LOGO CHINAFOKUS
   Berlin: 19:38   Peking: 02:38 Impressum | Kontakt | Sitemap 
Stichwortsuche
LOS
BÜCHERFOKUS

THEMENFOKUS
Galerie
BRANCHENFOKUS
REISEN
CHINAGRUSS

Olympia-Special Beijing 2008

Wetter in Beijing


Letzte Zuflucht Schanghai




Li Zhensheng
Roter Nachrichtensoldat

REZENSION
Marion Lüttig, M.A. Profil

Li Zhensheng und die Kulturrevolution

Harbin. Hauptstadt der Provinz Heilongjiang, bedeutendstes politisches und industrielles Zentrum im Nordosten Chinas. Es ist 1963 und der junge Li Zhensheng beginnt seine Karriere als Pressefotograf für das Heilongjiang Tagblatt. "In der Provinz Heilongjiang werde ich nicht alt", schreibt er in sein Tagebuch, abkommandiert dorthin, nachdem er eigentlich hat Film studieren wollen und nicht Bildjournalismus. Es werden jedoch mehr als zehn Jahre, deren fotografisches Ergebnis der rote Nachrichtensoldat von damals nun erstmals vorlegt.

Seine Berichterstattungen beginnen mit Fotos von Kampagnen gegen den "imperialistischen" Vietnamkrieg der USA und die 1965 bereits üblichen öffentlichen Kampfversammlungen gegen Bauern, die als "Grundbesitzer" angeprangert werden. In China ist man bereits lange vor Ausbruch der Kulturrevolution im Jahr 1966 an Massenbewegungen verschiedenster Art gewöhnt. Es gibt Kampagnen gegen das Engagement der Vereinigten Staaten im Koreakrieg, für die Umstrukturierung ganzer Landgemeinden im Namen der Landreform, Einsätze der gesamten Bevölkerung gegen natürliche "Feinde": Vögel, Nagetiere, Insekten. Es ist die Zeit der Sozialistischen Erziehungsbewegung, die Menschen werden zur geistigen und politischen Erziehung aufs Land verschickt, um sich mit der ländlichen Bevölkerung zu solidarisieren, Maos Schriften zu studieren und zu arbeiten. Auch Li Zhensheng wird im Oktober 1964 einer bäuerlichen Produktionsbrigade zugeteilt und er fotografiert. Eineinhalb Jahre vergehen.

"Ich kam im März 1966 zurück. Die Kulturrevolution brach im Mai aus", schreibt er und fotografiert weiter. Ein weiteres Mal beginnt eine Phase der Selbstkritik, der Umerziehung und Demütigungen. Menschen, die soeben noch an der Spitze derjenigen stehen, die bezichtigen und kritisieren, sehen sich bereits wenige Monate später in umgekehrter Rolle. Propagandistische Massenszenen mit gereckten Fäusten wechseln sich ab mit Szenen der Selbstbezichtigung, in demütiger Pose mit gesenktem Kopf auf einem Stuhl stehend. Anklagende Schilder hängen von den Hälsen, spitze Papierhüte mit Schmähschriften schmücken die Köpfe der Angeklagten. Die Bilder Li Zhenshengs scheinen sich zu gleichen, man verliert den Überblick, wer ist jetzt Täter, wer gedemütigtes Opfer? Was ist Teil der Umstände, wer blind mit den Massen?

Auch Li Zhensheng stürzt sich begeistert für Maos Sache in die Maschinerie der Kulturrevolution, gründet mit einigen seiner Kollegen beim Heilongjiang Tagblatt eine Rebellengruppe, leitet 1967 die Kritikversammlung gegen die Anhänger der rivalisierenden Gruppe, nimmt Teil an dem Tribunal gegen seinen Chefredakteur. Als offizieller Fotograf der staatlich kontrollierten Zeitung führt er Aufträge aus; doch gelingt ihm gleichzeitig noch etwas anderes: in seinen Fotografien spiegeln sich menschliche Tragödien und Schicksale wider, er zeichnet gleichsam ein Vermächtnis auf, für seine Zeitgenossen, aber auch für diejenigen, die diese Periode chinesischer Geschichte nicht miterlebt haben.

Studentenunruhen und Generalstreiks in Paris, später Niederschlagung des Prager Frühlings: die Grenzen verwischen sich auch in China ein weiteres Mal. Li Zhensheng findet sich 1968 an gleicher Stelle wieder, diesmal im Zentrum der Kritik. Entlassen wird er nicht, aber mit Fotografierverbot belegt. Kurz darauf werden er und seine Frau Yingxia, wie viele andere, in eine der Kaderschulen der Provinz auf halbem Weg zur russischen Grenze entsandt, eine gebräuchliche Praxis der Umerziehung durch harte körperliche Arbeit, galt dies doch als "probates Mittel zur Ausschaltung elitären Denkens und zur Propagierung sozialistischer Werte." Lediglich einige wenige Landschaftsaufnahmen gelingen hier, heimlich.

