Schmincke, Christian
Chinesische Medizin für die westliche Welt
REZENSION
von Dr. rer. nat. Claudia Krings
Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und der Westen - seit fast dreißig Jahren strömt andersartiges Wissen in einem nicht versiegenden Strom aus Asien in unseren Kulturraum ein. Es wird akzeptiert und adaptiert. Dies geschieht mit einer Intensität, die alle erstaunt und zugleich fasziniert. Anfänglich hörten wir hauptsächlich das Schlagwort Akupunktur. Doch da gibt es noch so sehr viel mehr. Nach wie vor ist unser Hunger nach Wissen groß, unsere Neugierde ungebrochen und unsere Hoffnung auf sinnvolle Alternativen wächst mit den sich einstellenden Heilerfolgen der TCM.
Im Westen versuchen Experten mit der weiter wachsenden Präzision technischer, also materieller Gerätschaften Krankheitsursachen auszumachen. Unzählige Messwerte in Form von Blutanalysen, bildlichen Darstellungen e.t.c. werden erfasst. Im so analysierten Menschen werden damit Krankheiten, die auf körperlich messbaren Veränderungen beruhen, erklärt und nach dem Stande unseres Wissens behandelt und korrigiert. Dies ist die Domäne der westlichen Medizin, deren Vorteile wir nicht missen wollen.
Vielfach stoßen wir jedoch auf das Phänomen, dass Leiden auftreten, die den Patienten quälen, sich jedoch nicht mit westlichen Messmethoden dingfest machen lassen - sie fallen sozusagen durch unser Erfassungsraster. Dies ist für den betroffenen Patienten, der im westlichen Sinne ein Leiden ohne klar fassbare Grundlagen, also eine so genannte „funktionelle Störung“ hat, ein unbefriedigender Zustand. Sein Leiden ist vorhanden aber er muss sich anhören: „wir können nichts finden“. Wären da nicht Beschwerden und Schmerzen, könnte er eigentlich frohgemut nach Hause gehen. So aber ist er gezwungen, sich selbst durch den Dschungel unseres Gesundheitssystems zu arbeiten und nach Hilfe zu suchen, denn er weiß und fühlt, daß in seinem Körper etwas nicht in Ordnung ist.
Oder nehmen wir den chronisch kranken Menschen mit Rheuma, Gelenkerkrankungen, Multipler Sklerose oder einen Krebskranken. Diese langwierigen und schweren Erkrankungen werden mit all unseren westlichen Möglichkeiten erfasst und auch nach dem aktuellen Stande unserer Arzneitherapie behandelt. Doch klafft da nicht oft eine Lücke in unserem westlichen System?
Gerätetechnisch „durchgecheckt“ wünschen wir uns, wenn wir Patienten sind, eben auch als Menschen mit Leib und Seele, nicht nur als perfekt analysiertes „Patientengut“ wahrgenommen zu werden. Hier setzt die heutige traditionelle chinesische Medizin an - als eine funktionale Wissenschaft, die den kranken Menschen aufgrund seiner lebendigen Abläufe, seines aktuellen biologischen und besonders psychischen Geschehens in den Mittelpunkt stellt.
Chinesische Ärzte sehen im Menschen ein energetisches Gefüge, dessen Qi (im Chinesischen ursprünglich: „Hauch“, „Atem“) mit dem deutschen Wort „Odem“ oder „Lebenshauch“ oder schlicht „Energie“ umschrieben werden kann. Nach jahrhundertealter Erfahrung der chinesischen Ärzte fließt dieses Qi nun auf definierten Bahnen, den Leitbahnen oder Meridianen durch unseren Körper. Verbunden ist das Qi mit Xue, dem Träger des Lebens, welches in manchen Bereichen dem westlichen Konzept des Blutes entspricht. Xue ist eher materieller, substantieller Natur. und somit der stoffliche Energieträger, der Kraft des Qi bewegt wird. Menschliche Funktionsäußerungen, Symptome und äußere Beobachtungsdaten werden weiterhin einer bestimmten Wandlungsphasen-Qualifikation zugeordnet, dem Funktionsbereich, der Lunge, Milz, Herz, Niere oder Leber sein kann.
