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Sturm auf die Verbotene Stadt

Ein Student aus Zürich will die Eidgenossen für Chinaschach begeistern. Und startet seine Kampagne ausgerechnet im deutschen Hockenheim
- von Dr. René Gralla

Zürich/Hockenheim. Manche Leute wollen Popstar werden, allein über den Atlantik segeln oder einfach bloß Millionen scheffeln. Beat Sprenger aus Zürich hat sich ein anderes Ziel gesetzt: Der 25-jährige Student möchte die Eidgenossen für das Schach der Chinesen begeistern.

Ein Projekt, das mindestens so plausibel klingt wie das eventuelle Vorhaben, am Jangtse eine Jodelkneipe zu eröffnen. Was also treibt einen angehenden Wirtschaftsinformatiker, dem eigentlich nüchtern rationales Handeln unterstellt werden darf, zum recht bizarren Plan, erst die Schweiz und später den Rest der Welt mit einer weiteren Variante des ohnehin schon vertrackten königlichen Spiels zu beglücken?

Wer Beat Sprenger persönlich trifft, der erlebt eine Überraschung. Hier, im badischen Hockenheim an einem regenkalten Sonntagmorgen, sitzt in einem Ausflugslokal kein wirrer Bobby Fischer-Wiedergänger, sondern ein dezent Studio-gebräunter Modeltyp, der einen modisch angetäuschten Kinn- und Oberlippenbart trägt und die intellektuelle Ausgabe des Dandy-Kickers David Beckham gibt. Und wenn dieser "Beckham" Sprenger sehr ruhig und entspannt erklärt, warum Chinaschach konkurrenzlos spannend ist, dann kriegt auch der Zuhörer spontan Lust, sich das nächstbeste Brett zu schnappen und auf Mattjagd Asian style zu gehen.

Kung Fu-Schach im digitalen Jahrtausend

Durch Zufall, beim Surfen im Internet, hat Beat Sprenger seine neue Leidenschaft entdeckt: Xiangqi, das traditionelle Strategiespiel aus dem Reich der Mitte. Ersonnen von einem berühmten General namens Hán Xin vor rund 2400 Jahren - und auch heute noch rasant und fetzig, wie geschaffen für das Tempo im digitalen dritten Millennium. "Xiangqi ist äußerst dynamisch, Entscheidungen fallen schnell und klar", schwärmt Beat Sprenger. Also kein stundenlanges Figurengeschiebe, das am üblichen Schach oft nervt: stattdessen tödlich elegante Überfall-Attacken im Stil der Shaolin, jener legendären Kriegermönche, die Xiangqi als mentale Martial Art gepflegt haben.


Überfälle aus heiterem Himmel entscheiden im Xiangqi viele Partien. Hier, nachgestellt mit modernen 3D-Steinen im neuen Design von SHAOLIN-CHESS
Foto: Christoph Harder/FILM-ALLIANCE Hamburg

Zwei Armeen, "Rot" contra "Schwarz", kämpfen darum, den zentralen Grenzfluss Huanghe zu überschreiten und den feindlichen Palast zu stürmen. Dort verschanzen sich die Oberbefehlshaber, wie einst die Kaiser in Pekings Verbotener Stadt.

Kampfwagen rattern über freigeschossene Rollbahnen, das Elefanten-Korps rückt nach, und aus der Ferne donnern die Geschütze; denn sogar Kanonen gehören zum Xiangqi-Arsenal, seit 840 nach Christus, als die Artilleriewaffe in China erfunden worden ist.

Ein realistisches und sinnliches Szenario. Obwohl der Laie das kaum erkennen kann, falls er eine Partie Xiangqi beobachten sollte, vielleicht im Dim Sum-Imbiss an der nächsten Straßenecke: Das Kung Fu-Schach der Shaolin wird mit runden Holzplättchen gespielt, auf denen chinesische Schriftzeichen die verschiedenen Figuren markieren.


Synopse und Transformation von traditionellen Chinaschach-Steinen in das moderne STAUNTON-Design von SHAOLIN-CHESS (weitere Infos: shaolin-chess@freakmail.de)

Eine halbe Milliarde Menschen pflegt diesen Denksport, Xiangqi gehört in der Volksrepublik zur Alltagskultur. Ein Match zwischendurch, auf dem Wochenmarkt oder in der Suppenküche, ist dort ebenso normal wie eine Runde Skat unter westlichen Langnasen. Xiangqi als Massenbewegung: Davon kann Zürichs Wahl-Chinese Beat Sprenger natürlich nur träumen. Immerhin hat er bereits keck einen eigenen "Schweizerischen XiangQi-Verband" (SXV) gegründet; aber diese hoffnungsfroh proklamierte Assoziation ist gegenwärtig noch eine One-Man-Show ihres Ideengebers. Folglich hat Beat Sprenger notgedrungen nicht nur das Präsidentenamt, sondern der Einfachheit halber gleich auch den Titel des nationalen Champs provisorisch übernommen.

