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Ha Jin
Verrückt

REZENSION
von Katharina Sommer

Ist der Literaturprofessor Yang Shenmin nach einem Schlaganfall im Frühjahr 1989 wirklich verrückt geworden? Redet er, so unvermittelt aus dem Alltag geworfen, nur wirres Zeug oder hat ihm die Krankheit ein Maß an Distanz gebracht, sich selbst, seine Profession und seine Lehrtätigkeit an der Universität von Shanning zu hinterfragen? Er kritisiert und glorifiziert vermeintlich gleichermaßen das Regierungssystem Chinas mitsamt seinen Strukturen seit der Ära Mao Zedongs; für sein Umfeld wenig verständlich. Trällert Yang noch in einem Moment voller Inbrunst revolutionäre Lieder, rezitiert Gedichte der Weltliteratur oder schwärmt ein wenig frivol von seiner Geliebten, so verfällt er im nächsten Augenblick in tiefste Verzweiflung und Panik, fleht um Gnade, sieht seine Seele hoffnungslos verloren.

Schlüsselfigur des Romans ist der Student Wan Jian, aus dessen Perspektive sich die Ereignisse entwickeln. Zunächst steht Jian dem Geplapper des Professors irritiert und fassungslos gegenüber, nach und nach jedoch fügen sich für ihn Yangs Worte wie Mosaiksteine zusammen. Mit der Zeit meint er, Yangs „Realität“ zu verstehen – nicht ohne Auswirkungen auf seine eigene Betrachtungsweise der Dinge, nicht ohne Konsequenzen für sein eigenes Leben. Je länger er über die möglichen Ursachen für Yangs Schlaganfall und dessen momentane geistige Verfassung grübelt, um so mehr verändert sich sein eigenes Weltbild; es verrückt. Hatte Yang doch gesagt, Gelehrte seien nichts weiter als Vieh auf der Schlachtbank. So will er nicht enden. Immer wieder geht es um Korruption, Intrigen und politische Machtstrukturen. Die Situation eskaliert, als Ha Jin seinen Protagonisten das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens miterleben lässt.

Der Autor porträtiert in dem, im März 2004 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman Verrückt mit erfrischender Wortgewandtheit ein Bild der Volksrepublik Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dabei verwebt er virtuos Kapitel um Kapitel fiktive Einzelschicksale mit Fakten der jüngsten chinesischen Geschichte. Er gewährt dem Leser einen besonderen Blick hinter die Kulissen – bedacht, wertungsfrei und trotzdem anklagend.

Obwohl Ha Jin in seinen Veröffentlichungen stets das politische System reflektiert, versteht er sich selbst nicht als politisch engagierter Schriftsteller. Eher zwangsläufig werden die Charaktere seiner Werke mit Strukturen der Staatsführung konfrontiert, denn unter dem damaligen sozialistischen Regime konnte niemand apolitisch existieren, und so ist seine Rolle als Systemkritiker unvermeidbar. Auch frühere Publikationen aus seiner Feder, kreisen in unterschiedlichsten Facetten immer wieder um das Thema Politik - ein Wesenszug, der einen Großteil moderner chinesischer Literatur begleitet. Ende der 90er Jahre fand Ha Jin Beachtung auf der Bühne der Weltliteratur. Sein 1999 mit dem National Book Award und dem PEN/Faulkner Award, dem höchst dotierten amerikanischen Literaturpreis ausgezeichnete, erster Roman Warten (dt. 2000) wurde im Jahr 2000 für den Pulitzerpreis nominiert. 2001 ist seine Novelle Im Teich und 2002 die Erzählung Ein schlechter Scherz auf dem deutschen Büchermarkt erschienen.

Ha Jin wurde 1956 als Sohn eines Offiziers in der nordchinesischen Stadt Jinzhou geboren und erlebte in jungen Jahren die 1966 proklamierte Kulturrevolution. Mit 14 Jahren trat er in die Volksbefreiungsarmee ein und diente fünf Jahre lang an der chinesisch-sowjetischen Grenze. Als 1977 die während der Kulturrevolution geschlossenen Universitäten wieder geöffnet wurden, schrieb er sich in Harbin als Student für das Fach Englisch ein. Acht Jahre später immigrierte er in die USA. Seit 1997 besitzt er die amerikanische Staatsbürgerschaft und lehrt als Professor der Literaturwissenschaft an der Universität Boston. Seinen Plan eines Tages wieder nach China zurückzukehren, hat er auf Grund der blutig endenden Demonstrationen in Beijing im Frühjahr 1989 verworfen und seinem Heimatland endgültig den Rücken zugekehrt.

In Ha Jins neuen Roman fließen Selbstreflexion und Aufarbeitung der persönlichen Geschichte mit ein. So lässt er denn auch Professor Yang von Kanada träumen und Wan Jian, als Konterrevolutionär denunziert, seine Flucht aus China planen.


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