Dr. Christian Schmincke ist in seinem Buch „Chinesische Medizin für die westliche Welt“ eine praxisorientierte und höchst informative Darstellung dieser Materie gelungen. Die theoretischen Grundlagen mit Qi und Xue als Träger des Lebens, die Funktionskreise der chinesischen Organlehre, die fünf Wandlungsphasen, Zusammenhänge zwischen Mikro- und Makrokosmos werden anschaulich erklärt. Im Kapitel Krankheitslehre wird detailliert die Systematik und Wirkung krankmachender Faktoren und Erkrankungsstadien bis zur Chronifizierung beschrieben. Bei den diagnostischen Verfahren der TCM finden wir an erster Stelle das, was uns in der westlichen Medizin so schmerzlich fehlt: die Krankenbefragung - und zwar als umfangreichsten und wichtigsten Teil. Es schließt sich die Geschichte der TCM in China und dem Westen an, gefolgt von den unterschiedlichen Heiltechniken der TCM (Qi Gong, Akupunktur, Arzneitherapie und chinesische Diätlehre).
Ob Qi Gong Übungen oder Akupunkturpunkte, das Buch ist mit wunderschönen Fotos und Abbildungen aufs lehrreichste ausgestattet worden. Im Kapitel Krankheiten werden Erfahrungen deutscher TCM-Ärzte mit deutschen Patienten dargelegt. Die Krankheiten werden symptomatisch beschrieben, im Sinne der TCM definiert und Heilmöglichkeiten aufgezeigt. Im letzten Teil Fernöstliche Therapien in Deutschland gibt es Tipps für Patienten auf der Therapeutensuche und Adressen/Webadressen und Bezugsquellen für TCM. Das Buch selbst ist handlich, die optische Aufmachung mit ästhetisch-sanften Farben in speziellen Textabschnitten und die durchgängig schöne Illustration machen das Lesen zum reinen Vergnügen.
Die Anregung zu diesem Buch, erhielt Dr. Christian Schminke von seinen Patienten. Und diesen hat er damit ein höchst nützliches Geschenk gemacht. Wer will, kann sich informieren, sich gezielt selbst helfen, vorbeugen und seinen Weg durch die Flut der TCM-Angebote in Deutschland finden. Auch angehenden TCM-Ärzten und Heilpraktikern oder Apothekern, die Arzneimittel der TCM vertreiben wollen, sei „Chinesische Medizin für die westliche Welt“ als sehr gute Informationsquelle empfohlen.
Dr. Christian Schminke ist ärztlicher Leiter der Klinik am Steigerwald in Gerolzhofen. Vorher leitete er seine eigene TCM-Praxis in Tübingen. Diese Klinik für TCM und biologische Heilverfahren wurde 1996 aufgrund einer ärztlichen Initiative gegründet und dort setzt der Autor chinesische Arzneitherapie bei schweren chronischen Krankheiten ein (Weichteilrheuma, Gelenkerkrankungen, Multiple Sklerose, Rheuma, Ergänzung zur Krebstherapie) - neben Akupunktur, Shiatsu, Tuina-Massagen und Qi Gong als weiteren Therapieformen. Der jahrelange professionelle Umgang des Mediziners und Biochemikers mit TCM und der praktische Einsatz in unserem Kulturraum bilden bei ihm die Basis für dieses beispielhafte Buch.
Für Interessierte seine Adresse:
Dr. Christian Schminke, Arzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren, Klinik am Steigerwald, Zentrum für Biologische Heilverfahren und Chinesische Medizin, 97447 Gerolzhofen
Tel. +49 9382 949-100 oder -203