Wer dieser Tage China besucht und als nicht chinesisch sprechender Ausländer das Internet nutzt, wird feststellen, dass e-Mail-Kommunikation und der Aufruf von Websites normaler Weise gut funktionieren. Auch an den Universitäten beschaffen sich Kollegen und Studenten umfangreiches Informationsmaterial zu verschiedensten Themen, sind offenbar gut informiert über aktuelle Welt- und Innen-Politik. Was könnte also Internet mit chinesischen Vorzeichen sein?
Wichtigste Funktion des Internet in China, so lautet die Antwort des Trierer Germanisten und Sinologen Fang Weigui, sei in dem offiziell noch kommunistischen Land, der Zugang zu alternativen Informationen, und damit verbunden, die Veränderung von Form und Inhalt der traditionellen Medien. Fangs Hypothese lautet, dass das Internet als Dimension und Werkzeug eines Strukturwandels der Öffentlichkeit im habermasschen Sinne in einem Land, wo die Demokratie noch Mangelware ist, wohl noch einen größeren Spielraum für die Entfaltung seines Potenzials im Sinne einer realen Demokratisierung habe.
Dabei hat sich das Internet in China nach zögerlichen Anfängen erst in den letzten Jahren insbesondere in den Städten und Ballungszentren der östlichen Küstenregionen rasant entwickelt: 1987 wurde die erste E-Mail über das China Academic Network an die Universität Karlsruhe geschickt: „Across the Great Wall we can reach every corner in the world“. Erst 1993 wurde eine Internetverbindung zur Universität Stanford/USA hergestellt, und noch bis zum 20. April 1994 verzögerte sich der vollständige Access- so lange hegten US-Behörden Misstrauen gegen China. 1996 gab es nur etwa 40.000 chinesische Internetnutzer, 1997 bereits 250.000 und Ende 2003 waren knapp 80 Millionen online, also etwa 6,2 % der Gesamtbevölkerung. 2004 haben über 86 Millionen Chinesen einen Internetanschluss, Tendenz steigend. Dennoch sei das Internet noch in einer peripheren Rolle, betont Fang. Tatsächlich rekrutierten sich die chinesischen Netizens bisher vorwiegend aus einer Minderheit der Wohlhabenden und Gebildeten im Land.
Mittlerweile allerdings entwickelt sich die Internetkultur zur Jugendkultur: Eine Generation von Schülern und Studenten schafft ihre eigene e-lifestyle – Unterhaltung heißt das Motto. So zählen SMS zum täglichen Leben vieler, besonders junger Städter an der Ostküste, ebenso die beliebten Online-Spiele und – wie der Autor an zahlreichen Beispielen demonstriert – die leidenschaftlichen Diskussionen in Foren und Chatrooms. Auch Cyber-Liebe, die Partnersuche im Cyberspace, ist schon für manche 14jährige SchülerInnen in Peking oder Shanghai nichts Ungewöhnliches mehr.
Westliche Leser mag es erstaunen, wie weit der ökonomische Sektor von Regierung und privaten Usern bereits ausgeschöpft wird. So entwickelt sich gerade der Unterhaltungssektor im Internet zu einem lukrativen Geschäft: Anbieter für online Spiele konnten im November 2003 bis zu 800.000 Besucher gleichzeitig verzeichnen, auch erotische SMS boomen. E-Business ist freilich noch in der Entwicklung, auch wenn SARS die Konsumgewohnheiten von Internetnutzern veränderte. Selbst die menschlichen Beziehungen wandeln sich - so findet die Trauer um Angehörige zunehmend auf Cyberfriedhöfen statt, dies ersetzt die traditionellen jährlichen Ausflüge zu den realen Gräbern beim Qingmingfest Anfang April.