Meisterschaft der Schweiz in Hockenheim

Nördlich von Schaffhausen ist man da weiter. In Deutschland haben rund hundert Aktive bereits eine richtige Bundesliga etabliert. Die bleibt - vorerst - Zukunftsmusik für Beat Sprenger. Momentan ist er hoch zufrieden, dass er heute das erste "Internationale Xiangqi-Turnier mit Schweizer Meisterschaft" ausrufen kann. In Hockenheim.
Ausgerechnet in Hockenheim?! Klingt ziemlich komisch, macht aber Sinn. Beat Sprengers Ein-Mann-Veranstaltung SXV hat - wie erwähnt - unbestreitbar eine zu dünne Personaldecke, um ein Sportereignis dieser Größenordnung zu stemmen. Ein Problem, für das aber der kreative Xiangqi-Promoter eine pfiffige Lösung gefunden hat: die Titelkämpfe der Schweiz als Auswärtsspiel. Der Chinesische Schach-Verein Mannheim (CSV), ein Zusammenschluss von Expatriates vorwiegend aus Vietnam, leistet generös Entwicklungshilfe, organisiert Logistik und Wettkampfarena: das Hotel-Restaurant "Waldblick" - beinahe in Rufweite des Schumi-Reviers Hockenheim. Ein Genius loci, der den rührigen CSV-Chef Do T. Ha inspiriert: Der trommelt Stars der Szene zusammen, die das Event auf Formel 1-Niveau heben. Europas Chinese Chess-Queen Wu Cai Fang fliegt aus London ein, Mitbewerber Zhang Zhang ist die Nummer 7 auf Pekings Rangliste. Und der Schweizer Generalkonsul Johann U. Müller schickt ein persönliches Grußwort aus Stuttgart: Er wünscht "viele nette gemeinsame Stunden" und spricht dem CSV Mannheim "meine Anerkennung ... für seine 'freundschaftliche Nachbarschaftshilfe' " aus.

Alles wunderbar in Hockenheim - abgesehen von einem kleinen Schönheitsfehler: Fern der Heimat, in der teutonischen Diaspora, tritt ein einsamer Beat Sprenger unter dem roten Banner mit dem weißen Kreuz an. Vergessen wohl der Rütli-Schwur, auf fremdem Terrain springt dem Einzelkämpfer kein weiterer Enkel von Wilhelm Tell respektive Vico Torriani mutig zur Seite. Aber egal: Am Ende erweist sich die Solo-Performance für Beat Sprenger als echter Glücksfall. Da nämlich der Favorit Zhang Zhang ungefährdet durchmarschiert, während Beat Sprenger unbestreitbar wacker fightet, aber sich schließlich doch mit frugalen 0 Punkten aus sechs Runden bescheiden muss, greift in der Schlussabrechnung eine Sonderklausel der Turnierordnung ein. Die da besagt: Nur ein Kandidat mit gültigem Schweizer Pass kann auch Schweizer Xiangqi-Meister werden. Konsequenz: Beat Sprenger bleibt die Nr. 1 zwischen Basel, Genf und Appenzell. Nach der Maxime des unvergessenen praktischen Philosophen und Großpfälzer Kanzlers Dr. Helmut Kohl - "entscheidend ist, was hinten rauskommt" - ein Erfolg, der anspornt. Nun bereitet Beat Sprenger ein Frühjahrsturnier vor - aber dann nicht mehr in Hockenheim, sondern voraussichtlich April 2004 in Zürich.

Der entscheidende Aufgalopp, bevor Beat Sprenger ernsthaft nach den Sternen greift. Die diesjährige Weltmeisterschaft Anfang Dezember in Hongkong hat noch auf eine Schweizer Delegation verzichten müssen. Stattdessen aber improvisiert Beat Sprenger heuer, neben Helvetias externem Championat im fremdländischen Rheingau, wenigstens eine rudimentäre Champions League. Bislang als Zweier-Derby, zwischen Nürnberg und Zürich: Per E-Mail stellt sich unser Mann den Spitzenleuten des nordbayrischen Vereins "Stoßzahn Franken". Aktueller Zwischenstand: alles offen. Auf jeden Fall ist das - nach Hockenheim - ein zweiter wichtiger Leistungstest, bevor Beat Sprenger auch in den globalen Grand Slam-Zirkus eingreift. Für die Xiangqi-WM 2005 in Vietnam will Zürichs Home-Boy eine alpenländische Mannschaft nominieren. Sofern er Sponsoren findet, die den Mitgliedsbeitrag an die World Xiangqi Federation (WXF) berappen: per annum umgerechnet 500 Euro. Ein Schnäppchenpreis. Gefällige Spender melden sich unter xiangqi@gmx.ch.

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