1971 kommt es abermals zur Wende: Verteidigungsminister Lin Biao versucht vergeblich, Mao zu stürzen und kommt auf der Flucht ums Leben. Kurz darauf werden Maßnahmen wieder rückgängig gemacht, viele beginnen, die Kulturrevolution anzuzweifeln und öffentlich Fehler der vorangegangenen Jahre zu kritisieren. Auch Li Zhensheng wird rehabilitiert und fotografiert wieder für das Tagblatt, diesmal allerdings als Leiter der Fotoabteilung. Die alten Kader gibt es nicht mehr.

Es wird 1972. Heimlich trifft der amerikanische Außenminister Henry Kissinger seinen chinesischen Amtskollegen Tschou En-lai. Kurz darauf kommen der Antikommunist Richard Nixon und der permanente Revolutionär Mao zusammen. China erhält den lang ersehnten und bislang von Taiwan gehaltenen Sitz bei den Vereinten Nationen. Straff organisierte Versammlungen lösen das Chaos plündernder Rebellenfraktionen in Heilongjiang ab. Li Zhensheng fotografiert Komiteetreffen, Modellarbeiter und diskutierende Arbeiter in einer Schuhfabrik, aber er dokumentiert ebenso das unverändert harte Leben in ländlichen Kommunen, alljährliche "Aktionen zur Revitalisierung des trockenen Bodens", "gebildete Jugendliche" und lokale Bauern zusammen arbeitend in den Produktionsbrigaden.

Am 9. September 1976 um 0.10 Uhr stirbt der große Vorsitzende Mao Tse-tung in Peking. Trauerveranstaltungen überziehen das Land, Hunderttausende versammeln sich, aber Li Zhensheng bekommt nur Bilder mit tränenlosen Gesichtern. "Jetzt ist er also tot!", heißt es lediglich. Die linksradikale Parteifraktion, die ‚Viererbande' um Maos Ehefrau Jiang Qing wird zerschlagen und wegen konterrevolutionärer Verbrechen verurteilt. Die Kulturrevolution ist zu Ende.

Den Schluss bilden die Fotografien eines der aufsehenerregendsten Prozesse der Post-Kulturrevolution im Jahr 1980: Die Verurteilung und Hinrichtung von Wang Shouxin, der "größten Veruntreuerin seit der Gründung des neuen China". Dem gleichen Jahr, in dem Li Zhensheng an der Abteilung für Journalismus der Universität Peking zu unterrichten beginnt und das den Beginn eines weiteren großen Wandels in China markiert. In der Folge wird auch Deng Xiaoping, der während der Kulturrevolution geschasst worden war, rehabilitiert und zum neuen "Großen Vorsitzenden" Chinas. Mit ihm erhalten marktwirtschaftliche Ideen Einzug in Chinas Wirtschaft, werden Landwirtschaftskollektive wieder aufgelöst und schließlich der Außenhandel mit anderen Ländern forciert. Und trotzdem bleibt angesichts dieser abschließenden Fotografien das Unbehagen wie eine Vorahnung auch auf den nachfolgenden Umgang mit Abweichlern von der Staatsdoktrin.

Roter Nachrichtensoldat ist ein beachtlicher Bildband, der durch diese erstmalig veröffentlichten Fotografien vielleicht hilft, die chinesische Kulturrevolution (1966-1976), durch die das Land in einem einzigen Jahrzehnt in sein Chaos stürzte, besser zu verstehen.

Vielleicht auch ein Bildband, der in seiner Kombination von Fotografie, illustrierendem Text und tagebuchgleichen Aufzeichnungen Li Zhenshengs der Mystifizierung der Großen Proletarischen Kulturrevolution entgegenwirkt. Und der gerade auch im Westen die quälende Paradoxie dieser langwierigen menschlichen Tragödie zwischen Täter und Opfer in Erinnerung ruft und ein wenig Licht auf die Motivationen und verborgenen Bedeutungen der Kulturrevolution wirft.

Ein Bildband, der verstehen macht, wie leicht nicht nur Li Zhensheng, sondern mit ihm Millionen andere sich eben noch ungestüm für die großen Ziele der Revolution ereifern, um lediglich Augenblicke später zu Revolutionsfeinden erklärt zu werden, und dann nur wenige Jahre später wieder an einer erneuerten Ausrichtung der Kulturrevolution mitarbeiten. Hierbei werden in einem rasenden Tempo gewaltige Umwälzungen herbeigeführt und mit Gewalt ausgeführt, die sich nur Monate später in die Gegenrichtung umkehren und die sie ursprünglich in Bewegung Setzenden treffen.

Die Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern bleibt diffus und wird sie getroffen, dann bleibt ein Unwohlsein. Dies wird in den Bildern Li Zhenshengs nachdrücklich deutlich.

Alle Fotos Copyright Li Zhensheng/CONTACT PRESS Images





<-- Zurück

 

Oben
CHINAFOKUS ist ein Service der INSIDE A Communications AG
© 2000-2008 / INSIDE A         Impressum, Nutzungsbedingungen
Buecher im Fokus
Themenfinder
Rezensionen
Tipps und Titel
Unsere Empfehlung
 "Sitting in China"
 von Michael Wolf

Chinesische Schriftzeichen
Chinesische Sprache

ANZEIGE

Historisch wohnen im Herzen Pekings, jenseits des Großstadtlärms? Hier im Hotel Cong-Hutong ist es möglich!
cong-hutong.com

Berlin-China.net