So macht die Aufsatzsammlung von Fang Weigui deutsche Leser mit Entwicklungen und Trends des Internet in China bekannt, die weit über die langläufigen Informationen und Diskussionen im deutschsprachigen Raum hinausgehen. Schließlich befassen sich deutsche Medien vorwiegend mit der behördlichen Zensur des Internet in China, etwa zur Zeit der SARS-Epidemie, und mit der Durchsuchung und Schließung von Internet-Cafes. Starke Beachtung findet in den Medien die Kampagne gegen den Missbrauch des WWW – speziell gegen Gewalt und Pornographie im Netz - die in China vor etwa einem halben Jahr begonnen hat und die von Juli bis November 2004 zur Sperrung von 1125 pornographischen Websites und zur Verhaftung von über 400 Betreibern solcher Websites und auch bereits zu Verurteilungen führte.
Auch Fang geht auf die Zensur des Internet ein: Da das Internet durch Filtersoftware zunehmende Möglichkeiten der Überwachung und Kontrolle biete, sei eine Art Selbstzensur der BBS-Anbieter präsent; dennoch ließe die verschiedenen Foren im Internet genügend Raum zum Informationsfluss. Daher ist Fang entschieden der Meinung, dass eine ausschließliche Betrachtung der Entwicklung des Internet in China unter den Gesichtspunkt Zensur zu kurz greife: Ohne die Beachtung des größeren gesellschaftlichen Kontextes werde die soziale und politische Bedeutung des Internets in China nur bruchstückhaft verstanden.
Facettenreich stellt Fang die kaum zu unterschätzende Wirkung des Internet auf Politik und Gesellschaft in China dar: Schwerpunkt seiner Publikation sind die unterschiedlichen Formen der Internet-Aneignung unter den Bedingungen des gesellschaftlichen ökonomischen und politischen Wandels im Reich der Mitte – Fang spricht von einem chinaspezifischen Phänomen. Als Chance sieht der Autor die ausgeprägte Diskurs- und Dialogfähigkeit und -lust der chinesischen „Netizens“: Dass Newsgroups und besonders Chatrooms die wichtigsten Foren sind, wundert nicht. Denn im Chatroom findet die Kommunikation in Echtzeit statt – was den Nutzern nicht nur die Rolle von Rezipienten ermöglicht, sondern auch – wie Fang an vielen Beispielen demonstriert – die des engagierten Kommunikators.
Als größtes Hindernis beschreibt Fang die „digitale Kluft“ innerhalb Chinas, die nicht generelle tatsächliche Zugänglichkeit des Internet für alle Chinesen. Ebenso stellt die Sprachbarriere einen wichtiger Faktor dar – so diskutiert Fang die Durchsetzung des chinesischsprachigen Internetzugangs – chinesische Domain-Namen und E-Mail-Adressen - ebenso wie der „Sinisierung des Computers“ bewusst unter dem Aspekt der Betonung der kulturellen Eigenständigkeit des Internet vom Westen.
Bei aller Skepsis überwiegt der Optimismus des Autors, dass das Internet und damit die Cyberöffentlichkeit eine meinungsbildende Macht in China geworden ist, sowohl innerhalb des Netzes als auch zunehmend außerhalb. Die Entwicklung einer „Cyber-Öffentlichkeit“ und damit Demokratisierung in China sei letztlich nicht aufzuhalten.
Fangs Aufsatzsammlung ist eine faszinierende Lektüre für Laien und Fachleute, die sich mit Internet in China und mit den politischen und gesellschaftlichen Wandlungen im Reich der Mitte beschäftigen. Selbst wenn viele Zahlen und Daten aufgrund der dem Medium inhärenten raschen Entwicklung bereits veraltet sein mögen, so hat diese Geschichte des Internet in China ihren eigenen Wert. Zumal die Publikation keine der in der Internet Szene leider häufigen „Schnellschüsse“ ist, sondern den Forschungen des Autors am medienwissenschaftlich-sinologischen Forschungsprojekt der Universität Trier entspringt, das sich mit den kulturellen Ausprägungen und den regionalen Wirkungen des Internet im chinesischen Sprachraum beschäftigt.