Wenn wir jetzt das Demo-Diagramm mit unserem neu erworbenen Xiangqi-Satz vergleichen, dann erkennen wir: Die China-Steine stehen nicht auf den Feldern des Spielplanes, sondern auf bestimmten Schnittpunkten jenes Gitternetzes, das die Schach-Quadrate bildet. Das sieht auf den ersten Blick ziemlich fremd und gewöhnungsbedürftig aus - und steht dennoch dem westlichen Schach sehr nahe.
Das zeigt sogar das Design des Spielplanes. Der besteht nämlich aus 8 x 8 Quadraten; mithin sind das die bekannten und immer wieder beschworenen 64 Felder im Internationalen Schach. Hinzu kommt freilich ein Extrastreifen, der jeweils 4x 8 Quadrate voneinander trennt; der Flächeninhalt dieser schmalen Sonderzone umfasst weitere acht Quadrate, ohne jedoch entsprechend noch einmal gesondert unterteilt zu sein.
Diese zentrale Traversale ist der symbolische Grenzfluss zwischen der anziehenden roten Seite (korrespondiert Weiß im FIDE-Schach) und den verteidigenden Schwarzen. Dieser Huanghe - der "Gelbe Fluss", wie er auch genannt wird - muss überschritten werden, um den feindlichen Monarchen in seinem Palast zu stellen und matt zu setzen. Die rote bzw. schwarze Festung findet sich auf dem Brett eingezeichnet als Vier-Felder-Quadrat, das ein Diagonalenkreuz vom umgebenden Terrain abhebt. Eine hübsche Reverenz an die chinesische Geschichte: Die Herrscher im Reich der Mitte waren strikt gebunden an ihren Regierungssitz in Peking und dessen Verbotene Stadt.
Trotz dieser offenkundigen Unterschiede ergeben sich auch in vielen Xiangqi-Partien Situationen und Stellungsbilder, die verblüffende Ähnlichkeiten mit dem Geschehen auf dem FIDE-Brett aufweisen. Um das herauszuarbeiten, müssen nur die asiatischen Figurensymbole auf den einschlägigen Diagrammen in jene Piktogramm-Symbolik übertragen werden, wie sie der Leser kennt.
Das Ergebnis dieser Transformation findet sich zum Beispiel auf den Webseiten von Chessvariants zum Xiangqi: unter www.chessvariants.com/xiangqi.html (Diagramme).

Jetzt wird deutlich: Die Startpositionen von Rot und Schwarz auf dem Xiangqi-Plan sind im Wesentlichen nichts anderes als die weit auseinander gezogenen Ausgangsstellungen von Weiß und Schwarz auf dem 64-Felder-Brett. Auf welche Weise sich nun diese unterschiedlichen Formierungen der Kräfte zu Beginn des Matches auf den weiteren Verlauf des Kampfes auswirken - unter Berücksichtigung der teilweise modifizierten Zugmöglichkeiten der Steine einerseits im Xiangqi, andererseits im hierzulande bekannten Schach - , das werden wir uns im Folgenden genauer ansehen.
Die Notation
Wie wir gesehen haben, stehen die Xiangqi-Steine auf den Schnittpunkte jenes Gitternetzes, das den Xiangqi-Spielplan definiert. Sie manövrieren über diese insgesamt 90 symbolischen Wegkreuze - was den Bewegungen der Figuren über die 64 Felder eines internationalen Brettes entspricht.
Für das Schachgefühl macht das - nach einer kurzen Eingewöhnungsphase - keinen Unterschied. Die Notation der Züge erfolgt hier für die Leser nach dem Vorbild des Western Chess: also horizontal von links beginnend mit der A-Linie. Da die Xiangqi-Arena ja aber im Vergleich zum orthodoxen Schach um mehr als 40 Prozent vergrößert ist - 90 strategische Chinaschach-Punkte im Gegensatz zu den vertrauten 64 Feldern -, so wird dann lateral, ausgehend von der A-Linie, um eine Senkrechte weiter nach rechts durchnumeriert: nicht nur bloß bis zur H-Vertikalen, sondern bis zur zusätzlichen I-Linie. Gleichzeitig gibt es auf dem Xiangqi-Plan nicht nur acht Reihen wie im kleinen Reich der 64 Felder, sondern sogar zwei Zusatz-Horizontalen: Die tragen logischerweise - beginnend von der Grundreihe, die der roten Partei zugewiesen ist - die Nummern 1 bis 0.
Ausgehend von dieser horizontalen und vertikalen Definition der Felderpunkte werden dann die Zugfolgen im Xiangqi auf die Art und Weise dokumentiert, wie das jeder Spieler aus dem Internationalen Schach kennt, mit "x" für "schlägt" und "+" für "Schach" usw. Die nachfolgend verwandten Kürzel für die Figuren basieren dabei auf deren englischen Namen; das soll den Lernenden befähigen, später ohne große Umstellungsschwierigkeiten zu weiter führender Literatur zu greifen - die, abgesehen natürlich vom chinesischen Schrifttum, fast ausschließlich in englischer Sprache verfasst ist.
Das liegt an den Besonderheiten der internationalen Chinaschach-Szene. Zwar gehen mehrere hundert Millionen Menschen regelmäßig auf Mattjagd Asian Style - insgesamt wohl eine halbe Milliarde, so dass die Variante aus dem Reich der Mitte, jedenfalls was deren globale Verbreitung angeht, das beliebteste Brettspiel der Welt sein dürfte - ; trotzdem konzentriert sich die Elite naturgemäß in den Gravitationszentren um Peking und Hanoi bzw. Saigon.
Außerhalb von China und Vietnam wird Xiangqi zwar auch gerne und leidenschaftlich gespielt, vor allem unter asiatischen Expatriates; in jedem Dim-Sum-Imbiss findet sich garantiert ein Patron oder Koch, der die Regeln beherrscht. Dennoch bleibt der Kreis derjenigen, die das Xiangqi in der chinesischen Diaspora ernsthaft trainieren, doch recht überschaubar.
Schnapp Dir den König - in seiner Verbotenen Stadt
Spielziel im Xiangqi - wie auch im Internationalen Schach - ist es, den gegnerischen Oberbefehlshaber auszuschalten. Der muss "matt" gesetzt werden; anders als im Western Chess genügt nach den Regeln des Xiangqi freilich zusätzlich auch schon ein "Patt" für den Sieg. Das heißt also: Derjenige Spieler, der keinen legalen Zug mehr machen kann, weder mit seinem Commander-in-Chief noch mit einem anderen Truppenteil, der hat die Partie verloren.
|