Seit seinen Anfängen Ende der 1950er Jahre hat das Fernsehen in der Volksrepublik China eine enorme Entwicklung durchlaufen. Mit heute rund 1.1 Milliarden Zuschauern bilden die Chinesinnen und Chinesen das grösste Fernsehpublikum der Welt. Das Monopol von Partei und Staat über Medien und Information ist nach wie vor ungebrochen, dennoch haben sich die Fernsehlandschaft und der Medienkonsum in China stark verändert. Was bedeutet das genau für die Menschen in der Volksrepublik China? Was hat das ursprünglich fremde, aus dem Westen importierte Medium in der chinesischen Gesellschaft bewirkt? Auf welches Kulturverständnis ist es getroffen? Wie konnte es zum Leitmedium schlechthin avancieren? Wo positioniert es sich angesichts der nach wie vor strikten staatlichen Kontrolle über Medien und Information, der gleichzeitigen Öffnung und Kommerzialisierung der chinesischen Medien- und Filmmärkte und der sich rasant wandelnden Informations- und Kommunikationstechnologien in einer globalisierten Welt?
Der Medienwissenschafter und Sinologe Stefan Kramer geht diesen Fragen in seiner 2003 von der Universität Konstanz angenommenen Habilitationsschrift nach. Unter dem Titel „China TV - Fernsehen und kulturelles Selbstverständnis in der Volksrepublik China“ ist diese nun als Buch erschienen. Eine der Hauptthesen Kramers ist, dass das Fernsehen dem Wahrnehmungsraum der gegenwärtigen chinesischen Kultur eher entgegen kommt als jedes andere Medium. Damit fällt es, meint Kramer, China leichter als seinen westlichen ‚Mitspielern’, sich den gegenwärtigen globalen und multilokalen Prozessen anzunähern und Wege in die Medienzukunft zu finden. Kramer untersucht, wie das ursprünglich „fremde“ Fernsehen in eine Wechselwirkung mit den lokalen Gegebenheiten, Traditionen und Konzepten tritt und somit immer wieder etwas „Eigenes“ schafft. Er belegt seine Thesen anhand eingehender Analysen chinesischer philosophischer Konzepte und gegenwärtiger Diskurse der Medien- und Kommunikationswissenschaften in der Volksrepublik China. Dank der Analyse ausgewählter Fernsehprogramme zeigt er sehr deutlich die Rolle des Fernsehens für die nationale Geschichtsschreibung und Mythenbildung und für die ständige Neu-Legitimierung der Staatsmacht. Gleichzeitig weist er aber auch auf die ‚Modelle des Widerstands’ hin, die gerade durch das Fernsehen überhaupt möglich werden und längst im Gange sind. Kramers These mündet in der Schlussfolgerung, dass der unter anderem von Globalisierungskritikern vielfach befürchtete Verlust der kulturellen Vielfalt nicht unbedingt eintreffen muss. Es gilt, so meint er, viel eher, dass der europäische Betrachter sich von der Vorstellung verabschieden muss, dass aussereuropäische Kulturen nur in ihrer traditionellen Form erhaltenswert sind und jede technische Innovation gleich eine neue Form der Kolonisation bedeutet.
Der Autor mag manchem deutschsprachigen Leser bereits durch seine umfangreichen und überzeugenden Arbeiten zum chinesischen Film ein Begriff sein. Sein neuestes Buch darf mit Recht als Pionierarbeit bezeichnet werden und ist die erste umfassende Publikation in Deutsch zu diesem Thema. Kramers Thesen und Ausführungen sind nicht nur höchst interessant, sondern überzeugen dank der soliden wissenschaftlichen Arbeit und seiner umfassenden Kenntnisse der Materie. Allerdings wäre es begrüssenswert gewesen, der Autor hätte besonders einen Aspekt etwas genauer beleuchtet. In seiner Arbeit wird nicht ganz klar, wie er das kulturelle Selbstverständnis in der Volksrepublik China in Beziehung zum nationenübergreifenden chinesischen kulturellen Selbstverständnis setzt. Einige Ausführungen zu den verschiedenen „politischen Chinas“ und dem „kulturellen China“ der Gegenwart wären sehr wünschenswert gewesen. Dies insbesondere, weil er ja zum Schluss kommt, dass das Fernsehen dem traditionellen chinesischen Kulturverständnis relativ nahe kommt. Er spricht dann nicht etwa davon, dass es der Volksrepublik China einfacher fallen wird, auf die globalen Prozesse der Kommunikation zu reagieren, sondern Länder oder Regionen, deren Menschen vom chinesischen Kulturverständnis geprägt sind. Inwiefern wird sich die Volksrepublik China dabei von den anderen Staaten unterscheiden, welche in der chinesischen Kultur verwurzelt sind? Eine genauere Differenzierung dieser Frage und ein Blick auf Taiwan, Hongkong, Singapur, Gemeinschaften von Chinesen im Ausland oder solchen die sich in Migration befinden, wären da klärend und interessant gewesen (ebenso ein Vergleich mit einem weiteren Land aus dem ostasiatischen Kulturkreis, wie z.B. Japan).
Sehr bedauerlich ist, dass die Lektüre dieser umfangreichen Arbeit dem Leser in mehrfacher Hinsicht sehr viel Geduld und Nachsicht abverlangt. In erster Linie liegt dies an der sehr umständlichen Sprache und zahlreichen inhaltlichen Wiederholungen. Auch die unzähligen Druckfehler – Worttrennungen mitten im Satz – zeugen von einem sehr unsorgfältigen Lektorat. Die Arbeit bewegt sich ausserdem in Theorie und Terminologie in den sehr komplexen Sphären der postkolonialen Kulturwissenschaften. Wer damit nicht vertraut ist, wird von der begrifflichen Enge des Vokabulars irritiert sein und sich in vielen Passagen nur schwierig zurecht finden. Damit wird sich der Leserkreis wohl zwangsläufig auf Medien- und Kulturwissenschafter sowie Sinologen einschränken. Diese werden sich zwar an dem schön gestalteten Buch mit der sehr lobenswerten Verwendung von chinesischen Schriftzeichen für Schlüsselbegriffe, Namen und bibliografische Angaben freuen. Das fehlende Stichwortverzeichnis und ein unübersichtliches Inhaltsverzeichnis machen das Buch allerdings zu einem ungeeigneten Nachschlagewerk. Wer aber über all diese Mängel hinweg sieht, wird mit einer bereichernden Lektüre belohnt und ist gespannt auf die bereits angekündigte Fortsetzung, einer Arbeit über das chinesische Fernsehpublikum.